KURDO BAKSI

MEIN FREUND

STIEG
LARSSON

 

Aus dem Schwedischen von
von Susanne Dahmann

TITELBILD

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
Min vän Stieg Larsson
bei Norstedts, Stockholm

 

 

Copyright © 2010 by Kurdo Baksi
Copyright © 2010 der deutschen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Published by agreement with Norstedts.
Redaktion: Heiko Arntz
bei C. Schaber Datentechnik, Wels
E-Book-Umsetzung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-04124-3

www.heyne.de

Das Ende und ein Anfang

Die Beerdigung von Stieg Larsson fand am 10. Dezember 2004 in der Kapelle zum Heiligen Kreuz auf dem Waldfriedhof südlich von Stockholm statt. Bis auf den allerletzten Platz war die Kapelle mit Familie, Freunden und Bekannten besetzt. Wir nahmen Abschied, indem wir zum Sarg gingen und Stieg die letzte Ehre erwiesen. Die meisten von uns sagten ein paar Worte, flüsterten sie am Sarg, an dem wir gemessenen Schrittes vorübergingen.

Auf der Rückseite des Zettels mit dem Ablauf der Trauerveranstaltung stand ein Gedicht von Raymond Carver, »Late Fragment«. Es stammt aus dem Buch, das kurz vor Carvers Tod fertiggestellt worden war:

And did you get what

you wanted from this life even so?

I did

And what did you want?

To call myself beloved, to feel myself

beloved on the earth.*

 

* Carver, Raymond – In: A New Path To The Waterfall. New York 1989.

Als Carver die Frage gestellt wurde, als was er gern in Erinnerung bleiben würde, hatte er gesagt: »Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Schriftsteller genannt zu werden.« Dort in der Kapelle saßen wohl nur wenige, die wussten, dass dasselbe auch für Stieg galt, und niemand konnte ahnen, dass er posthum als Autor eines der größten Bucherfolge unserer Tage in Erinnerung bleiben würde. Für die meisten von uns war er ein unermüdlicher Held im Kampf gegen den Rassismus. Wo immer es galt, für Demokratie und Gleichberechtigung zu streiten, kämpfte er an vorders ter Front. Es war ihm bewusst, dass dies einen hohen Preis forderte, doch er war bereit, den Preis zu zahlen: die ständige Bedrohung, die finanziellen Einbußen und die schlaflosen Nächte. Der Kampf, der sein Leben war.

Und es liegt in der Unergründlichkeit von Leben und Sterben, dass Stieg in mancher Hinsicht erst nach seinem Tod zum Schriftsteller wurde.

Am Nachmittag hielten wir in Stockholm eine Erinnerungsfeier im ABF ab, dem Fortbildungszentrum der Arbeiterorganisation, wo Stieg seit dem Erscheinen seines ersten Buches Die extreme Rechte im Frühjahr 1991 gern Vorträge gehalten hatte. Auf der Feier folgte eine Rede auf die andere. Unter anderem sprachen Stiegs Vater, Erland Larsson; Stiegs Lebensgefährtin, Eva Gabrielsson; der verantwortliche Herausgeber der Zeitschrift Expo, Robert Aschberg; der Verlagschef von Norstedts, Svante Weyler; die Historikerin Heléne Lööw; Graeme Atkinson von der englischen Zeitschrift Searchlight und der Chef des ABF, Göran Eriksson. Ich war für die Gestaltung des Programms verantwortlich.

Nach der Erinnerungsfeier gingen wir zum Umtrunk ins Södra Teatern, wohin auch Stieg in den letzten Jahren immer gegangen war. Auf der Terrasse war es eiskalt, die Dezemberwitterung ging einem durch Mark und Bein. Familie, Freunde, Bekannte, Journalisten und die Leute von Expo – wir alle trauerten gemeinsam. Erst spät in der Nacht trennten wir uns und gingen langsam nach Hause, jeder allein mit seiner Erinnerung an Stieg, die er in hellem Licht bei sich bewahrte.

Das Schwerste lag noch vor uns. Allein zu trauern.

Abschied ist ein schwer zu definierendes Wort. Wer nimmt Abschied? Der, der bleibt, oder der, der geht? Diese Frage lässt mich nicht los. Natürlich habe ich im Laufe der Jahre schon viele Freunde und Bekannte betrauern müssen, doch Stieg war der erste richtig enge Freund, den ich verloren hatte. Ich stellte während der Trauerarbeit hohe Ansprüche an mich selbst, an denen ich jedoch hoffnungslos scheiterte. Ich wusste bald einfach nicht mehr, wie ich würdevoll trauern sollte.

Nach einer Weile merkte ich, dass mich mein Gedächtnis im Stich ließ. Ich vergaß die Namen von Leuten, verlor das Orientierungsgefühl, wurde ängstlich und deprimiert. Und dann spürte ich die ganze Zeit dieses Pochen in mir, das mir sagte, ich müsse stark sein. Stiegs Freundin Eva und die jungen Leute bei Expo brauchten mich, ich durfte sie nicht allein lassen. Ich durfte vor Freunden und Bekannten nicht weinen. Das ist eine Lehre, die ich aus den kurdischen Bergen und dem Befreiungskampf dort mitgenommen habe: Es gibt eine Zeit, zu weinen, und eine Zeit, die Zähne zusammenzubeißen und das, was getan werden muss, durchzuziehen.

Mir wurde klar, dass ich Kompromisse würde machen müssen. Lange Zeit mied ich Expo und die Orte, an denen Stieg und ich uns immer getroffen hatten: Il caffè, Café Anna, Café Latte, das indische Restaurant auf Kungsholmen und McDonald's auf der St. Eriksgatan. Und dann wieder verhielt ich mich genau entgegengesetzt. Ich zog mir schwarze Kleidung an und ging dorthin, wo ich früher mit Stieg zusammen gewesen war. Es war nicht so, dass ich mir ein gebildet hätte, wir könnten zusammen dort sitzen, sondern ich ging eher in die Lokale, um mit meiner eigenen Situation klarzukommen, ganz gleich, ob ich nun hungrig war oder nicht.

Die Monate vergingen, und dann kam der Tag mit den ersten Rezensionen von Verblendung. Ich stürzte mich auf alles, was über den Roman veröffentlicht wurde, und merkte bald, wie ich alles persönlich nahm, was über das Buch gesagt wurde. Ich betrachtete mich fast als Stiegs Stellvertreter. Die Rezensionen waren nahezu ausnahmslos positiv, was mich freute, aber auch traurig machte. Ich freute mich, weil die Bücher viele Leser haben würden, und war traurig, weil Stieg das alles nicht mehr selbst erleben durfte.

Dann kam der schwere Jahrestag. In der Nacht zum 9. November trommelte der Regen unaufhörlich an die Fensterscheibe. Meine Wohnung lag nur einen Steinwurf von Stiegs Haus entfernt. Wieder wurde ich von einer Welle der Trauer heimgesucht, ich wollte so gern mit ihm sprechen. Ich wünschte, ich könnte ihm erzählen, dass ich mich in eine Frau verliebt hatte, von der ich wusste, dass er ihr auf einigen unserer gemeinsamen Feste begegnet war. Doch ich erhielt keine Antwort, nur Schweigen. Da saß ich nun mitten in der Nacht und starrte auf den schwarz-weißen Schlips*, den Stieg an seinem letzten Lebenstag getragen hatte und den Eva mir als Erinnerungsstück geschenkt hatte. Er müsste doch ganz nah sein, dachte ich, und doch fühlte es sich an, als wäre er schrecklich weit weg.

* Schwarzweiß, auf Schwedisch Svartvitt, ist auch der Name der antirassistischen Zeitschrift, die Kurdo Baksi gegründet hat und deren Chefredakteur er war. Sie wurde gemeinsam mit der Zeitschrift Expo herausgegeben. (Anm. d. Übers.)

Vielleicht habe ich da zum ersten Mal richtig begriffen, dass er nicht mehr da war. Ich würde ihn nie wiedersehen können. In dieser Nacht beschloss ich, an seinen Geburtsort Skelleftehamn und nach Umeå zu reisen, wo er aufgewachsen war. Ich kaufte Flugtickets und packte für die Reise. Doch als der Abreisetag kam, wurde mir klar, dass ich nicht reisen konnte. Vielleicht später einmal, aber jetzt noch nicht. Tatsächlich habe ich mehrmals Aufträge abgelehnt, für die ich in die Nähe seiner alten Heimatorte hätte fahren müssen – ich war einfach noch nicht so weit.

Stiegs Erfolg als Autor setzte sich mit dem zweiten Buch, Verdammnis, nicht nur fort, sondern nahm ungeahnte Ausmaße an. Die Leute in der Branche fingen an, vom größten schwedischen Bucherfolg aller Zeiten zu sprechen, und da war der dritte Teil, Vergebung, noch nicht einmal veröffentlicht. Fast jeden Tag konnte man Stiegs Namen in der Zeitung lesen, überall in Bussen und Straßenbahnen saßen die Menschen tief versunken in seine Bücher. Stieg war noch immer in meinem Leben gegenwärtig.

Mir wurde gleichzeitig deutlich, wie wenig ich eigentlich davon wusste, wie Stiegs Leben ausgesehen hatte, ehe wir uns kennenlernten. Während unserer gemeinsamen Zeit erwähnte er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens kaum. Er weigerte sich einfach, sich selbst in irgendeiner Weise wichtig zu nehmen. Andere Menschen nahm er stets wichtiger. Er wollte keine öffentliche Person sein. Ich fing daher an, darüber nachzudenken, ob der Grund für dieses Verhalten vielleicht in der Zeit seiner Jugend lag.

Wer war Stieg?

Ich notierte diese Frage auf ein Blatt Papier und starrte auf die Worte. Vielleicht fand sich der Grund dafür, dass er sich zu Tode gearbeitet hatte, in seiner Vergangenheit. Denn wenn wir uns zuweilen auch etwas anderes einbilden, ist es doch eine Tatsache, dass kein Mensch dafür geschaffen ist, so viel zu arbeiten, wie er es getan hat. Wollte er wirklich nur seine eigenen hochgesteckten Ziele erreichen, oder war er vor irgendetwas auf der Flucht? Es klingt vielleicht seltsam, aber ich glaube, dass Stieg oft dachte, er könne die Welt im Alleingang verändern, wenn er sich nur richtig anstrengte. Ich habe mich oft geschämt, weil die Welt mich Stück für Stück veränderte. Stieg dagegen blieb seinen Idealen treu. Er selbst fand nur in seiner Arbeit Erfüllung. Dieser Arbeitseifer, diese Kraft und Energie, die er hatte, habe ich in diesem Maße noch bei keinem anderen erlebt.

Wer war Stieg?

Nachdem ich mir diese Frage selbst gestellt hatte, merkte ich, wie der Journalist in mir langsam, aber sicher wieder zum Leben erwachte. Ich begann, die regionalen Zeitungen Västerbotten Folkblad und Västerbottens Kuriren durchzusehen. Mit jedem Tag lernte ich mehr über Stiegs Herkunft. Über die Häuser am Hagmarksvägen und an der Ersmarksgatan auf Sandbacka, die Jahre in der Grundschule an der Hagaskolan und die Gymnasiumszeit auf der Dragonskolan in Umeå. Ich suchte seinen Namen sogar in Fahrschulen, obwohl ich wusste, dass er keinen Führerschein besaß. Vielleicht hatte dahinter ein früher unbewusster Beschluss gestanden: Das Erste, was die Polizei einer bedrohten Person rät, ist, nicht mehr Auto zu fahren, denn durch das Verkehrsregister kann man leicht aufgespürt werden.

Als ich erfuhr, dass er im Sävargården in Umeå als Tellerwäscher gearbeitet hatte, rief ich das alte Restaurant an, doch es arbeitet dort niemand mehr aus der Zeit, als Stieg dort gewesen war. Eine Überraschung war, dass er zwei Jahre lang beim Regiment I20 in Umeå Wehrdienst abgeleistet hatte – fast unmöglich, sich Stieg als Infanteristen vorzustellen. Da war es schon leichter, ihn als Schichtleiter in der Zellulosefabrik in Hörnefors zu sehen.

Langsam, aber sicher arbeitete ich mich in die Vergangenheit vor. Es war, als würde ich Puzzleteile sammeln, die dann zu einem Ganzen zusammengefügt wurden, und ehe ich mich versah, war ich in Östra Valliden und Varuträsk vor Skellefteå gelandet. Ich erfuhr von einem Jungen, der seinen Vater verloren hatte und deshalb in eine Pflegefamilie kam. Der Junge war zunächst Knecht und dann, wie viele andere junge Männer in den zwanziger Jahren, Straßen- und Waldarbeiter. In seiner Freizeit ging er auf die Jagd oder angelte in den Seen rund um Bjursele.

Sein Name war Severin Boström. Wollte man den Menschen Stieg Larsson verstehen, dann musste man auch seinen Großvater mütterlicherseits kennen, das wurde mir klar. »Das war ein Mann mit Pathos«, sagte man über Severin Boström in Ursviken, das zwischen Skellefteå und Skelleftehamn liegt. Dorthin war er gezogen, um eine Reparaturwerkstatt zu eröffnen. Er reparierte Motorsägen, Mopeds und Fahrräder. Sowie er es sich leisten konnte, kaufte er sich ein Auto. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er, wie viele andere in der Gegend, zum entschiedenen Antifaschisten, und diese Erfahrung bestimmte auch nach dem Krieg seine grundsätzliche moralische Überzeugung.

Auf einer Tanzveranstaltung im Bürgerpark in Skellefteå lernte Severins Tochter Viviane an einem schönen Sommertag im Jahr 1953 einen Mann namens Erland Larsson kennen, der zwei Wochen Urlaub vom Mi litärdienst hatte. Die beiden verliebten sich, und ein Jahr später, am 15. August 1954, bekam das junge Paar einen Jungen, den sie auf den Namen Karl Stig-Erland Larsson tauften.

Zu jener Zeit war es für ein junges Paar nicht leicht, sich zu versorgen. Eine Zeit lang arbeiteten Stiegs Großvater und sein Vater zusammen in der Gießerei Rönnskärsverken, doch dann beschlossen Erland und Vivane, ihr Glück in Stockholm zu suchen. Der Umzug zwang sie jedoch, den einjährigen Sohn bei den Eltern von Viviane in der Gegend von Norsjö zurückzulassen.

Die Jahre vergingen, und die Familie konnte erst 1962 wieder vereint werden. Bis dahin hatte Stieg noch einen kleinen Bruder bekommen, Joakim, der 1957 geboren wurde. Gemeinsam zogen sie in ihr neues Heim nach Umeå, wo Mutter Viviane in einem Bekleidungsgeschäft arbeitete und Vater Erland eine Stelle als Dekorateur für die Bekleidungskette Berlins mit Läden in der Stadtmitte von Umeå, Skellefteå, Piteå und Örnsköldsvik innehatte.

Je mehr ich über Stiegs Vergangenheit erfuhr, desto enger fühlte ich mich ihm verbunden. Ich hatte, wegen der politischen Tätigkeit meines Vaters, auch oft umziehen müssen, und ich bilde mir ein, dass eine solche Kindheit zeitlebens ein Gefühl der Entwurzelung und eine gewisse Rastlosigkeit erzeugt. Gewiss sind das Eigenschaften, die, verbunden mit Neugier, für einen Journalisten von Nutzen sind, doch als Kind fühlt man sich in der Welt oft recht einsam.

Als Jugendlicher landete ich in Tensta, einem Vorort von Stockholm, in einem neuen Land ohne Freunde. Nur wenige Jahre zuvor war Stieg dorthin gekommen. Aus Västerbotten stammend hatte auch er seinen Kulturschock erlebt.

Als wir uns als Erwachsene kennenlernten, hatten Stieg und ich vor allem eins unzweifelhaft gemeinsam: Wir hatten nur wenige Freunde.

Im Nachhinein habe ich oft überlegt, ob wir uns vielleicht deswegen so sehr mochten, weil wir uns beide als entwurzelt empfanden. Wenn man nur wenige Freunde hat, entwickelt man oft auch Interessen, die zusammenpassen. Für Stieg waren Filme und Sternbilder von großer Bedeutung. Da sein Vater Erland eine Zeit lang als Aufseher in einem Kino arbeitete, konnten Stieg und sein kleiner Bruder oft umsonst Filme ansehen. Stieg liebte es, in diese verlockende Welt der fesselnden Leinwandabenteuer einzutauchen. Genauso war es mit dem Sternenhimmel: ein großes Mysterium, von dem man niemals mehr zu sehen bekam als einen kleinen Ausschnitt.

Zu seinem zwölften Geburtstag bekam Stieg eine Facit-Schreibmaschine und ein Teleskop. Das waren keine billigen Geschenke, wahrscheinlich kosteten sie weit mehr, als die Eltern sich eigentlich leisten konnten. Für Stieg ging ein Traum in Erfüllung. In einem der erhaltenen Notizbücher von ihm findet man mehrere Einträge der Art: »1. 2. 1968, P. S. Wir haben 15 Minuten lang ohne Erfolg den Uranus gesucht.«

In dieser Zeit begann Stieg auch, obwohl er noch so jung war, sich für Politik zu interessieren. Seine Mutter Viviane war zunehmend in der Gewerkschaft aktiv, sie war Mitglied des Arbeitsausschusses des Bauamtes, war im Behindertenverband tätig und Mitbegründerin des ersten kommunalen Gleichberechtigungskomitees. Auf einem Treffen der FNL, der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams, lernte Stieg dann 1972 Eva Gabrielsson kennen, die seine Lebensgefährtin werden sollte. Ein Freund hat erzählt, dass Stieg in seiner Jugendzeit sehr gern fotografierte, doch machte er keine gewöhnlichen Familienbilder, sondern fotografierte, »um das Unrecht in der Welt zu dokumentieren«.

Schon bald war Umeå zu klein für Stieg. Er hegte größere Pläne. Im Alter von siebzehn Jahren fuhr er per Anhalter mit einem Sattelschlepper nach Stockholm und wollte dann weiter nach Algerien. Die Reise konnte er sich dank einiger Nebenjobs als Zei tungs aus träger und Tellerwäscher leisten. Doch er kam nicht weit. Die Reisekasse wurde ihm gestohlen, und er musste nach Hause, nach Umeå, zurückkehren. Doch stur wie er war, arbeitete er hart, um das Geld für einen weiteren Versuch zusammenzukratzen. Das wurde der Beginn einer Serie langer Reisen. Er fuhr nach Algerien und verkaufte seine Lederjacke, um länger dortbleiben zu können. Nach einer Unterbrechung für den Militärdienst zu Hause in Schweden setzte er seine Reisen fort, die ihn erneut nach Afrika führten.

Er war einundzwanzig Jahre alt, als er über Khartoum nach Eritrea und dann Äthiopien reiste. Aus dem vormals so unerfahrenen Reisenden, der schon beim ersten Versuch seine Reisekasse verloren hatte, war ein ausgebuffter Globetrotter geworden. In Nordäthiopien verhörte ihn einmal der britische Sicherheitsdienst MI6. Abgesehen davon, dass ihn das Verhör empörte und ihm Angst machte, wurde er auch noch ernsthaft krank, nachdem er in einem Slum-Hotel in Addis Abeba genächtigt hatte. Lange Zeit hatte er keine Möglichkeit, Kontakt mit seiner Familie aufzunehmen. Erst nachdem es ihm gelungen war, mit einem Buskonvoi nach Kenia zu kommen, konnte er eine Nachricht nach Hause schicken, dass es ihm gut gehe. Er reiste dann weiter nach Uganda, von wo er per Flugzeug nach Moskau und dann weiter in die Heimat fliegen konnte.

Was ihn daran verlockte, war nicht das Reisen als solches, sondern das Reisen als Möglichkeit, Wissen zu sammeln, Wissen, das er in seinem Beruf brauchen würde: Er wollte – und das stand für ihn fest – Journalist werden. Die Ausbildung würde er in Stockholm machen, das hatte er bereits entschieden. Und als wolle er den Beginn einer neuen Lebensphase markieren, änderte er seinen Vornamen und fügte ganz einfach ein »e« hinzu.

Das war der Tag, an dem Stig Larsson zu Stieg Larsson wurde.

Wie über die meisten Dinge aus seinem Leben sprach er auch über die Namensänderung nicht gern. Vielleicht befürchtete er, dass man dachte, er wolle sich wichtig machen. Wenn er irgendetwas wie die Pest hasste, dann waren es Leute, die sich für etwas Besonderes hielten.

Und wieder frage ich mich: Wer war Stieg?

Ich glaube, die einzig richtige Antwort lautet: eine Mischung aus den Menschen, die ihn prägten – sein Großvater Severin, die Großmutter Tekla, seine Mutter Viviane, sein Vater Erland und seine Lebensgefährtin Eva.

Ich habe vorher schon seinen Fluchtreflex erwähnt. Stieg wusste, dass er weiterziehen musste. Von Umeå nach Stockholm. Die Schreibmaschine und das Teleskop nahm er mit. Aber wahrscheinlich wollte er auch danach noch weiter, immer unterwegs zu neuen Zielen und neuen Herausforderungen. Dadurch erklärt sich auch der zusätzliche Buchstabe in seinem Namen, denn er verbirgt etwas. Auch Stieg verbarg sich, obwohl er gleichzeitig stets für die Menschen in seiner Umgebung da war.

Vielleicht war es eben diese Fähigkeit, etwas zu verbergen, die ihn als Krimiautor so einzigartig machte. Er hatte viele Geheimnisse, und der schlagendste Beweis dafür mögen die drei Krimis sein, die er nachts schrieb. Gewiss wussten viele, dass er schrieb, und er sprach auch viel über die Krimis von anderen und war der Ansicht, dass er selbst mindestens so gut schrei ben würde. Aber das meine ich nicht. Tatsache ist doch, dass er drei dicke Manuskripte fertigstellte, ehe er damit überhaupt mal zu einem Verlag ging. Ist das normal? Und warum tat er das? Man wird Stieg immer in vieler Hinsicht als geheimnisvoll betrachten müssen. Das Rätselhafte war einfach ein Teil seiner Persönlichkeit.

Es gibt nur wenige Menschen, die so freigebig sind, wie Stieg es war. Er hat gegeben, und wir waren viele, die gern genommen haben. Es ist meine feste Überzeugung, dass er auch die zwei schicksalsschweren Fragen von Raymond Carver hätte beantworten können:

Hast du von diesem Leben bekommen, was du dir gewünscht hast?

Ja.

Und was hast du bekommen?

Ich bin geliebt worden.

Das erste Gespräch

Viele Krimis fangen mit einem Telefongespräch an. Mitten in der Nacht wird der schlafende Kommissar von durchdringendem Telefonklingeln geweckt. Er streckt die Hand verschlafen nach dem Hörer aus, schaut auf die Uhr und nimmt die Information entgegen, dass ein Mord geschehen ist. Dann wird er in die kalte Winternacht hinausgetrieben, um sich zum Tatort zu begeben. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Die gemeinsame Geschichte von Stieg und mir begann nicht mitten in der Nacht, aber doch mit einem Telefongespräch. Ich erinnere mich ganz genau, an welchem Tag das war: Dienstag, 4. Februar 1992. Als ich die Hand nach dem Telefon ausstreckte, das genauso durchdringend klingelte wie bei irgendeinem verschlafenen Kommissar, und den Hörer abnahm, vernahm ich eine Stimme, die die üblichen Höflichkeitsfloskeln einfach übersprang:

»Ich störe hoffentlich nicht. Ich habe ein wichtiges Anliegen.«

Zu jener Zeit saß ich im frisch eingerichteten Hauptquartier des »Komitees zum 21. Februar« auf Kungsholmen. Der Name des Komitees bezog sich auf den geplanten Streik, der am 21. Februar stattfinden sollte, nachdem ein Mann, den die Medien den »Lasermann« getauft hatten, in Stockholm auf elf Menschen geschossen hatte. Kaum ein Tag verging, ohne dass die Zeitungen seitenweise über diesen Verrückten schrieben, der auf offener Straße sein Laserzielfernrohr auf dunkelhaarige Mitbürger auslän discher Herkunft gerichtet hatte. Mehrere Monate lang war die Hauptstadt von Nervosität gekennzeichnet, nicht zuletzt, seit am 9. November 1991 ein schwedisch-iranischer Dolmetscher erschossen worden war. Darüber hinaus hatten zehn andere Einwanderer schwere oder lebensbedrohliche Verletzungen erlitten.

Man könnte sagen, dass Stockholm während dieser schrecklichen Monate einer belagerten Stadt glich. Wenn auch nicht für alle, so doch zumindest für die dunkelhäutigen Bewohner. Es war eine Zeit, die von vielen als die schmachvollste in der jüngeren schwedischen Geschichte bezeichnet wurde: eine Zeit voller Bedrohung und politischer Feigheit.

Es war jedoch schnell klar, dass der Mann, der mich angerufen hatte, mir nicht als Streikgeneral huldigen wollte. Er fuhr in raschem Tempo fort:

»Sie haben im Radio und im Fernsehen gesagt, dass Schweden ohne Einwanderer lahmgelegt wäre. Da haben Sie vollkommen Recht. Aber warum dürfen nur Einwanderer an dem Streik teilnehmen? Ihre Aussage schließt die Mehrheit der Bevölkerung aus. Wie gedenken Sie, mit meiner Solidaritätsbekundung für Schweden mit Migrationshintergrund umzugehen?«

»Na ja …«, versuchte ich, wurde jedoch gleich unterbrochen.

»Ich bin das Kind von schwedischen Eltern aus Skellefteå, aber ich habe lange in der Einwanderervorstadt von Stockholm, Rinkeby, gewohnt. Und ich will am 21. Februar an dem Streik teilnehmen, weil Rassismus kein Einwandererproblem, sondern ein Schwedenproblem ist.«

Ich wusste natürlich, worauf er hinaus wollte, aber er ließ mich nicht zu Wort kommen, sondern präsentierte mir gleich seine konkreten Vorschläge:

»Ich will, dass Sie eine Pressekonferenz einberufen und sagen, dass alle in Schweden, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Nationalität, Herkunftsland, sexueller Veranlagung oder Religion, willkommen sind, um zehn Uhr am kommenden Freitag an dem Solidaritätsstreik für Schweden mit Migrationshintergrund teilzunehmen.«

Dann erst stellte er sich etwas ausführlicher vor. Er hieß Stieg Larsson. Ich kannte ihn, hatte ihn ein paarmal gesehen, wenn er auf einer Demonstration oder einer Solidaritätsaktion für Flüchtlinge gesprochen hatte. Aber vor allem wusste ich, dass er der Autor des bahnbrechenden Buches Extremhögern (Die extreme Rechte) war, einer Analyse der antidemokratischen Bewegungen, die im Jahr zuvor erschienen war. Es war ein Buch, das ich in die Hand bekommen und auf einen Rutsch durchgelesen hatte.

Und doch müsste ich lügen, wenn ich behauptete, dass ich auch nur eine Sekunde vermutet hätte, dass dieses Telefongespräch der Beginn einer lebenslangen Freundschaft sein sollte.