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Daniel Oliver Bachmann

Von Namibia bis Südafrika

Abenteuer Alltag in der Kalahari

Das Buch zum Film
„Die Wüstenapotheke“

Erschienen in der Edition Reiseratte im Dryas Verlag

Vorab: Dryas Verlag setzt sich für bewusstes Reisen ein

Liebe Leserinnen und Leser,

die Reisebücher des Dryas Verlags beschreiben das Leben und den Alltag in anderen Kulturen, sie sollen Sie inspirieren, bewusst zu reisen, mit offenen Augen und Unterschiede als Bereicherung zu erfahren.

Bewusstes Reisen heißt für mich, offen zu sein für Anderes und Neues, es aktiv anzunehmen – es heißt aber auch, nicht die Augen zu verschließen vor Problemen, und auch diese ebenso aktiv anzugehen. Aus diesem Grund spendet der Verlag für jedes verkaufte E-Book 25 Cent an eine Organisation, die in der jeweils beschriebenen Region soziale, kulturelle oder ökologische Projekte unterstützt.

Die mit dem Ihnen vorliegenden Buch gesammelten Spenden gehen an den Verein „Tukolere Wamu e.V.” in Salem Mbale/Uganda, der 500 von Aids betroffene Familien betreut. Den Menschen wird kostenlos Zugang zu Medikamenten ermöglicht, die Ihren Gesundheitszustand verbessern. Mehr zu dem Projekt erfahren Sie in den Geschichten des Buches und unter www.tukolere-wamu.de oder www.beaterygiert.de.

Ich bedanke mich für Ihr Interesse und Ihren Beitrag zu dem Projekt und wünsche viel Vergnügen beim Entdecken der Kalahari.

Sandra Thoms

Verlegerin Dryas Verlag

Inhalt

1. Von München nach Windhuk

2. Von Windhuk zum Waterberg

3. Vom Waterberg ins Nyae Nyae Conservancy

4. Vom Nyae Nyae Conservancy nach Omaruru

5. Durch die Kalahari nach Askam

6. Von Kuruman in die Karoo

7. Von Kapstadt nach Hamburg und wieder zurück

8. Von Stellenbosch über Peddie ins KwaZulu-Natal

9. In Kapstadt, um Kapstadt und um Kapstadt herum

10. Von Südafrika nach Namibia in den Naturpark Namibrand

11. Von Namibia über Tibet nach Uganda

Karte der Kalahari

Bilder

1. Von München nach Windhuk

Es ist schwer zu sagen, wann eine Reise beginnt: Bei der ersten Idee, die so plötzlich erscheint wie eine Sternschnuppe am Nachthimmel? Beim Studieren von Büchern und Filmen, die einen immer mehr für ferne Länder begeistern? Beim Recherchieren, Planen und Organisieren? Beim Packen, mit dem gewissen Kribbeln im Bauch? Beim Abschiednehmen von Frau, Freundin, Verwandten und der Dose mit Keksen mit der Aufschrift: „Entnahme nur an Sonn- und Feiertagen sowie vor Reisen länger als zwei Monate“? Oder wenn man endlich am Ziel ist, in jener Ecke der Welt, wo man schon vor der Geburt hinwollte? Ich bin viel gereist, und weiß es trotzdem nicht. Ich weiß nur, wann die Tour enden kann, noch bevor sie beginnt. Das ist am Zoll – dem Ort, an dem vier Buchstaben Angst und Schrecken verbreiten. An dem es gilt, kiloweise Papier auszufüllen, sich durch endlose Formulare zu kämpfen, geschrieben in einem Beamtendeutsch, das kein Mensch kapiert, um am Ende von einem Mann mit schütterem Haar gesagt zu kriegen: „Tut mir leid. Sie haben das grüne Formblatt zum Antrag einer Exportgenehmigung zum Zwecke der Ausführung elektronischer Geräte auf Seite 53c, Spalte 5, Zeile 13 unkorrekt ausgefüllt. Jetzt müssen Sie alles noch mal machen.“

„Wie alles? Machen Sie Witze?“

„Sehe ich aus wie Hape Kerkeling? Bin ich lustig? Sie wollen wohl hier bleiben!“

Da stand sie auf der Kippe, meine Reise nach Afrika – in einem hässlichen Büro beim Zoll am Münchner Flughafen. Nicht, weil ich Seite 53c, Spalte 5, Zeile 13 zum vierten Mal falsch ausgefüllt hatte, sondern weil der Zollbeamte kein Verständnis dafür aufbringen konnte, weshalb bei mir ein halbes Dutzend dicker Gaskartuschen, die aussahen wie Bomben, mit ins Gepäck gehörten. „Für was sollen die sein?“, fragte er zum x-ten Mal.

„Für den Ballon“, antwortete ich zum x-ten und ersten Mal. „Ohne Gas fährt der nicht.“

„Er fährt nicht?“

„Genau. Flugzeuge fliegen. Ballone fahren. Und dazu brauchen sie Gas. Doch nicht irgendeines. Sondern ein Gemisch aus Butan und Propan. Das gibt's in Afrika nicht an jeder Ecke. Deshalb muss ich's mitnehmen. In diesen dicken Gaskartuschen.“

„Sie werden in Afrika also im Ballon herum fliegen … äh … fahren?“

„Nein. Nur die Kamera. In einem ferngesteuerten Kameraballon Marke Eigenbau.“

Der Zollbeamte starrte mich so an wie wir den Finanzminister, wenn er wieder sagt: „Tut mir leid, Leute, Steuern rauf, Einkommen runter, so sieht's aus.“

Dann knallte er einen Stempel auf die Papiere. Wahrscheinlich nur, damit ich ihm nicht länger auf die Nerven gehen konnte.

„Beim nächsten Mal …“, begann er.

Meine Ohren schalteten auf Durchzug. Am Beginn einer Reise hat der Satz „beim nächsten Mal“ nichts zu suchen, denn der Beginn einer Reise ist immer ein magischer Moment, vor allem, wenn sie nach Afrika führt. In die Wüste. Zu den San-Buschleuten. Zu den Himba und Herero. Da ist das „Jetzt“ wichtig. Und nicht das „Morgen“.

Mein Plan war bescheiden. Ich wollte die traditionellen Heiler der Wüstengebiete des südlichen und südwestlichen Afrikas besuchen und dabei einen Film drehen. Warum? Zum einen hatte mich ein Bericht fasziniert, den der Volksschriftsteller, Pfarrer und Revolutionär Heinrich-Hans Jakob im 19. Jahrhundert verfasst hatte. Darin schrieb er über die „Sympathie- Doktoren“ des Schwarzwalds. Das waren einfache Bauern mit der Gabe, durch Handauflegen Kranke zu heilen. Ich dachte mir, diese Geschichten sind ein gutes Argument für eine längere Auszeit in Afrika, wo es noch solche Heiler geben soll. Der andere Grund war 1,70 m groß und hatte blaue Augen. Ich hatte Dr. Anne Hansen auf einer Party kennen gelernt und wurde von ihr mit südafrikanischem Rotwein abgefüllt, während sie von Pflanzen in der Wüste erzählte, die Sachen konnten, „das glaubst du gar nicht“. „Zum Beispiel?“ Ich war bemüht, nicht in diesen Augen zu ertrinken, sondern dem Exkurs „Afrikanische Heilpflanzenkunde für Anfänger“ zu folgen.

„Alt werden zum Beispiel“, sagte sie. „Stell dir vor, manche Pflanzen werden über 2 000 Jahre alt.“

„Wenn wir weiter so bechern, fühlen wir uns morgen auch nicht anders.“

Das brachte sie erst richtig in Fahrt. Und so erfuhr ich, welche erstaunlichen Kräfte die Heilpflanzen der Wüste haben. Zu welchen Wunderdingen die dort lebenden traditionellen Heiler in der Lage sind. Und dass sich Dr. Anne Hansen schon das halbe Leben mit diesen Themen auseinandersetzte. Ich schaute auf mein Weinglas, welches auf geheimnisvolle Weise schon wieder leer war, dann in die Abgründe ihrer Augen. Dann sagte ich: „Tja, da sollten wir mal hinfahren.“

Auf Partys sagt man schnell sehr viel, und am nächsten Morgen haben das zum Glück alle wieder vergessen, besonders, wenn es sich um Eheversprechen und Reiseverpflichtungen dreht. In diesem Fall war es anders. Dr. Anne Hansen war keine Frau mit schlechtem Gedächtnis.

Bauern, die durch Handauflegen heilten. Kräuterfrauen, die noch wussten, was uns Mutter Natur Gutes zur Verfügung stellt, und dafür manchmal verfolgt und getötet wurden. In einer Zeit, in der wir uns nur noch wie ein lästiger Kostenfaktor der Krankenkassen fühlen, in der unser Arzt nur wenige Minuten Zeit für uns hat, falls uns nicht sein Vorzimmerdrache längst wieder nach Hause geschickt hat, weil wir die Versicherungskarte vergessen haben, kommt sie zurück: die Besinnung auf alte Traditionen. Heilpraktiker haben Hochkonjunktur. Hausfrauen schlagen in Omas Schatzkästchen das Rezept für Hustensäfte nach, weil sie ihren Kindern die nächste Antibiotikabombe ersparen wollen. Und manch altgedienter Doc reicht seinen Patienten ein Naturheilmittel, „das es leider nur im Internet gibt, also sagen Sie keinem, dass Sie es von mir haben.“

Ich selbst hatte ebenfalls eine eigentümliche Einstellung zum Thema Krankheit, nämlich die, dass es sie nicht gibt. Schließlich komme ich aus dem Schwarzwald, wo man selbst im tiefsten Winter mit einem ärmellosen T-Shirt und barfuß durch Eis und Schnee stapft. Wer krank wird, ist ein Weichei, und das Beste ist, man nimmt dieses Unwort gar nicht erst in den Mund. Dann geschah es, dass in meiner nächsten Umgebung einige kerngesunde Menschen von heute auf morgen nicht mehr kerngesund waren. Es fielen die Begriffe Krebs und Aids. Die Ärzte konnten nicht mehr tun, als die Schultern zu zucken und eine Rechnung zu stellen. Ein paar meiner Bekannten starben schneller als der Pfarrer sein Beileid aussprechen konnte. Ich brachte zwar mein ärmelloses T-Shirt nicht gleich zur Altkleidersammlung, aber ich war bereit fürs Abenteuer. Und davon gibt es in Afrika mehr als genug.

Kurz gesagt, Afrika ist die Wiege der Menschheit. Aus Afrika kommen wir, und nach Afrika sollte man gehen, wenn einen die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen packt. Versetzen wir uns in eine Zeit lange, lange, lange vor unserer Zeit – in die Welt vor 200 Millionen Jahren. Damals sah die Erde ein wenig anders aus als heute. Die fünf Kontinente waren eine riesige Landfläche, und mit riesig meine ich riesig. Pangäa hieß der Superkontinent, und auf ihm ging's drunter und drüber. Flüssiges Magma rumorte im Erdinnern, Vulkane spuckten Feuer, unvorstellbare Kräfte zerrten an ihm, und eines Tages brach der Superkontinent auseinander. Die Wissenschaftler sind sich nicht einig, ob das von heute auf morgen passierte oder im Laufe einer längeren Periode. Schließlich war keiner von ihnen mit dabei. Tatsache ist, am Ende drifteten die Erdteile auseinander, und dieses Driften hält bis heute an. Nur Afrika machte die große Ausnahme. Der Kontinent war das Herzstück von Pangäa und blieb mehr oder weniger an seinem Platz – mit der Folge, dass die klimatischen Verhältnisse Afrikas seit sehr langer Zeit stabil sind, was zu einem wahren Brutkasten des Lebens führte: Pflanzen und Tiere entwickelten sich prächtig, und auch der Mensch tat, was er konnte. Zum ersten Mal tauchte er an einem Donnerstag im Jahr 2378545 vor Christus auf, und zwar im Great Rift Valley im heutigen Uganda. Als es ihm und seinen Kumpels dort ein paar hunderttausend Jahre später zu eng wurde, setzten sie sich in Marsch. 50 000 Jahre vor Christus erreichten sie Australien, 12 000 Jahre vor Christus die Gegend um Peking, 11 000 Jahre vor Christus den Süden von Chile, und um 10 000 vor Christus war der größte Teil der Erde von Menschen bevölkert: auch Stuttgart, wo ich als würdiger Nachfolger des ersten Afrikaners gerade sitze und schreibe. Kurzum, wir alle haben unseren Ursprung im Hochland von Uganda. Vielleicht war es einmal das Paradies gewesen, vielleicht auch schon immer die Hölle. Zumindest scheint es das heute zu sein. Denn aus Afrika erreichen uns selten gute Nachrichten. Wer die Wörter „Afrika“ und „Katastrophe“ googelt, braucht einen üppigen Arbeitsspeicher. Der Sudan, Kongo, Niger, Simbabwe – die Liste afrikanischer Länder ist lang, die in regelmäßigen Abständen mit Nachrichten aufwarten, die uns den Tag versauen. Vom Gegenteil hört man selten, und dann dreht es sich meistens um Berichte aus einem Naturpark mit großen Tieren darin und Lodges, deren Übernachtungspreise selbst Bill Gates trocken schlucken lassen. Kein Wunder, ist Afrika für viele Leute noch immer der Erdteil, in dem die Menschen auf den Bäumen leben – was ja manchmal auch stimmt: Die Pygmäen im Kongo bauen wunderbare Baumhäuser, und mal ehrlich, wer würde nicht gerne eines davon gegen sein hoch verschuldetes Reihenhaus neben dem Reaktor Philippsburg oder dem 1,5-Zimmer-Wohnklo in Berlin- Neukölln eintauschen? Der wahre Grund für unser geringes Verständnis für Afrika liegt aber darin, dass kaum jemand hinfährt. Der Wolfgangsee liegt höher im Kurs als der Victoriasee, die Götter wissen, warum. Der Reiseschriftsteller Paul Theroux sprach vom „Lost Continent“, denn in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt findet Afrika eigentlich nicht statt. Schade. Schließlich ist Afrika einzigartig. Seine Länder sind einzigartig. Seine Menschen sind einzigartig. Und ein Flug dorthin: absolut einzigartig!

Fliegt man von München nach Windhuk, der Hauptstadt von Namibia, muss man die Uhr nur eine Stunde vorstellen. Praktischerweise befindet sich der alte Kontinent auf ähnlichen Längengraden wie Europa. So sagte ich Beate, meiner Frau, Lebewohl, stieg in München ins Flugzeug, freute mich auf den entspannten Nachtflug, um am nächsten Morgen frisch und munter in Windhuk auszusteigen.

So hätte es sein können.

So war es aber nicht.

Denn ich hatte Mitstreiter. Schließlich will ich nicht den Eindruck erwecken, ich wäre alleine für 190 Kilogramm Gepäck verantwortlich, die wir durch den Zoll schleppten, um uns danach am Check-in in eine Warteschlange einzureihen, die bis zum Parkhaus reichte. Rolf Jost, der neben mir stand, verzog sein Gesicht.

„Die Typen da vorne“, sagte er, „sitzen nachher hoffentlich neben der Tür, und die geht auf. In 10 000 Meter Höhe.“

Wo er mit dem nackten Finger hinzeigte, standen vier Männer. Sie trugen grüne Anzüge und sahen ganz fidel aus, während sie eine Jägermeisterflasche kreisen ließen.

„Was ist mit ihnen?“, fragte ich.

Rolf wusste die Antwort. Er war mit seiner Frau Bigy schon in der Ente durch Afrika gekurvt, da hatte ich noch Bauklötzchen im Himmel gestapelt. Rolf gehört zu den Globetrottern, die jeden Satz mit den Worten beginnen: „Früher war's hier besser.“ Früher ist dann in den siebziger, achtziger oder neunziger Jahren des letzten Jahrtausends gewesen, als er und Bigy ein Dutzend Mal um die Erde reisten, um Filme über Kannibalen in Neuguinea, Koka-kauende Bauern in Peru und sämtliche Tiere Afrikas zu drehen. Außerdem ist Rolf Ehrenmitglied des Donald- Duck-Clubs, und wer es sich mit ihm versauen will, bestellt im Restaurant Peking-Ente. Während einer anderen Reise war ich mit ihm in China, der Mongolei und Tibet, und kann unter Eid aussagen, dass Milliarden Chinesen seinen heiligen schwäbischen Zorn auf sich zogen. Während er mit der Kamera für beeindruckende Bilder zuständig ist, sorgt seine Frau Bigy dafür, dass der Laden läuft: Sie ist Ton- und Kameraassistentin in einem und verwaltet außerdem den Geldbeutel der Filmproduktion. Ich kenne kein anderes Ehepaar, das seit über einem Vierteljahrhundert miteinander lebt, reist und arbeitet, und sich trotzdem noch etwas zu sagen hat – und zwar nicht, wann der Scheidungstermin ansteht. Vermutlich liegt das daran, dass Rolf zwar für Donald Duck schwärmt, im Grunde seines Herzens aber Daniel Düsentrieb ist, und deshalb ständig irgendetwas Neues ausheckt. Einen ferngesteuerten Kameraballon durch halb Afrika zu schleppen, war seine Idee gewesen. Im Ballon wiederum lag der Grund, weshalb wir Richard Bölling gebeten hatten, mitzukommen. Richard ist die Mutter aller Ballonfahrer. Eine Menge Piloten haben bei ihm gelernt, wie man einen Ballon gekonnt durch die Lüfte kutschiert.

„Gut“, sagte ich, als mir Rolf von ihm erzählte, „dann kann ja wohl nichts schief gehen.“

Wie man sich doch irren kann. Aber wahrscheinlich war ich damals in Gedanken woanders gewesen, möglicherweise bei den blauen Augen von Dr. Anne Hansen, die ich ebenfalls unterwegs treffen sollte.

„So wie bei Donald in den Lustigen Abenteuern“, sagte Rolf mit Nachdruck. „Luke auf, Jäger raus, Luke zu.“

„Das sind Jäger?“, fragte ich.

„Die da vorne“, sagte Rolf, „und die da drüben, und die und die, und die auch.“

Jetzt sah ich es. Außer den vier Spaßvögeln mit ihrer Jägermeisterflasche gab es eine stattliche Anzahl weiterer Männer in Tarnanzügen oder Bundhosen mit Janker. Fast sah es aus, als träfe sich der Reservistenclub der Bundeswehr. Aber es waren Großwildjäger, und ich zählte vierzig von ihnen.

„Die knallen alles ab, was ihnen vor die Flinte kommt“, sagte Rolf.

„Auch Enten?“

„Enten interessieren die nicht“, antwortete er ernsthaft. „Nein, die sind auf Löwen aus. Auf Geparden und Nashörner.“

„Aber das ist doch verboten!“

„Wo kein Kläger, da kein Richter. Auf privaten Farmen werden diese Tiere extra angesiedelt. Mitunter bezahlt von deutschen Tierschutzorganisationen, im naiven Glauben, Gutes zu tun. Dann holt sich der Farmer ein paar schießwütige Touristen ins Haus, verlangt eine saftige Abschussprämie, und kassiert so gleich doppelt. 5 000 Dollar kostet der Abschuss eines Geparden.“

„Du hast Recht“, sagte ich. „Luke auf, und raus mit der Bande.“

Aber dazu kam es nicht. Dafür zu einem Brauchtumsabend hoch über den Wolken mit Gesängen, die zwischen 1933 und 1945 populär waren. Nachdem Kamerad Tarnanzug der Stewardess zum x-ten Mal unter den Rock gegriffen hatte, war auch diese bereit, die Luke zu öffnen. Der Kapitän gab die Anweisung, keinen Alkohol mehr auszuschenken. Ein paar Horst-Wessel-Lieder später fielen die Großwild- Rambos in bleiernen Schlaf, während ich hellwach war und darüber nachdachte, ob das nun typisch ist für unser Verhältnis zu Afrika. Schließlich war der Schwarze Kontinent ein paar Jahrhunderte lang der Selbstbedienungsladen Europas gewesen. Allein seine Königliche Hoheit Leopold II, König von Belgien, vergrößerte sein privates Vermögen durch die Ausbeutung von Belgisch-Kongo um das 3500-fache. Auch Engländer, Franzosen, Holländer, Portugiesen und Deutsche langten kräftig zu. Trotzdem gibt es nichts Schöneres, als an einem kalten, grauen deutschen Wintertag ins Flugzeug zu steigen, um ein paar Stunden später im warmen, lichtdurchfluteten Afrika anzukommen. Im Hosea Kutaka International Airport von Windhuk empfiehlt es sich dann, den Weg vom Flieger zum Flughafengebäude im Laufschritt zurückzulegen. Ansonsten muss man bei der Einreise viel Geduld aufbringen. Sagen wir so zwei, drei Stündchen, falls man sich nicht unter Einsatz des Ellbogens an allen vorbeidrängelt, was einem wiederum die Chance gäbe, sich bei dem einen oder anderen Großwildjäger mit einem Schlag in die Rippen für die unvergessliche Nacht zu bedanken. Wer jedoch mit dem Ehrenmitglied des Donald- Duck-Clubs unterwegs ist, also einer Ente wie du und ich, der rennt nicht. So standen wir uns drei Stunden lang die Beine in den Bauch, um anschließend an der Gepäckausgabe nochmals eine Stunde auf ein Band zu starren, welches sich einfach nicht bewegen wollte. In der Zwischenzeit verließ ein Großwildjäger nach dem anderen die Asservaten- Kammer, Knarre in der Hand.

„Schießt euch ins Knie“, murmelte Rolf einen letzten Gruß, als ich endlich beginnen konnte, 190 kg Gepäck auf einen Trolley zu hieven, der die Größe eines Einkaufswagens hatte. Zum Glück nahte Hilfe: Schon in Deutschland hatten wir die Leute von Pilot's Heaven als Back-up-Service engagiert. Sie sollten uns mit wüstentauglichen Autos versorgen, Fluggeräten und Nonstop-Kaffee zu allen Tages- und Nachtzeiten. Chef der Firma war Wolfi Eckardt, der zuvor auf Korsika eine Bäckerei betrieben hatte.

„Roggenbrot und Brezeln“, erzählte er mir. „Das Geschäft ging wie geschmiert. Vom Backen haben die nämlich keine Ahnung, die Franzis.“

Derart freundlich betitelt, legten ihm die Korsen höflich aber bestimmt nahe, in Zukunft kleinere Brötchen zu backen, und zwar woanders.

„Die haben eine Bombe in mein Geschäft geschmissen“, sagte Wolfi. Er konnte es immer noch nicht fassen. „Da bin ich ins Kerzengeschäft eingestiegen.“ Dieser glasklaren Logik folgend, tingelte er die folgenden Jahre über die Weihnachtsmärkte Kaliforniens, wo die Nachfrage nach obszön kitschigen Kerzen in Form von Krippen, den Heiligen Drei Königen sowie der Jesusfamilie samt Kuh, Schaf und Esel groß genug war, dass nach ein paar Jahren Maloche eine Villa mit Swimmingpool in Windhuks Nobelviertel Ludwigsdorf heraus sprang, samt Gleitschirmflieger und Zwanzig-Tonner für ausgedehnte Wüstenfahrten. Die Firma Pilot's Heaven war geboren, und der Himmel im Namen bezog sich auf Wolfis Zwang, allen Menschen, die nicht bei drei auf den Bäumen waren, die Welt zu erklären.

„Das kapieren die Kuffnucken nie“, sagte er ohne jeden Anflug von Rassismus, „ohne flotte Abfertigung läuft doch nichts. Die Touristenärsche drehen um, wenn sie stundenlang auf ihren Stempel warten müssen.“

„Das Flugzeug war schon weg“, sagte ich.

Wolfi sah mir nur müde zu, wie ich mit dem Gepäck kämpfte, das sich bereits meterhoch im Einkaufswagen türmte.

„Fass mal an“, sagte ich zum Chef vom Himmel.

„Fass mal an“, sagte er zur Frau neben sich. Das war Gitta, in Personalunion Mitarbeiterin von Pilot's Heaven und Wolfi's Gattin. Ich wage zu behaupten, dass ohne sie der Laden keine Woche überlebt hätte, und ich höre keinen Widerspruch. Gitta war zwanzig Jahre jünger als Wolfi und blond wie Sommerweizen. Sie fotografierte, fuhr Jeep, flog Gleitschirmflugzeuge und konnte einen turmhoch beladenen Gepäckwagen durch das Tohuwabohu einer afrikanischen Abfertigungshalle manövrieren. Während Wolfi verkündete, dass er sich angesichts dieser Strapazen gleich mal aufs Ohr legen müsse, fragte sie nach unseren Plänen.

„Ausrüstung checken. Autos checken. Ballon checken. Los geht's“, antworteten wir.

„Hat keiner Lust auf Frühstück? Kaffee, Tee, Orangensaft? Ein wenig die Beine am Pool ausstrecken?“ Wir sahen uns an. In unseren Gesichtern stand wilde Entschlusskraft. Aber dann dachten wir: Hey, wir haben die Großwildjagd im Flugzeug überlebt, wir sind in Afrika, es ist 10 Uhr morgens, und der Thermometer zeigt bereits 28 °C im Schatten.

„Tolle Idee“, sagten wir wie aus einem Mund.

„Bei mir“, sagte Wolfi, „bricht keiner ein.“

Die Fahrt vom Flughafen nach Windhuk hatte eine halbe Stunde gedauert, und in der Zeit sah ich ein paar Dutzend Paviane, die uns am Straßenrand vergnügt ihre roten Ärsche entgegenstreckten. Eine gute Idee für Deutschlands Straßen, denn ich bin mir sicher, dass Paviane die Stimmung im morgendlichen Berufsverkehr spürbar verbessern würden.

Windhuk liegt 1630 Meter hoch, und ist auf den ersten Blick ein freundliches Städtchen. Seine Geschichte ist wie die Geschichte Namibias eng mit Deutschland verbunden. Darin spielen Diamanten eine wesentliche Rolle. Denn es war im April des Jahres 1908 gewesen, als ein Arbeiter der Lüderitzbucht- Eisenbahn in der Nähe der Station Grasplatz, die mitten in der Wüste ihrem Namen absolut keine Ehre macht, einen Diamanten fand. In dieser sandigsten Ecke Namibias gab es seit 1883 eine vom Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz gegründete Handelsniederlassung. Damals lagen die Klunker tatsächlich auf dem Boden herum. Man brauchte sich nur zu bücken, um sie aufzuheben. Aus diesem Grund kam das Bücken im fernen Deutschland groß in Mode. Wer es nicht zu sehr mit den Bandscheiben hatte, machte sich auf ins gelobte Land. Wie oft in der Geschichte der Menschheit scherten sich die Neuankömmlinge nicht darum, dass das Land bereits einen Eigentümer hatte. Nach ein paar Jahren kam es zum Aufstand der Herero, welcher von den kaiserlichen Schutztruppen auf grausame Weise niedergeschlagen wurde. Auch dem Aufstand der Nama-Stämme folgte ein erbarmungsloser Wüstenkrieg, und so blieb den fleißigen Diamantensammlern noch bis zum 9. Juli 1915 Zeit, einzusacken, was ihnen gar nicht gehörte. An diesem Tag musste der Kommandeur der Schutztruppe, Oberstleutnant Franke, die Kapitulation unterzeichnen, die ihm der Generaloberkommandeur der Südafrikanischen Union, Simon Botha, auf den Tisch knallte. Von nun an hieß die Kolonie Deutsch-Südwestafrika nur noch Südwestafrika. Doch bis zur eigentlichen Unabhängigkeit sollte es noch Jahrzehnte dauern. Sie kam am 21. März 1990. Die neue Nation nannte sich Namibia, als Reminiszenz an die Namib, die als älteste Wüste der Welt ein Teil der Kalahari ist. Namib bedeutet so viel wie „Leerer Platz“ oder „Ort, an dem nichts ist“. Das Land weist nach der Mongolei die geringste Bevölkerungsdichte der Welt auf. Trotz der im Vergleich kurzen deutschen Kolonialzeit sprechen noch immer über 30 Prozent der Einwohner deutsch. So kann es passieren, dass man auf einen Menschen stößt, der wissen will, ob Bismarck in der alten Heimat noch die Zügel in der Hand hält. Dann empfiehlt sich die diplomatische Antwort, er nicht, doch seine Enkel, und danach wird man zum Bier eingeladen. Die Südwester, wie sich die Nachfahren der Kolonialisten nennen, sind ein freundliches Volk, und ihr Windhuk Lager nimmt es mit jedem deutschen Gebräu auf.

Doch jetzt war Morgen, wir wollten Kaffee, und das brachte uns in Wolfi s Villa. Wie alle Häuser in den gepflegten Straßen von Ludwigsdorf wurde sie von einer hohen Mauer umfasst. Darauf lagen Glasscherben, und als ob das nicht reichen würde, hatte der Hausherr dicke Knäuel NATO-Stacheldraht gezogen. Rein kam man durch ein Tor, dessen Panzerung den Gefängnisdirektor von Stammheim mit Stolz erfüllen würde.

„Ist das alles nötig?“, fragte ich.

„Bei mir bricht keiner ein“, antwortete Wolfi. Er führte uns zu einem Raum, vergittert wie eine Gefängniszelle.

„Da packt ihr rein, was Wert hat. Kamera, Computer, Geld, Pässe.“

„Warum?“, fragte ich. „Wenn keiner einbricht, ist das doch überflüssig.“

Wolfi gab keine Antwort. Der Morgen war für ihn auch so schon anstrengend genug gewesen.

Am nächsten Tag klingelte um 4.00 Uhr in der Früh der Wecker, und das sollte sich auch in den nächsten Monaten nicht ändern. Schuld daran war der Ballon. Dafür gab es zwei Gründe: Erstens fängt man die schönsten Bilder in der Morgendämmerung ein. Und zweitens fuhr das Ding aufgrund von Luftdruck und Auftrieb nach Sonnenaufgang nicht mehr. Als ob das alles nicht genügte, hämmerte Rolf an meine Tür, und als ich öffnete, sah ich in ein putzmunteres Gesicht.

„Los, los, los“, drängte er, „wir lassen den Ballon steigen!“

Ich kletterte von der falschen Seite in meine Hose, und knöpfte mir das Hemd auf dem Rücken zu. Ganz klar, der Sohn meiner Mutter war kein Freund des frühen Weckers, und als wir die zentnerschwere Ausrüstung eine Meile weit ein ausgetrocknetes Flussbett entlang schleppten, fasste ich keine Pläne, daran was zu ändern. Ich rief nach Kaffee, aber die anderen verstanden „reicht mir mal die schwerste Kartusche“. Endlich kamen wir zu einer sandigen Ebene. Hier kam Richards Auftritt. Nach seinen Anweisungen breiteten wir die knallgelbe Ballonhülle aus. Mit einem Brenner entfachte er Feuer, dann stellte er einen Propeller davor. Die Flammen züngelten ins Innere, und langsam blähten sich 110 Kubikmeter Hülle auf.

„Ganz schön heiß“, sagte ich.

„1200 °C“, erwiderte Richard.

„Fackelt da nicht die Hülle ab?“

„Die ist aus nichtbrennbarem Nomex. Und vorne aus poly-r-beschichtetem Nylon. Dem Ballon kann nichts passieren. Im Gegensatz zu uns. Also immer schön vorsichtig sein.“

Die Flammen schossen Zentimeter an unseren Gesichtern vorbei, doch alle Gefahr war vergessen, als sich der Ballon aufrichtete. Mit ihm stieg auch der Korb nach oben. Daran befestigte Rolf noch schnell seine Kamera, die er über Funk scharf stellen, zoomen und drehen konnte. Dafür trug er eine Spezialbrille, die ihm das Aussehen eines verwirrten Außerirdischen gab, aber das brillante Ergebnis schwäbischer Bastelarbeit war. In ihr hatte er zwei kleine Monitore eingebaut, auf denen er sehen konnte, was die Kamera in luftiger Höhe aufnahm. Auf diese Weise wollten wir Tiere filmen, die von Helikoptern oder motorisierten Gleitschirmfliegern häufig zu Tode erschreckt werden. Wir dagegen planten die sanfte Tour. Der Ballon hielt sich auch daran, und fuhr lautlos davon, von einer kleinen Brise getrieben.

„Wie steuerst du ihn eigentlich?“, fragte ich neugierig.

„Gar nicht“, antwortete Rolf. „Ich kann nur die Kamera bedienen.“

„Sieht so aus, als ob er Kurs auf Angola nimmt.“

Was soll ich sagen? Mensch und Technik, zwei unversöhnliche Welten. Rolf warf Fernbedienung und Spezialbrille davon und rannte los. Nach einigen Minuten war er am Horizont verschwunden. Nur der Ballon am Himmel gab seine Richtung an. Mir wurde klar, wir würden noch viel Spaß miteinander haben.

2. Von Windhuk zum Waterberg

Bei der Betrachtung einer Landkarte von Namibia fällt auf, dass der größte Teil des 82,3 Millionen Hektar großen Landes in Parzellen aufgeteilt ist. Dabei handelt es sich um Farmen, was in einem Wüstengebiet ein wenig überraschend ist. Trotz Wassermangels und Hitze wird kräftig Ackerbau und Viehzucht betrieben. Da nur alle fünf Meter ein Grashalm wächst, braucht das Vieh viel Weidefläche. Daher sind diese Farmen um einiges größer als wir das aus Deutschland kennen. Think Big ist angesagt, und manche der Betriebe können es locker mit einem deutschen Landkreis aufnehmen. Zum Kaffeetrinken mit dem Nachbarn steigt der Bauer in sein Flugzeug und um unerwünschten Besuch fernzuhalten, zäunt er seinen Besitz meterhoch ein. In aller Herrgottsfrüh verließen wir Windhuk Richtung Norden. Auch Rolf befand sich wieder unter uns. Verschwitzt, zerlumpt, aber mit Ballon, war er spät am Abend zurückgekehrt, als ich gerade die Luft aus der letzten Flasche Windhuk- Lager ließ, während mir Wolfi zum x-ten Mal sein Sicherheitskonzept erläuterte: „Alarmanlage. Stacheldraht. Glasscherben. Denke über eine lasergesteuerte Selbstschussanlage nach. Bei mir bricht keiner ein.“ Ich war froh, seine Festung verlassen zu können, auch wenn die Alternative hieß, den Geländewagen über eine Wellblechpiste steuern zu müssen.

Wir waren seit einigen Stunden unterwegs, als Rolfs Stimme aus dem Walkie-Talkie kam.

„Siehst du auch, was ich sehe?“

Seit wir in Windhuk aufgebrochen waren, fuhren wir an Zäunen entlang. Mir wurde klar, wer es in Namibia zu etwas bringen will, musste ins Stacheldrahtgeschäft einsteigen.

„Das ist echt schlecht für den Ballon“, sagte Rolf.

Ach ja. Der Ballon. Für einen süßen Moment hatte ich ihn vergessen.

„Müssen wir wohl über die Zäune klettern“, sagte Rolf. „Hast du die Namen der Farmen gesehen? Ulkig. Gerade sind wir am Schwarzwald vorbeigekommen.“

Wie man das aus amerikanischen Western kennt, weisen in Namibia Schilder an Einmündungen von Schotterpisten tief ins Landesinnere, wo man nach 20, 30 Kilometer Fahrt auf das Farmhaus stößt. Die Namen erzählen viel über die wechselvolle Geschichte des Landes. Da gibt es deutsche Namen wie „Schwarzwald“, „Richthofen“, „Heimat“, „Hochfeld “ und „Schweinsberg“. Britische wie „The Dunes“, „Yellow Bank“ und „Daylight“. Niederländische wie „Groot Ester “ und „Lacockshoop“. Und welche in den Sprachen einheimischer Volksgruppen: „Omakuara“, las ich, „Okatjeru“ und „Okawatuta“. Unser Tagesziel hieß „Oijikango“. Trotz dieser Namen gehören diese Farmen nicht Herero- oder Ovambo-Familien, und auch „Oijikango“ machte da keine Ausnahme. Sie befand sich im Besitz des deutschstämmigen Farmers Bruno Gretzmann, der bereits in der dritten Generation eine Rinderzucht betrieb. Während unseres Telefonats vor der Abreise hatte er mir die größten Steaks westlich des Swakop River versprochen, sollten wir bei ihm vorbeischauen.

Wie sich herausstellte, war das keine Übertreibung. In einem Land, in dem der nächste Nachbar nicht um die Ecke wohnt, wird Besuch noch hoch geschätzt, und so fiel der Empfang auf Bruno Gretzmanns Farm mehr als herzlich aus. Während wir versuchten, unsere vibrierenden Muskeln unter Kontrolle zu bekommen, führte uns Bruno herum.

Die Farm maß stolze 144 km2, und von seinen 1600 Rindern kannte er jedes beim Namen – auch das, welches gerade zu Steaks verarbeitet wurde. Dafür war Horst zuständig, ein kleiner, drahtiger Mann um die 60 Jahre. Er legte sein Schlachtermesser von der Größe einer Machete beiseite, wischte sich die blutigen Hände an der Schürze ab und umarmte uns begeistert.

„Bin 30 Jahre zur See gefahren“, sagte er. „Heute Abend gibt's Seemannssteak à la Kalahari. Danach braucht ihr eine Woche lang nichts mehr zu essen.“

Dann legten sich zwei Hände über meine Augen, und eine Stimme sagte: „Überraschung!“

Ich ahnte, zu den Händen gehörte eine Frau, die gerne hilflose Schriftsteller mit Rotwein abfüllt, um ihnen unmögliche Versprechen zu entlocken. Ich wandte mich um, und Dr. Anne Hansen strahlte mich an. Mir schwindelte. Erst die Wellblechpiste, dann diese Augen. Somit war meine nicht besonders schlagfertige Antwort zu entschuldigen.

„Wie kommst du hierher?“, fragte ich.

„Mit dem Auto“, sagte sie. „Hat echt Spaß gemacht, die Rüttelfahrt.“

Es gehörte zu ihrem Beruf, sich auf abenteuerliche Wege zu begeben. Dr. Anne Hansen interessierte sich für Teufelskralle, Bruno besaß Teufelskralle – es war also kein Wunder, dass sie den beschwerlichen Weg zu seiner Farm auf sich genommen hatte.

Dann trat Bruno mit einem Vorschlag zu uns.

„Lasst uns ein bisschen rausfahren“, sagte er. „Auf einen Sundowner.“

Das „Bisschen-rausfahren“ entpuppte sich als einstündige Fahrt durch offenes Gelände. Die Trockensavanne, die nördlich von Windhuk beginnt und sich bis an die angolanische Grenze erstreckt, ist mit niedrigem Buschwerk bewachsen. Das Land ist flach und unendlich, der Horizont in weiter Ferne. Mitunter beschleicht einen das Gefühl, dass die Welt so aussah, als unser aller Herrgott seinen großen Zauberstab schwang.