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Dana Müller

ALICETOWN

Fluch Schönheit: Mystery-Serie


Mitglied des Berliner Autorenzirkels - Wortschatz Die Geschichte basiert auf der Fantasie der Autorin und ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Handlungen sind rein zufällig und nicht gewollt. http://danamueller.jimdo.com/ https://www.facebook.com/pages/Dana-Müller/258472350978589 Twitter: @HotTintenfieber


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Alicetown

 

 

 

 

Teil 1

Fluch Schönheit

 

 

 

Vorwort


Alicetown liegt im Lewis County im Mittleren Westen des US-Bundesstaates Washington. Auf einer Höhe von 289 Metern über dem Meeresspiegel und einer Fläche von 215 Hektar leben genau 1.126 Einwohner in der Kleinstadt.

Im Grunde nichts Ungewöhnliches, wären da nicht die seltsamen Ereignisse, die Alicetown seit seiner Gründung im Jahre 1889 heimsuchen. Vielleicht liegt es auch an der konsequenten Geheimhaltung durch die Einwohner, dass die Geschichten über schwarzäugige Kinder, Dämonen und Geister nicht in Verbindung mit Alicetown gebracht werden. Dieser Ort existiert so geheim, dass er nicht einmal auf Karten verzeichnet und bei Google Maps unter einer verpixelten Fläche nur zu erahnen ist. Die meisten von uns würden diese Anomalie bei Google lediglich als Fehler sehen und nichts dahinter vermuten.

Genau hier lebt Hannah Goodman mit ihrer Familie in dem Haus ihrer Oma. Sie erlebte vor drei Monaten Dinge, durch die sie in die Geheimnisse eingeweiht und zu einem Teil davon wurde.

Mit ihrem Freund Joe, dessen Mutter Emely und ihrem Bruder Holden stellt sich Hannah dem Bösen und entdeckt eine Gabe, die sie zu etwas ganz Besonderem macht.

 

Das mysteriöse Mädchen


Hannah war von Holz umgeben, in das seltsame Zeichen eingraviert waren. Eine bleierne Kälte umschlang sie und dann sah sie das tiefe Schwarz. Einen Nebel, der sich in die hinterste Ecke drückte.

Sie blickte sich um, konnte Joe aber nicht sehen. Panik ergriff sie, ihr Herz schlug wild und ihre Knie zitterten. Sie war in der Kiste, für die Joe das Grab aushob. Sie würde darin verrotten, zusammen mit Shahur.


»Hannah«, erklang die Stimme ihres besten Freundes. »Erde an Hannah. Wir haben ein Problem.«

Sie hörte ihn, doch sie konnte sich von ihren Gedanken nicht lösen. Erst als sie einen Hieb in ihrer Seite spürte, kehrte sie zurück in die Gegenwart.

»Was?«

»Wo warst du?«

»Denkst du noch manchmal daran?«, wollte sie wissen und traute sich nicht den Namen des Unglücks auszusprechen.

Joe hingegen schien es nicht zu stören, die Dinge zu benennen. »An Shahur?«

Sie fuhr zusammen und blickte sich um. »Nicht so laut.«

»Warum nicht? Der schlummert in seiner Kiste, tief unten in der Erde.«

Erneut sah sie sich um. Der Schulhof war von Leben erfüllt. Sämtliche Schüler nutzten das schöne Wetter. Keiner von ihnen saß heute in der sterilen, von Neonlicht gefluteten Mensa.

»Man könnte dich hören«, flüsterte sie.

Er legte ein breites Grinsen auf. »Na und? Sollen sie ruhig erfahren, dass wir einem Dämon in den Allerwertesten getreten haben.«

Hannah rügte ihn mit ihrem Blick. Er verstand sie sofort, dafür brauchte sie keine Worte. Das schätzte sie sehr an ihm. Er neigte sich über den hölzernen Tisch und belegte ihre Lippen mit einem zarten Kuss. »Ich weiß doch, dass du das nicht willst. War nur Spaß.«

Hannah ging es nicht darum, die Erlebnisse des Sommers totzuschweigen. Ihr war nur daran gelegen, nicht als Verrückte abgestempelt zu werden. Aus Erfahrung wusste sie, dass das schnell ging. Joe wurde ohnehin gemieden. Schließlich war seine Mutter als Hexe bekannt. Wahrscheinlich, so dachte Hannah, haben sie einfach Angst vor dem Unbekannten. Seit sie und Joe ein Paar waren, hatten die Leute auch vor ihr ein wenig Scheu. Sie wurde zwar nicht gemieden, aber ihre Mitschüler verhielten sich ihr gegenüber vorsichtiger als früher.


Ihr Blick erfasste Nancy Stark. Zumindest sah das Mädchen aus wie Nancy. Aber sie konnte es unmöglich sein, es sei denn, sie hätte in den letzten Tagen so viel Gewicht verloren, dass sie vier Größen kleinere Sachen tragen konnte. Sie hatte im Unterricht den Platz vor Hannah und hatte dauernd an ihrem Shirt herumgezupft, um den Rettungsring über ihrer Hüfte zu verbergen. Nun sah sie aus, als hätte sie eine Crashdiät gemacht. Vorsichtig stupste sie Joe an.

»Hat Nancy eine Schwester?«

Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, fiel ihr eine durchscheinende Gestalt hinter dem Mädchen auf. Sie klebte regelrecht an ihm. Jede Bewegung, die Nancy machte, tat auch ihr seltsamer Schatten.

Solche Erscheinungen hatte Hannah immer wieder, seit sie in Shahurs Welt eingedrungen war. Joes Mutter hatte gesagt, dass sie nun miteinander verbunden waren und sich diese Verbindung mit der Zeit lösen würde. Mit einem Dämon verbunden zu sein, entsprach nicht gerade Hannahs Vorstellungen von einem normalen Leben. Drei Monate war es her, seit sie, Joe und seine Mutter Shahur besiegt hatten.

Doch, statt wie versprochen nachzulassen, gewannen die Erscheinungen an Stärke. Immer deutlicher konnte sie die Seelen von Toten sehen. So hatte sie zumindest Joes Mom bezeichnet. Ob sie tatsächlich fremde Seelen waren, die auf der Welt umherwanderten, oder aber jene, die der Gefangenschaft Shahurs entkommen waren, wusste sie nicht. In manchen Momenten dachte sie sogar, sich alles nur einzubilden. Dann aber erinnerte sie sich an all die schlimmen Dinge, die sie und Joe bezwungen hatten. Nein, Einbildung waren diese Begegnungen sicherlich nicht.

»Scheiße, das muss eine Schwester sein. Die ist viel zu dünn für Nancy.«

Hannah versuchte sich zu erinnern, ob sie Nancy heute bereits in der Klasse gesehen hatte. Sie wäre ihr mit größter Sicherheit aufgefallen, denn das Mädchen fehlte seit zwei Wochen.

»Aber was macht denn die Schwester hier? Ob Nancy was passiert ist?«

»Wenn das überhaupt ihre Schwester ist.«

Nancy strich sich eine widerspenstige Strähne ihres braunen Haares aus dem Gesicht und richtete den Gurt ihrer Tasche.

»Joe, guck doch mal genauer hin. Ihre Gesten sind die gleichen. Die müssen miteinander verwandt sein.«

Er sah ihr hinterher. Nancy verschwand im Schulgebäude. Joe wirkte verwirrt.

»Na ja, vielleicht ist es eine Cousine oder so. Vielleicht ist Nancy noch immer krank und sie gibt nur das Attest ab«, schlussfolgerte er.

»Klar, die haben kein Telefon zu Hause«, antwortete Hannah ironisch und erhob sich von der Holzbank.

»Wo willst du hin?«

»Nachsehen, wo das schlanke Nancydouble hinwill«, gab sie zurück und hastete schnellen Schrittes in das Schulgebäude. Joe folgte ihr.

Die Schulglocke kündigte das Ende der Pause an. Hinter ihnen strömten die Schüler herein. Hannah konnte das Mädchen nirgends entdecken. Das enttäuschte sie.

»Komm, Mr Bowley sieht es nicht gerne, wenn wir zu spät kommen«, meinte Joe.

Das stimmte. Der Lehrer konnte einem ziemlich zusetzen, wenn man nicht pünktlich auf seinem Platz saß. Also gab Hannah Joes Bemühungen nach und ging in den Klassenraum. Wenn das Mädchen wegen Nancy hier war, dann würde sie es bei Mr Bowley antreffen, dachte sie. Immerhin würde er das Attest entgegennehmen müssen. Aber als sie den Raum betraten, musste sie sich eingestehen, die Situation fehleingeschätzt zu haben. Der Stuhl vor ihr war nicht besetzt.

»Jetzt entspann dich mal wieder«, sagte Joe und nahm neben ihr Platz. »Die ist bestimmt nur krank. Magen-Darm oder vielleicht hat sie dieses tödliche Frauenleiden.«

Skeptisch sah Hannah ihn an. »Seit zwei Wochen? Glaube ich weniger. Außerdem macht sie mich nervös.« Sie war tatsächlich angespannt. Doch das lag eher an der Tatsache, dass ein Geist dieses Mädchen begleitete, das Nancy – abgesehen von der Figur – zum Verwechseln ähnlich sah, »Mit der stimmt was nicht. Sie hat einen Schatten«, flüsterte sie ihm zu, während Mr Bowley den Raum betrat. Sein lautes Räuspern klang aufgesetzt.

Sofort herrschte absolute Ruhe. Ein leises Rascheln wurde von dem scharfen Blick des Lehrers unterbrochen.

»Herrschaften«, hallte seine brummige Stimme durch den Klassenraum. »Weiß jemand, wo sich Miss Stark aufhält?«, fragte er, zog den Stuhl zurück und setzte sich an sein Pult. Dann ließ er prüfend seinen Blick über die Gesichter schweifen. »Niemand?«

Hannah war nahe dran, ihm von dem Mädchen zu erzählen. Doch sie schwieg und schüttelte langsam den Kopf.

»Gut. Wir verlegen den Unterricht heute nach draußen. Während ich Ihre Klausuren in Augenschein nehme, beschäftigen Sie sich bitte mit dem Stoff der letzten Stunde.«

»Da hat wohl jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht«, flüsterte Joe und stand auf.

Hannah kam es auch seltsam vor, dass ihnen gerade der strenge Mr Bowley nicht nur eine Freistunde schenkte, sondern sich noch dazu nicht auf den Unterricht vorbereitet hatte. Mit einem Achselzucken schnappte sie sich ihre Tasche und folgte Joe durch die hinausströmende Menge. Die Schüler hatten es sehr eilig, den Klassenraum zu verlassen. Kein Wunder, dachte Hannah, als Joe meinte: »Beeil dich, bevor er es sich anders überlegt.«

Auf dem Weg nach draußen sagte sie: »Ich möchte wissen, warum er die Klausuren nicht zu Hause korrigiert hat. Das sieht ihm gar nicht ähnlich.«

»Seine Tochter ist verschwunden«, sagte eine kräftige Stimme hinter ihr.

Hannah drehte sich um und stand Riley gegenüber. Der stämmige Baseballspieler der Schulmannschaft sah sie traurig an.

»Woher weißt du das?«

»Gestern waren die Bullen bei mir. Ich war der Letzte, der sie vor drei Tagen lebend gesehen hat. Aber sie war mit irgendjemandem verabredet und hatte es ziemlich eilig. Na ja, die Bullen glauben mir. Mary hat eine Menge zu erklären, wenn sie wieder auftaucht.«

Mit diesen Worten ließ er Hannah stehen und zog an ihr vorbei in Richtung Ausgang.

»Das ist hart«, sagte Joe. »Ihr ist bestimmt was passiert. So habe ich sie gar nicht eingeschätzt. Außerdem hätte sie sich bei ihrem Dad gemeldet oder zumindest bei jemandem aus dem Cheerleaderteam. Ohne sie wird das ganze Trüppchen zusammenbrechen, weil sie nicht nur die Choreo gemacht hat. Mary war irgendwie die Seele des Teams«, sagte er und verbesserte sich sofort. »Ist, sie ist das Herz und die Seele des Haufens«.

Fassungslos erwiderte Hannah: »Erst mal ist sie nicht für tot erklärt worden. Ich bin sicher, Mary taucht wieder auf. Und außerdem …, wieso bist du so gut informiert?«

»Ich habe letztes Jahr ein Werbevideo für die Schule gemacht. Projektwoche«, warf er rasch hinterher und eilte hinaus.

Hannah beschlich das Gefühl, dass noch mehr dahintersteckte. Jedoch merkte sie ihm an, dass er nicht darüber reden wollte. So folgte sie ihm hinaus.

»Toll«, meinte Joe. »Jetzt müssen wir auch noch hier rumgammeln.«

Hannah sah sich um. Hier gammelte niemand. Alle Schüler ihrer Klasse hielten auf das Tor zu und verließen das Schulgelände.

»Na ja, du kannst hier gammeln. Oder wir gehen einfach.«

»Hannah. So kenne ich dich ja gar nicht«, gab Joe mit einem breiten Grinsen zur Antwort.

Sie hakte sich bei ihm unter. »In mir schlummert so viel mehr und langsam drängt es an die Oberfläche.«


Hinter dem Zaun erstreckte sich der Wald. Zwischen den Bäumen bemerkte Hannah ein Huschen. Es war zunächst nicht auszumachen, ob es sich um ein Tier oder einen Menschen handelte, dafür war es zu schnell verschwunden. Doch als sie erkannte, was sich dort bewegte, blickte sie betreten weg.

Bei der Gestalt handelte es sich um einen Mann, dessen Gesicht blau und aufgedunsen war. Ein Toter, dachte sie. Er holte die Erinnerung an die blasse Erscheinung hinter dem Nancydouble wieder hoch. Einsam drehte er seine Runden um eine alte Eiche, bemerkte Hannah gar nicht. Tote machten ihr keine Angst, aber manche von ihnen waren schreckliche Tode gestorben und sahen dementsprechend aus. Dieser hier musste ertrunken oder erstickt sein. Sehnlichst wünschte sie sich, dass ihre Verbindung zur Totenwelt endlich an Kraft verlieren würde.

Vor ihnen tauchte das Nancydouble plötzlich auf. Hannah stieß Joe mit dem Ellenbogen in die Rippen und rasterte das Mädchen ergebnislos nach dem seltsamen Schatten ab.

»Au!«, beschwerte er sich.

»Da«, sagte sie leise und deutete mit dem Kopf auf Nancys schlankes Double. »Los, wir fragen sie nach Nancy.«

Ruckartig blieb Joe stehen. »Lieber nicht.«

»Lass mich nur machen. Du kannst ja schweigen«, erwiderte Hannah und zog ihren Arm unter Joes hervor.

»Nancy?«, rief sie aus einiger Entfernung. Zu ihrer Verwunderung drehte sich das Mädchen um. Je näher Hannah ihr kam, umso größer wurde die Ähnlichkeit zu Nancy. Doch das Mädchen drehte sich weg, schob die Hände in die Jackentaschen und legte einen Schritt zu. Hannah ließ sich jedoch nicht abschütteln und rannte ihr hinterher.

»Warte doch mal«, rief sie.

Abrupt blieb das Mädchen stehen, drehte sich aber nicht um. »Was willst du?« Ihre Stimme hatte denselben Klang wie Nancys, was Hannah noch mehr irritierte.

»Nancy?«, fragte sie erneut.

Sie wandte sich Hannah zu. »Okay, ich bin’s. Und jetzt?«

Wortlos staunend ließ Hannah ihren Blick an Nancys Figur rauf und runtergleiten.

»Kann ich jetzt weiter?«

»Wie hast du das gemacht? Das ist unglaublich«, staunte Hannah.

Einen winzigen Moment sah Nancy sie an, als wäre sie bei etwas wirklich Schlimmen ertappt worden. Dann sagte sie: »Eine neue Art der plastischen Chirurgie.«

»Aber müsstest du dann nicht in der Klinik sein? Du musst doch Schmerzen haben.«

Nancy schluckte. »Ich hab gute Schmerzmittel. Außerdem«, setzte sie an und legte eine kurze Denkpause ein. »Ich habe an einer Testphase teilgenommen, in der das Fett durch ein Medikament entfernt wird, ganz ohne Skalpell. Und eigentlich darf ich darüber noch nicht sprechen.«

»Aber wird in der Chirugie nicht immer geschnitten?«, widersprach Hannah.

»Eigentlich geht dich das gar nichts an«, erwiderte sie.

»Wow«, warf Joe ein.

Hannah schwieg. Sie betrachtete ihr Gegenüber, bewunderte ihre Figur und wusste mit unumstößlicher Sicherheit, dass Nancy log. Nur das Gesicht hatte sich nicht großartig verändert. Klar, es war schmaler geworden und auch ihr Doppelkinn war verschwunden, aber die knollige Nase und der kleine Höcker auf dem Nasenrücken waren geblieben. Ebenso ihre unreine Haut und die schmalen Augen. Aus der Ferne wirke sie hübsch, aber näher betrachtet verlor sich diese Wirkung. Von ihrem Gesicht schien sie mit einem großen Ohrring ablenken zu wollen. Das, so dachte Hannah, war ihr nicht gelungen.

»Ich muss dann auch wieder weiter«, sagte Nancy und lief los.

»Dann hat sie selbst ihre Krankschreibung abgegeben«, schlussfolgerte Joe.

»Aber, wenn sie so fit ist, braucht sie doch keine Krankschreibung. Ich glaube eher, dass sie sich mit ihrer neuen Figur nicht getraut hat, den Klassenraum zu betreten. Ich meine, die Figur ist makellos, aber der Rest …«

»Hannah, jetzt wirst du aber bissig«, bremste Joe sie aus und legte seine Hände auf ihre Hüften. »Das hast du doch gar nicht nötig«, wisperte er, zog sie an sich heran und küsste sie sanft.

Auf dem Nachhauseweg dachte sie über Nancy nach. An ihr hatte eindeutig der Geist einer Frau gehaftet. Dann war da noch diese neue Methode, von der Hannah noch nie etwas gehört hatte. »Sag mal«, setzte sie an und blieb stehen.

»Was denn?«

»So ein Eingriff kostete bestimmt viel Geld, oder?« Sie wusste, dass Nancys Mutter arm wie eine Kirchenmaus war.

Er nickte. »Na ja, aber wenn sie sich als Versuchskaninchen angeboten hat, dann bekommt sie das bestimmt auch noch bezahlt.«

Hannah schnaufte. »Boah, tolle Figur und Geld obendrauf?«

»Ich glaube nicht, dass das so ganz risikofrei ist.«

Sie sah an sich hinunter und zupfte an ihrem Bauch herum.

»Nein!«, schoss es über Joes Lippen. »Denk gar nicht mal dran.«

»Ein bisschen könnte doch weg, oder?«

»Wovon denn? Da ist nichts, was zu viel wäre«, beteuerte er. »Und außerdem liebe ich jedes Gramm an dir.«

Und sie liebte es, ihn zu necken. Dann kam er aus seinem Schneckenhaus hervor und überhäufte sie mit Komplimenten. Das mochte sie sehr. Da war nur ein klitzekleines Problem. Sie konnte Dinge sehen, die kein anderer sah. Händchenhaltend schlenderten sie die Straße hinauf, als Hannah sich bei dem Gedanken an Geister plötzlich schüttelte.

»Was ist? Hab ich was Ekliges gemacht?«

»Nein«, antwortete sie. »Es ist …, schon gut.« Sie wollte nicht mit Joe über ihr Geisterproblem reden. Er ahnte es, wusste es vielleicht auch schon. Aber mit ihm Erscheinungen zu durchleuchten, konnte sich Hannah nicht vorstellen. Joe war viel zu ängstlich, was das anging. Seine Mutter hatte möglicherweise etwas durchsickern lassen. Es war für Hannah seltsam, Dinge mit Emely zu besprechen, die sie vor Joe verbarg. Aber andernfalls wäre alles nur unnötig kompliziert. Also ergriff sie die Flucht nach vorn. »Zu mir oder zu dir?«

»Ehrlich gesagt: lieber zu dir. Mom übertreibt es in letzter Zeit wieder mit dem Räuchern.«

Immer, wenn Emely Strawer ausgiebig räucherte, war sie der Meinung, das Böse in Alicetown ist stärker geworden. Seit sie Shahur im Tchabrak eingesperrt hatten, machte sie in regelmäßigen Abständen solche Räucherungen. Vielleicht sorgte sie sich einfach nur, dass der Dämon eines Tages aus seinem Gefängnis entfliehen könnte.