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Ein Haus
in der Wildnis

Erinnerungen

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Annie Proulx

Aus dem Amerikanischen
von Melanie Walz

Luchterhand

Die Originalausgabe erschien 2011
unter dem Titel
Bird Cloud. A Memoir bei Simon & Schuster, New York.

Dank an Claus Keller für die Fachberatung

Copyright © der Originalausgabe 2011 Dead Line Ltd.

Copyright © der S/W-Illustrationen 2011 Dead Line Ltd.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011 Luchterhand Literaturverlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-06608-6

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Für Harry Teague, der es entworfen,

für die James-Bande, die es gebaut,

und für Dudley Gardner, der es gegraben hat.

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» ein sehr merkwürdiges Gericht aus Wiener Würstchen, die am einen Ende zischend heiß waren und am anderen Ende gefroren ein schlagender Beweis der Nicht-Leitfähigkeit von Würstchen in großer Höhe.«

H. W. Tilman

Kapitel 1

Die Nebenstraße nach Bird Cloud

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März 2005

Die kuhgesprenkelte Landschaft ist von aschgrauer Farbe. Ich fahre durch flaches Weideland auf einer holperigen Landstraße, großenteils blankem Erdboden, denn den schützenden Kies haben dahinrasende Ranchlaster längst in den Graben geschleudert. Erstarrte Reifenspuren biegen von der Straße ab, durch den Schlamm hindurch in das Beifußgestrüpp, Zeichen, dass jemand auf entlegenen Weiden zu tun hatte. Es ist zu früh im Jahr für Gras; die Rancher füttern noch mit Heu, und die einzigen Farbtupfer in einer trüben Welt sind die vereinzelten Streifen gepresster grüner Luzernen. Die Linie, in der die Kühe stehen, zeichnet den Weg des Ranchers über die Weide nach; sie halten die Köpfe gesenkt und rupfen an dem leuchtendgrünen Heu.

Die blau-weiße Straße beschreibt Windungen wie eine umgedrehte Schlange, deren Bauch man sehen kann. Die Straßengräben haben die gleiche graue Unfarbe wie der Staub, der Beifuß und Goldastern überzieht, die Bankette sind bröckelnde Böschungen aus krümeliger Erde, die sagen: »Nicht weit von hier gab es einst Vulkane.« Es ist unmöglich, nicht an diese alten aschespeienden Vulkane zu denken, wenn man durch Wyoming fährt. Der Beifuß ist geschwärzt und geduckt durch den unablässigen Wind. Warum sollte hier jemand leben wollen, denke ich. Ich lebe hier.

Aber drunten am Fluss bei Bird Cloud ist es eine andere Welt. Am Nordufer erhebt sich eine Klippe hundertzwanzig Meter hoch, deren cremefarbene Deckschicht uralte versteinerte Korallenbänke sind. Die schmirgelnden und glättenden Winde, das sengende Sonnenlicht, die Überschwemmungen, der klirrende Hagel und die Regenfluten von Jahrtausenden haben diesen Monolithen bearbeitet. Nach Regenfällen wirkt die Klippe verwundet, mit dunklen Flecken und lotrechten Rinnen wie alten Narben. Zwei Meilen weiter westlich fällt die Klippe in Zikkuratstufen aus dunklem, eisenfarbenem Gestein ab. Am Ostende des Grundstücks weist die Klippe eine Verwerfung auf, eine schräg verlaufende Narbe, die ein befreundeter Geologe für einen möglichen Ausläufer des Rio-Grande-Rifts hält, das den nordamerikanischen Kontinent langsam auseinanderreißt. An keinem anderen Ort, an dem ich je lebte, habe ich mich so oft mit den unterirdischen Bewegungen der Kontinente beschäftigt. Die Verwerfung in der Klippe gemahnt daran, dass die Erde sich in einem langsamen, stetigen Verschiebungsprozess befindet, unerbittlich Kontinentalplatten aneinanderschiebt und auseinanderreißt, neue Ozeane und riesige Superkontinente bildet, eine gewaltige neue Pangäa Proxima, die man für eine Zeit in Hunderten Millionen Jahren in der Zukunft voraussagt, lange nachdem unsere Spezies die Bühne verlassen haben wird. Das Rio-Grande-Rift ist eine Verformung, die vor dreißig Millionen Jahren im späten Känozoikum begann, ein Dehnen und Auseinanderziehen der Erdkruste als Folge ihrer Aufwölbung, ausgelöst durch das Brodeln der heißen Magmaströme tief unten im Erdmantel. Das Rift erstreckt sich vom westlichen Texas und von New Mexico bis etwa zwanzig Meilen nördlich von Bird Cloud, und es hat nicht nur die Schlucht des Rio Grande bei Taos geschaffen, sondern auch einige der malerischsten Täler im ganzen Westen der USA. Offenbar hängt das Rift mit der Topographie der westlichen Basin and Range Province zusammen. Die diagonale Verwerfung in der Klippe von Bird Cloud, die gesamte abschüssige Form der Klippe und die Existenz des Zuflusses Jack Creek sind vermutlich allesamt Ergebnis dieser gewaltigen Dehnbewegung.

Die goldene Klippe von Bird Cloud erinnert mich auch an Uluru im roten Zentrum Australiens. Thomas Keneally hat schwärmerisch von dem »erhabenen Sandsteinkonglomerat« des Felsens geschrieben, dessen äußere Schichten so gleichmäßig erodieren, dass er nie die Form verändert, obwohl er im Verlauf der Jahrhunderte immer kleiner wird. Diesen massiven Megalithen in der Nähe von Alice Springs habe ich 1996 zusammen mit der Künstlerin Claire Van Vliet besucht, als sie die benachbarten Kata-Tjuta-Inselberge zeichnete, die wie riesengroße steinerne Turbane aussehen.

Es gibt einige Ähnlichkeiten zwischen Bird Cloud und Uluru, auch wenn sie ein wenig weit hergeholt sind. Beide Gesteinsmassive sind von ähnlicher Größe und Gestalt und verändern ihre Färbung je nach Tageszeit. Beide schimmern nach Einbruch der Dunkelheit, als besäßen sie innere Lichtquellen. Uluru hat seine Wasserlöcher auf der Oberfläche und gewundene Wasserläufe, die sich an dem gewaltigen Felskörper hinunterziehen, die Klippe hat den Fluss an ihrem Fuß. Sowohl Uluru als auch Kata Tjuta sind von großer spiritueller und zeremonieller Bedeutung für die Stämme der Aborigines, vor allem die Pitjantjatjara und die Yankuntjatjara, Wüstenbewohner des westlichen Australiens, doch die Geschichte, wie die ursprünglichen Eigentümer von der Bundesregierung um ihre geheiligten Stätten gebracht wurden, ist bekannt, traurig und hässlich. Mit dem »Abkommen« von 1985 zwischen den Anangu, den Ureinwohnern des Gebiets, und der Regierung wurden die Anangu gezwungen, Uluru und Kata Tjuta dem National Park Service zu überlassen und zu erlauben, dass Touristen Uluru besteigen. Ungeachtet der Tafeln des Park Service, die lediglich kundtun, dass die Ureinwohner das Besteigen des Bergs als Entweihung betrachten, klettern jedes Jahr Tausende Touristen rücksichtslos auf den Felsen. In meinem Teil von Wyoming waren die Klippen von Bird Cloud in früheren Zeiten ein Ort, an dem verschiedene Indianerstämme des Westens ihre Zelte aufschlugen, die Ute, die Arapaho, die Soshone, vielleicht sogar Sioux und Cheyenne. Elk Mountain in der Nähe markierte einen allseits anerkannten Kampfplatz.

Die Landschaft um Uluru herum ist von uralten Heldenpfaden überzogen, die seit der Traumzeit bestehen. Der Felsen besitzt rituelle Höhlen, in denen einzelne bedeutende Zeremonien einer der ältesten Kulturen der Welt noch heute begangen werden, in denen es geheiligte Fruchtbarkeitssteine gibt, von denen nur wenige Lebende wissen, und Wassertümpel, an denen sich sagenhafte Geschehnisse ereignet haben. Nach den seltenen Regenfällen fließen gewundene Bäche die roten Gesteinshänge hinab in verschiedene Wasserlöcher. Die Abhänge von Uluru werden durch eine Bodenfalte aufgefangen, die Kanju heißt, Keneally zufolge »eine freundliche Eidechse, die auf der Suche nach ihrem Bumerang nach Ayers Rock kam«. Und Bird Clouds gelbe Klippe senkt sich im Osten allmählich ab und findet ihr Gegengewicht in der fernen Erhebung von Pennock Mountain.

Am Jack Creek leuchten die unbelaubten Weidenstämme rot wie glühende Kohlen. Weiden sind vorsichtig; sie zählen zu den letzten Sträuchern, die ihre Blätter sprießen lassen, denn bis Mitte Juni besteht Frostgefahr. Die Klippe spiegelt sich in dem onyxfarbenen Fluss, den der kräftige Biber auf dem Weg zu seinem Bau in der jenseitigen Uferbank durchschwimmt. Der Biber verschwindet zwischen den leuchtenden Salixstämmen.

An diesem Ort werde ich vielleicht meine Tage beenden. Glaube ich jedenfalls.

Meine negativen Charaktereigenschaften kenne ich sehr wohl: Herrschsucht, Ungeduld, krankhafte Schüchternheit, Jähzorn, Eigensinn. Die guten Eigenschaften sind schwerer zu erkennen, aber ich vermute darunter eine erkleckliche Portion Empathie und sogar Mitgefühl als Abfallprodukt der schriftstellerischen Phantasie. Ich kann mich in andere Leute hineinversetzen und tue es dauernd. Beobachtungsvermögen, Entschlussfreudigkeit (mit dem Ergebnis so mancher falschen Entscheidung) und ein Hang, alles im Übermaß zu tun, den Bogen zu überspannen und schwierige Aufgaben zu suchen, sind Bestandteil der Person, die ich bin. Die Geschichte hat vor langer Zeit Besitz von mir ergriffen. Ich komme mir vor wie Luigi Pirandellos Figur Dr. Fileno,
… der dachte, er habe ein probates Mittel gegen alle Leiden des Menschen entdeckt, ein unfehlbares Rezept, das ihm und aller Menschheit bei jedem Unglück, öffentlich wie privat, Trost spenden würde.

Tatsächlich hatte Dr. Fileno nicht so sehr ein Mittel oder Rezept entdeckt, sondern vielmehr eine Methode, die darin bestand, von früh bis spät Geschichtswerke zu lesen und sich darin zu üben, die Gegenwart zu betrachten, als wäre sie ein Geschehen, das längst in den Archiven der Vergangenheit begraben lag. Mittels dieser Methode hatte er sich von allem Leid und Ärger kuriert und hatte – ohne vorher sterben zu müssen – zu einem ernsten und gelassenen Seelenfrieden gefunden, dem jene besondere Traurigkeit innewohnte, die auch dann noch von Friedhöfen ausgehen würde, wenn alle Menschen längst tot wären.

Diese Haltung spiegelt sich vielleicht darin, dass man ein Haus baut, das den eigenen Interessen, Bedürfnissen und Charaktereigenschaften entspricht. Grundsätzlich lebe ich allein, obgleich im Sommer ein ununterbrochener Reigen von Besuchern und Freunden stattfindet. Ich brauche Platz für Tausende Bücher und große Arbeitstische, auf die ich Manuskripte und Recherchenmaterial häufen kann und auf denen ich Karten ausbreiten kann. Bücher sind mir sehr wichtig. Ich wünschte, ich könnte sie wie manche Verleger als »Produkte« sehen, aber das kann ich nicht. Ich habe in vielen Häusern gewohnt; die meisten waren ungeeignet und hatten eine merkwürdige Raumaufteilung, und keines hatte genug Platz für Bücher. In meiner Kindheit sind wir oft umgezogen, manchmal jedes Jahr. Mein Vater arbeitete in Textilfabriken in Neuengland, unermüdlich bestrebt, seiner frankokanadischen Herkunft zu entkommen, indem er immer wieder die Stelle wechselte und die Stufenleiter seines sozialen Ehrgeizes hinaufkletterte: »Bessere Stellen und mehr Geld«, wie er sagte.

Das erste Haus, an das ich mich lebhaft erinnern kann, war ein winziges Haus im nordöstlichen Connecticut, nicht weit weg von Willimantic; meine Eltern hatten es in den späten dreißiger Jahren von einer polnischen Familie namens Wozniak gemietet. Der Name Wozniak gefiel mir. Das Haus kann ich aus dem Gedächtnis zeichnen, obwohl ich nicht älter als zwei oder drei Jahre war, als wir darin wohnten.

Deutlich erinnere ich mich an das Schwindelgefühl, mit dem ich die Treppe zu erklimmen versuchte, daran, wie ich festgehalten wurde, als mein Pullover sich an einem Nagel verfing. Ich brütete irgendeine Krankheit aus; das Schwindelgefühl und der unnachgiebige Nagel sind mir nach siebzig Jahren noch gegenwärtig. Als ich krank war, bekam ich statt meines Bettchens im ersten Stock ein Lager am Küchenfenster eingerichtet. Meine Mutter schenkte mir eine Schachtel mit Chiclets-Kaugummis, die ersten Kaugummis meines Lebens. Ich leckte die glatte Zuckerverkleidung von jedem einzelnen Plättchen ab und legte die grauen Reste auf der Fensterbank aus. Wie hässlich und völlig ungenießbar sie aussahen.

Ein andermal stibitzte ich das Auge eines Heilbutts, den meine Mutter für das Abendessen vorbereitete (damals kaufte man ganze Fische), nahm es mit nach oben zu meinem Topf, den ich gerade benutzen lernte, warf es in die Urinpfütze und rief meine Mutter, damit sie mein Werk besichtigte. Sie war außer sich; sie erkannte das Fischauge nicht, sondern dachte, ich hätte ein sonderbares Stück Eingeweide verloren. Ich deutete ihre Verwundbarkeit als Ermahnung, Dinge für mich zu behalten, was mich bis in mein Erwachsenenleben geprägt hat.

Meine Mutter liebte die freie Natur, ihr Lieblingsbuch war Gene Stratton-Porters Girl of the Limberlost, und einmal ging sie mit mir in den Sümpfen spazieren. Man musste von einem Grasbüschel zum nächsten springen. Die Strecke dunklen Wassers zwischen den Grasbüscheln erschreckte mich, und irgendwann stand ich hilflos und heulend auf einem schwankenden Gras- und Erdklumpen und traute mich nicht, zum nächsten zu springen.

Wir besaßen einen grünen Zweisitzer mit einem Behelfssitz, auf dem ich wie eine kleine Prinzessin thronte, zusammen mit meinem kleinen Foxterrier Rinty, der später von einem Motorrad überfahren wurde, das er verfolgte. In diesem Wagen wurde meine Mutter einmal von einer Wespe gestochen, und ich musste weinen. Auf ihrem Rock waren Blutspuren, vermutlich von ihrer Monatsblutung, aber ich stellte eine andere Verbindung zwischen Ursache und Wirkung her und dachte, die Wespe wäre schuld an der Blutung.

Der Hurrikan von 1938 ereignete sich, als meine Zwillingsschwestern Joyce und Janet wenige Monate alt waren. Der Wind toste immer lauter und erschütterte unser kleines Haus. Ich weiß nicht, wo mein Vater war, vermutlich bei der Arbeit. Wir hatten kein Telefon und kein Radio. Meine Mutter beschloss, dass wir im Haus eines Nachbarn weiter unten an der Straße Zuflucht suchen sollten. Wir gingen zu Fuß, meine Mutter mit Kartons beladen, mit einem Koffer und mit einer meiner Zwillingsschwestern. Ich war zwar erst drei Jahre alt, musste aber die andere Zwillingsschwester tragen. Ich erinnere mich, dass in dem Haus des Nachbarn der Wind heulte und die Glastüren plötzlich ihre Glasscheiben verloren und Männer Bretter an die Glastüren nagelten, was das Innere des Hauses düster und unheimlich machte.

Meine Mutter stammte aus einer großen ländlichen Familie mit fünf Töchtern und vier Söhnen. Wenige Jahre nach dem Wirbelsturm bezogen wir ein Haus in Plainfield, Connecticut, das den Eltern meiner Mutter gehörte, Lewis und Sarah (Geer) Gill. Die Gills, Geers und Crowells waren die Nachfahren von Bauerngeschlechtern, die im neunzehnten Jahrhundert in die Textilindustrie übergewechselt hatten. Die Crowells hatten eine künstlerische Ader; einer war ein begnadeter Möbeltischler, ein anderer entwarf Schablonen für die Schmuckelemente von Hitchcock-Stühlen. Während wir in dem Haus in Plainfield lebten, war mein Vater im Ausland, in Südamerika, wo er beim Errichten einer Textilfabrik half.

Das Haus lag direkt an der Straße und war früher einmal eine Tankstelle gewesen, eine der vielen Unternehmungen, die der geschäftige Geist meines Großvaters Gill ersonnen hatte. Er hatte Bauteile für Textilmaschinen erfunden, die ihm nichts einbrachten, hatte dann die Tankstelle eröffnet und sie, einige Jahre nachdem wir dort gewohnt hatten, in einen Laden für Stoffe und Fabrikreste umgewandelt. Er konnte alles reparieren und war der geborene Schreiner. Diese Großeltern, von Kindern und Enkeln gleichermaßen »Ma« und »Dad« genannt, besaßen einen großen Garten, dessen exotische dickschalige Tomaten ich liebte; ich schälte die papierene Außenhaut ab und aß die süßlich-herben Früchte. Dad hatte einen griesgrämigen alten Hund, der Duke hieß. Es gab ein paar Kühe, um die meine Onkel sich kümmern mussten, und einen elektrisch geladenen Gartenzaun. Meine Cousins und ich fanden es lustig, uns an den Händen zu halten und am einen Ende der Kette den Elektrozaun anzufassen, so dass derjenige am anderen Ende der Kette den Stromstoß erhielt.

Meine Großmutter mütterlicherseits, Ma, geborene Sarah Mayo Geer, hatte als Vorfahren zwei verwaiste Brüder, die 1635 aus England, von Heavitree bei Bristol, nach Connecticut ausgewandert waren. Sie wirkte immer leicht überfordert von ihrer großen, kinderreichen Familie, und ihr Haus war zwar gemütlich, aber nicht besonders ordentlich. Das Papiergeld wusch und bügelte sie, damit es glatt war. Vielleicht hat sie es sogar gestärkt. Sie verlor schnell die Geduld, war geradezu süchtig nach Küchengeräten, war eine geborene Erzählerin mit großartigem Humor und schrieb eine Zeitlang eine Zeitungskolumne. Natürlich hat meine Familie mein Interesse an Büchern und am Schreiben immer auf Mas Einfluss zurückgeführt. Warum nicht? Auch andere aus unserer Familie haben Bücher und Artikel geschrieben; mein Onkel Ardian Gill hat einen Roman über John Wesley Powells Reise den Colorado hinunter verfasst. Mein Cousin David Robinson hat jahrelang für National Geographic geschrieben. Musik, Kunst und Kunsthandwerk spielten immer eine wichtige Rolle. Meine Mutter und ihre Schwester Gloriana (jeder von uns hatte mehrere Spitznamen, und Gloriana hieß Hikee) malten. Sarah, die älteste der Schwestern, entwickelte eine Vorliebe für Hinterglasmalerei und erweckte die Schablonen ihres Großonkels Bill Crowell wieder zum Leben. Die Kleidung ihrer Kinder nähten sie alle selbst. Meine Mutter hatte einen Webstuhl und webte Teppiche. Meine Schwestern und ich hielten es als Kinder für völlig normal, alles selbst zu machen. Jahrelang habe ich meine Kleidung selbst genäht, bis die Nähmaschinen durch die Elektronik so kompliziert zu handhaben und störungsanfällig wurden, dass es keinen Spaß mehr machte.

In dem Haus der Familie Gill, von meinem Großvater und meinen Onkeln erbaut, schien immer Aufregung zu herrschen, ständig suchte jemand nach etwas, was verlegt worden war, und auf dem Treppenabsatz im ersten Stock gab es ein wundervolles Fenster mit farbigen Glasscheiben. Ich schaute hindurch und sah, wie die Welt dunkelrot wurde, eklig orangegelb oder unnatürlich grün.

Bevor ich in die Schule kam, wohnten meine Mutter, meine Zwillingsschwestern und ich in einer kleinen Blockhütte inmitten von großen Kiefern am Ende des Grundstücks meines Großvaters. Bis heute versetzt mich der Geruch von Weißkiefernholz unweigerlich in die Kindheit zurück, verbunden mit einem Gefühl von Traurigkeit und unbestimmter Sehnsucht. Vielleicht lag die Zeit in der Blockhütte vor der Geburt der Zwillinge. Ich bin misstrauisch, was die Erinnerung betrifft. Meine Mutter hatte diese Hütte zusammen mit ihren Brüdern gebaut, vermutlich die Verwirklichung eines Traums aus ihrer Girl-of-the-Limberlost-Zeit. In der Hütte gab es einen alten Wachswalzenphonographen. Meine Mutter kurbelte, die Wachswalze drehte sich, und eine blecherne Stimme erzählte die Geschichte von den drei Bären.

Aus einem Fenster der Hütte ging der Blick in westliche Richtung zu einem Hügel, den Jahre zuvor ein Waldbrand verwüstet hatte. Die schwarzen Baumstümpfe hoben sich vor dem Himmel ab wie deformierte Giraffen und skelettierte Elefanten. Sie wirkten traurig und erschreckend. Wenn die Dämmerung sich verdichtete, sah es aus, als bewegten sich die knochigen Geschöpfe hier zuckte ein Bein, dort beugte sich ein Hals. Heute krümmen sich in der Sommerdämmerung in Bird Cloud Fettholz und Goldastern zu riesigen Murmeltieren, krüppeligen Wapitihirschen. Der schönste Gegenstand in der Hütte meiner Mutter war ihr himmelblaues Brokatkleid, ein Geschenk meines Vaters. In einer Winternacht, in der sie vor Fieber glühte, wanderte sie barfuß in den Schnee hinaus, nur mit diesem wunderschönen Gewand bekleidet. Später hieß es, sie habe eine Lungenentzündung, und an dieser Krankheit litt sie oft.

Irgendwann verließen wir die Hütte und zogen in die ehemalige Tankstelle meines Großvaters, die zu einem Wohnhaus umgebaut worden war. Ich erinnere mich an die Langeweile des obligatorischen Mittagsschlafs und an das Muster der Risse in der Zimmerdecke, an die ekligen gelben Marshmallowhühnchen, die zu Ostern unsere Schuhe verzuckerten. Ich erinnere mich, wie ich einmal im Dunkeln aufwachte und etwas Heißes, Klebriges an meinem Ohr fühlte und merkte, dass ein Tier davonsprang. Es war eine Ratte, die mich gebissen hatte. Die Narbe und die Erinnerung sind mir geblieben. Obwohl meine Großeltern und Urgroßeltern in der Nähe wohnten und Tanten, Onkel und Cousins ständig zu Besuch kamen, kam ich mir einsam vor, als hätte ich mit dem summenden Bienenschwarm von Verwandten nichts zu tun. Der alte Duke biss mein Kätzchen tot, und ich war empört, dass er weiterleben durfte, als wäre nichts gewesen. Am liebsten hätte ich ein Gerichtsverfahren, eine Jury und ein Todesurteil gehabt.

Meine Mutter nahm gern Sonnenbäder und lag oft stundenlang regungslos im warmen, kraftlosen Sonnenlicht, zwei grüne Blätter auf den geschlossenen Augen. Wir hatten eine zahme Krähe (sie hieß Jimmy nach dem alten Lied mit dem Refrain: »Jimmy crack corn and I don’t care«). Sie war neugierig, hopste neben meiner Mutter über das Frotteetuch und nahm vorsichtig die Blätter weg. Mutter öffnete eines ihrer grünen Augen, und Jimmy sah zu seiner Beruhigung, dass sie nicht tot war. Als meine Mutter im Garten hinter dem Haus einen Kamin baute, durfte ich die Hand in den feuchten, rauen Zement drücken, bevor er hart wurde, und die Krähe spazierte darauf herum und hinterließ ihre Krallenabdrücke. Jahre später, als wir aus der Nummer 2217 in der McBride Avenue in Utica, New York, auszogen und unser Wagen bis unters Dach mit Kindern und Kleidern vollgepackt war, steckte mein Vater Jimmy in einen Pappkarton mit Luftlöchern und band den Karton an der hinteren Stoßstange fest. Als wir am Straßenrand eine Lunchpause einlegten, war der arme Kerl tot, von den Auspuffgasen vergiftet. Diese Untat konnte ich meinem Vater nie verzeihen. Die Unglücksfälle, die geliebten Haustieren widerfuhren, waren meine erste Bekanntschaft mit tragischen und unwiederbringlichen Verlusten.

Wir zogen unermüdlich um. Im Lauf der Jahre wohnten wir in Dutzenden von Häusern. Ein Haus auf Rhode Island hatte den Abdruck eines Menschenarms in dem bröckeligen Verputz am Fuß der Treppe. Von einem Haus in Black Mountain, North Carolina, hatte man eine gute Aussicht auf Bäume, in deren Schatten Kettensträflinge Rast machten, die als Straßenbauarbeiter eingesetzt wurden. Auf einem Grundstück in Maine gab es herrliche Ulmen, deren flache Wurzeln das Rasenmähen erschwerten. Dann wurde in einer Viertelmeile Entfernung der Highway gebaut, und fast unmittelbar darauf kam es zu einem scheußlichen Unfall, gefolgt von Polizeieinsatz, Rettungswagen und dem Krankenwagen, der nicht mehr helfen konnte. Ein offizielles Kreuz des Bundesstaates wurde am Straßenrand errichtet als Mahnung, dass sich dort ein tödlicher Unfall ereignet hatte, doch diese Sicherheitspolitik wurde aufgegeben, als die wachsende Ansammlung von Kreuzen am Straßenrand den Highway zu einem makabren Anblick machte.

Ein Hauptgrund für unsere ständigen Umzüge war der obsessive Wunsch meines Vaters, seiner frankokanadischen Herkunft zu entfliehen und sich zu einem neuenglischen Yankee zu stilisieren, der Armut der Arbeiterklasse zu entkommen, finanziell erfolgreich zu werden, die soziale Stufenleiter zur komfortablen Mittelschicht hinaufzuklettern. Er und seine Familie waren Opfer des in der tonangebenden Kultur der weißen, angelsächsischen, protestantischen Neuengländer virulenten Rassismus, der Einwanderer, vor allem frankokanadische Einwanderer aus dem Norden, als minderwertige Menschenrasse ansah. Unterschwellig bestehen solche rassistischen Ängste der Weißen in jener Gegend bis heute. Ich glaube, ein nicht zu unterschätzender Beweggrund für die Heirat meiner Eltern sie waren kein harmonisches Paar war die Herkunft meiner Mutter aus einer alteingesessenen Familie Neuenglands, arm, aber mit dem Vorzug der frühen Ankunft, kaum fünfzehn Jahre nach der Landung der Mayflower. Ihre Familie hat meinen Vater nie anerkannt, wie sollten sie auch? Ein Schwiegersohn mit dem nicht gerade unauffälligen mittleren Vornamen Napoleon! Bei unseren genealogischen Schürfereien haben wir noch prunkvollere französische Namen seiner Vorfahren ausgegraben wie Dieudonné, Narcisse, Norbot und Ovila, wogegen George Napoleon sich ziemlich harmlos ausnimmt. Immerhin ertrugen die Neuengländer ihn und uns, und wir taten alle so, als wären wir eine Familie, in der Gleichheit und Vielfalt geachtet wurden.

In unserer Kindheit und Jugend wussten wir nicht viel über die Familie meines Vaters, und wir besuchten sie auch nicht oft. Seine Mutter, Phoebe Brisson Proulx Maloney Carpentieri, war dreimal verheiratet: einmal mit einem Frankokanadier (Proulx), einmal mit einem Iren (Maloney) und einmal mit einem Italiener (Carpentieri) aus Neapel, der meinem Vater beibrachte, wie man Spaghettisauce macht eine Sauce, die meine Schwestern und ich heute noch machen, unser bestes und vielleicht sogar einziges Geschenk von einem Vater, den kennenzulernen schwierig war.

Wir witterten also Geheimnisse. Unser Vater ließ ab und zu verlauten, wir seien teilweise indianischer Herkunft, doch er glaubte, der Beweis dafür habe sich in der Truhe seiner Großmutter Exilda (auch Maggie genannt) befunden, die nach ihrem Tod verschwand und nie wieder auftauchte. Das einzige Indiz für seine Vermutung waren die bräunliche Hautfarbe seiner Mutter und einige phantasievolle Zeitungsgeschichten. Es gab noch andere rätselhafte Geschichten, zum Beispiel die von einem Geschwür an der Nase unserer Großmutter Phoebe und von einer Fahrt über »den Fluss« (damit war immer der Sankt-Lorenz-Strom gemeint) zu einer indianischen Siedlung, wo ein Schamane oder Medizinmann auf nicht näher erläuterte Weise das Geschwür entfernte. Wir mochten unseren Vater und seine Mutter Phoebe noch so eindringlich um Einzelheiten und Erklärungen anbetteln, sie wurden uns nie gewährt. Anonymität schien ihr Ziel zu sein, doch das Halbwissen war Öl in das Feuer unseres Verlangens, mehr zu erfahren.

Dieses Gefühl der Verbundenheit mit Vorfahren der Sippe ist offenbar bezeichnend für alle Menschen, und die Geschichten, die man einst über die Verstorbenen erzählte, ausschmückte und verbrämte, sind möglicherweise die kruden Ursprünge der Geschichte und der Literatur. Die Römer verehrten ihre Ahnen und waren stolz auf die Verbindung zu alten Geschlechtern wie dem der Gracchen, der großen Reformer vor dem Bürgerkrieg gegen Ende des zweiten Jahrhunderts v.Chr., oder gar zu den sagenhaft alten Etruskern, die in vorrömischen Zeiten in Mittelitalien gelebt hatten. Als die Gletschermumie Ötzi aus der Kupfersteinzeit, dem Spätneolithikum gegen 3500 v.Chr., 1991 von einem schmelzenden Alpengletscher freigegeben wurde, ergab die Analyse ihrer mitochondrialen DNS, dass Ötzi einer genetischen Linie, einem sogenannten Haplotyp, namens »K« angehörte, die heute noch in rund acht Prozent aller Europäer zu finden ist. Dies weckte in vielen die Hoffnung, sie könnten ihre Abstammung bis zu Ötzi zurückführen. Wie aufregend, einen mehr als fünftausend Jahre alten Vorfahren mit einer Steinpfeilspitze im Rücken zu besitzen! Weitere Untersuchungen ergaben im Jahr 2008, dass der Mann aus dem Eis zwar der als K1 bezeichneten Haplogruppe oder Subgruppe des Haplotyps angehörte, sich aber in keine der heute noch existierenden drei Teil- oder Untergruppen von K1 einordnen lässt. Seine Subhaplogruppe ist entweder ausgestorben oder so selten, dass sie noch nicht entdeckt wurde, und die Wissenschaft nennt sie deshalb »Ötzis Zweig«. Einen Vorfahren Ötzi jedenfalls kann bis auf weiteres niemand in seinen Stammbaum einfügen wie enttäuschend.

Nach all den Jahren seit meiner ersten Beschäftigung mit der eigenen Abstammung ist die weitverzweigte Familie meiner Mutter für mich noch immer von einer Atmosphäre des Besonderen umgeben wie von einem seltenen Duft, der Aura, wie sie eine beinahe vierhundertjährige Familiengeschichte in Neuengland bewirkt. Unter diesem Duft stelle ich mir ein Bukett aus Gerüchen vor, den Gerüchen von frischgemolkener Milch, frischgeschlagenem Eichenholz, Herbstlaub, Schnee, dumpfigen Sümpfen, Fotoalben und kalter Asche.

Die meisten älteren Quellen lokalisieren den nördlichsten Ausläufer des Rio-Grande-Rifts in Colorado, aber neuere Arbeiten von Geologen der University of Wyoming geben die südliche Mitte Wyomings als Standort an.

Thomas Keneally: Outback (Sydney: Hodder & Stoughton, 1983), S. 19.

Keneally, S. 19.

Luigi Pirandello: »La tragedia d’un personnagio«, in Novelle per un anno (Firenze: Giunti Gruppo Editorale, 1994), Bd. 1, S. 684, freundlicherweise übersetzt von Silvia Zanovello.