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THE DEATH 2 - AUSROTTUNG

ein post-apokalyptischer Thriller von

John W. Vance


aus dem Amerikanischen übersetzt von

Andreas Schiffmann

Copyright © 2014 by John W. Vance

All rights reserved. No part of this book may be used, reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording, or by any information storage or retrieval system, without the written permission of the publisher, except where permitted by law, or in the case of brief quotations embodied in critical articles and reviews.

By arrangement with John W. Vance

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Tag 226

14. Mai 2021

Zehn Meilen nördlich des internationalen Flughafens von Denver

Lori fühlte sich allein und bekam Angst, als der Wagen verschwand, der sie eskortiert hatte. Nachdem sie ausgestiegen war, schaute sie den Männern nach. Sie gerieten schnell außer Sicht, da die Dunkelheit sie verschlang.

Dann lehnte sie sich gegen die kalte Fahrertür und blickte zum Himmel auf, an dem die Sterne hell funkelten. Prompt schweiften ihre Gedanken ab zu jener Nacht mit Travis, als sie beide genau dieses Firmament betrachtet hatten. Sie musste lächeln, als sie sich daran zurückerinnerte, wie er die Sternbilder mit ihrem Finger nachgezeichnet hatte, damit sie deren Anordnung besser erkennen konnte. So einfühlsam hatte er sie mit seiner starken Hand angefasst.

Plötzlich musste sie an David und Eric denken. Sie sorgte sich um die beiden und reiste auch deshalb zurück, um sie zu retten. Nun konnte sie jedoch wirklich behaupten, dass sie David nicht mehr liebte. Sie fühlte natürlich noch etwas für ihn, aber dies hatte nichts mehr mit Leidenschaft zu tun. Das wusste sie zwar schon lange, war aber immer bemüht gewesen, ihre Familie zusammenzuhalten.

Plötzlich huschte ein Meteor am Himmel vorbei. Sie schloss die Augen und wünschte sich, ihre Mission würde wie geplant verlaufen, damit sie David und Eric in Sicherheit bringen und zu Travis zurückkehren konnte, um ihm ihre Liebe zu gestehen.

***

Breite Lichtkegel fielen auf ihren kleinen Wagen, während sie langsam zum ersten Kontrollpunkt fuhr, der wenige Meilen vor dem Flughafen lag.

Lori spürte, wie sie sich verkrampfte, als sie in die einspurige Zufahrt abbog. Die Flutscheinwerfer waren gleißend hell und erschwerten ihr die Sicht. Ihre Hände taten allmählich weh, weil sie das Lenkrad so fest umklammerte. Wie ein Mantra wiederholte sie fortwährend »Bitte, Gott«, bis sie das Wachhäuschen erreichte und von einem Uniformierten angehalten wurde.

Der Mann kam an die Fahrertür und klopfte gegen die Scheibe.

Sie ließ sie hinunter.

Er knipste eine Taschenlampe an, um in Loris Gesicht und das Wageninnere zu leuchten. »Wohin wollen Sie?«

»Ich bin Lori Roberts«, platzte sie heraus. »Ich komme, weil ich mich ausliefern will – als Entflohene.«

Nachdem der Wächter noch einmal ihr Gesicht angestrahlt hatte, trat er zurück. »Warten Sie kurz hier«, bat er und ging fort.

Wenige Augenblicke später kamen drei andere Männer. Einer trat an sie heran und fragte: »Sind Sie wirklich die Frau, die zu sein Sie vorgeben?«

Sie schaute ihn an – einen jungen Kerl – und wiederholte: »Ich bin Lori Roberts und von hier geflohen. Ich möchte mich selbst ausliefern.«

Nun nahm der Mann ein eckiges Kästchen hervor, das über ein Okular verfügte. »Halten Sie Ihr rechtes Auge bitte hier gegen«, verlangte er.

Sie lehnte sich zur Seite, drückte ihr Auge gegen die weiche Gummieinfassung und schaute auf einen kleinen Glasschirm im Gerät.

Er drückte eine Taste, woraufhin ein kurzer Blitz über ihre Iris zuckte. Dann zog er das Gerät zurück und tippte auf ein Display an der Außenseite. Dort schien er etwas zu sehen, das ihre Behauptung bestätigte, denn er gab den Kasten an seinen Nebenmann weiter und befahl: »Steigen Sie aus – Hände hoch, sodass ich sie sehen kann.«

»Wie soll ich denn dann bitte die Tür öffnen?«, fragte sie.

Einer der anderen Wächter übernahm es für sie.

Während sie die Arme hochhielt und ihre offenen Handflächen zeigte, verließ sie das Auto und kniete sich auf den Boden.

Nun packte der erste Mann ihre Unterarme mit einer Hand, während er mit der anderen ein Paar Handschellen zückte. Diese legte er ihr an, nachdem er ihre Arme am Rücken verschränkt hatte, half ihr danach beim Aufstehen und zwang sie, ihren Oberkörper auf die Motorhaube zu legen. Dann durchsuchte er sie professionell und gründlich. »Sie ist sauber, überprüfen Sie jetzt den Wagen«, ordnete er an.

Die beiden anderen Männer begannen, das Interieur mit Taschenlampen bewaffnet auf den Kopf zu stellen. »Da ist nichts, Sir.«

»Ich bringe sie selbst zurück«, sagte der erste Wächter schließlich und führte Lori zu einem weißen SUV. Er ließ sie hinten einsteigen und setzte sich danach ans Steuer.

Das alles geschah so schnell, dass sie es kaum richtig wahrnahm.

Kurz bevor sie das Haupttor zum Flughafen erreichten, bremste er, drehte den Rückspiegel in ihre Richtung und fragte: »Lori, geht es Ihnen gut?«

»Hm?«

»Geht es Ihnen gut?«

»Ja, danke.«

»Ihnen wird nichts passieren«, versicherte er.

Die Bemerkung überraschte sie. Dem Richter zufolge würde sich keiner der Informanten ihrer Verbündeten zu erkennen geben, nachdem sie zurückgekehrt sei, doch anscheinend hatte sich dieser Mann gerade über die Regeln hinweggesetzt. Sie spielte jedoch nicht mit, weil sie befürchtete, aus Versehen etwas preiszugeben. »Danke sehr.«

Als sie am Haupttor vorfuhren, wurden sie sofort durchgewunken. Drinnen auf dem geteerten Gelände sah alles noch genauso aus wie bei ihrer ersten Ankunft. Männer, Frauen und Maschinen kamen und verschwanden wieder. Hier herrschte ununterbrochener Betrieb.

Der Mann brachte sie zum Hauptquartier des Sicherheitsdienstes, wo sie einem anderen Mann anvertraut wurde. Dieser trug die schwarze Uniform des Flughafenpersonals, doch was fehlte, waren die Flaggen und Abzeichen, die sie von früher kannte. Stattdessen prangten merkwürdige Logos darauf, die Travis schon erwähnt hatte.

Die Männer setzten sie in eine Ecke, während sie miteinander besprachen, was nun mit ihr zu tun sei. Plötzlich klingelte ein Telefon. Der Flughafenangestellte nahm ab und legte nach kurzem Wortwechsel wieder auf. »Ihr beide, bringt sie nach oben!«

Zwei seiner Kollegen packten Lori und gingen mit ihr durch das Untergeschoss des Flughafens zu den Aufzügen. Dann fuhren sie mit ihr auf die Hauptebene. Als sich dort die Tür öffnete, wartete schon ein junger, attraktiver Mann mit vor der Brust überkreuzten Armen auf sie. »Ich übernehme hier, bitte ziehen Sie ihr die Handschellen aus«, sprach er.

Die beiden Sicherheitsmänner befolgten seine Anweisung und übergaben Lori.

Der junge Mann drehte sich um. »Folgen Sie mir«, verlangte er.

Während sie über die Flure gingen und mehrmals abbogen, fand Lori sich langsam wieder zurecht. Als sie um die letzte Ecke kamen, sah sie sich in ihren Vermutungen bestätigt. Am Ende des Korridors befand sich eine einzelne Tür, die von zwei Wachen flankiert wurde.

Der Mann blieb stehen, streckte einen Arm aus und zeigte auf den Eingang. »Bitte weiter.«

Lori schaute ihn betreten an und sehnte sich danach, ihn als jemanden zu erkennen, der auf ihrer Seite stand, er aber ließ sich nichts dergleichen anmerken.

»Gehen Sie«, drängte er.

Sie setzte ihren Weg über den Flur zögerlich fort. Als sie zuletzt hier gewesen war, hatte sie einen Mann getötet und ihre Flucht angetreten. Jetzt schloss sich der Kreis und sie kehrte freiwillig in die Höhle des Löwen zurück. Sie betete darum, ihr Vorhaben in die Tat umsetzen und Horton töten zu können, denn sie wollte Travis unbedingt wiedersehen. Als sie vor der Tür stand, öffneten die Wächter sie ohne Nachfrage, und sie trat über die Schwelle in den Vorraum des Quartiers.

In diesem Moment verspürte sie den dringenden Wunsch, sich einfach umzudrehen und abermals davonzulaufen. Ihr Körper zitterte unbeherrscht. Die Entschlusskraft, die ihr der Richter verliehen hatte, war nun endgültig dahin. Horton jagte ihr nicht nur Angst ein, sondern entsetzte sie wie niemand je zuvor. Er war für sie der Inbegriff des Bösen. Sie hatte auch zuvor mit verkommenen Charakteren Bekanntschaft gemacht, doch dieser Mann verkörperte alles, was die Menschheit an Boshaftigkeit zu bieten hatte.

Als der Türriegel klickte, blieb Lori kurz das Herz stehen. Der Knauf drehte sich, woraufhin sie einen halben Schritt zurücktrat. Die Tür ging auf, aber nur quälend langsam, bis sie schließlich den Kanzler erblickte.

»Hallo, Lori, es freut mich, dich zu sehen. Würdest du bitte hereinkommen? Wir haben eine Menge zu besprechen.«

Außerhalb von Charleston, South Carolina

Tess stattete ihrem Gefangenen in der Garage einen Besuch ab. Wie schon zuvor schwor er bei seinem Leben, die Wahrheit gesagt zu haben. Als er erzählte, die Gruppe würde in Charleston anlegen, überschlug sie die Fahrzeit bis dorthin und begann, den Humvee zu beladen.

Die meisten Lebensmittel waren nun ausgeladen. Sie hatte nur eine Kiste Feldrationen und einen kleinen Vorrat unterschiedlicher Konserven im Wagen gelassen. Der Großteil ihrer Waffen und Munition blieb ebenfalls zurück, das .50er Kaliber und dessen Patronen sollten jedoch mit auf die Reise kommen. Tess hoffte, es wäre erneut die Waffe, mit der man das Blatt wenden könnte.

Der Gefangene hatte ihnen die genaue Stelle in Charleston genannt, an der die Gruppe für gewöhnlich anlegte. Sie erhielten Beschreibungen des Tankvorgangs und erfuhren, mit wie vielen Gegnern sie rechnen mussten. Letzteres – die Zahl der Piraten – gab Devin Anlass zu Bedenken. Ihrer Geisel zufolge bestand die Schiffsbesatzung aus fünfzig Mann.

Renfield mochte vielleicht den Verstand verloren haben, dachte aber immer noch rational. Der eine Ort, an dem er eine zweite Gruppe beträchtlicher Größe unterhielt, war der Hafen. Dort hielten sich dem Gefangenen zufolge mehr als fünfundzwanzig weitere Schergen auf.

Für Devin wurde ihr Vorhaben zusehends unmöglich, doch Tess fand jede Gelegenheit, sich Zugang an Bord des Schiffes verschaffen zu können, ohne selbst aufs Wasser fahren zu müssen, besser als jeden anderen Plan. Aber sie war keine Närrin und wusste, dass sie einen gewaltigen Nachteil hatten.

Bei der Abreise hatte Alex sie bekniet, mitkommen zu dürfen, doch Tess ließ das nicht zu. Ein halbes Dutzend Mal erklärte sie ihm, dass sein Platz an Briannas Seite war, damit er die kleineren Kinder beschützen konnte.

Melody hatte ihre Tetanusinfektion nahezu vollständig auskuriert. Ihre erfolgreiche Genesung ließ Tess hoffen, dass das Schicksal sich nun zu ihren Gunsten wenden würde. Sie erinnerte sich daran, wie Meagan ihren Namen gerufen hatte. Wäre dies nicht geschehen, hätten die meisten Kinder – vielleicht sogar alle – den Tod gefunden oder schlimmer noch, sie wären in Renfields Gewalt geendet.

Bedrängte Devin sie mit der Frage, wie ihre Mission gelingen sollte, antwortete sie lediglich: »Das wird sie ohne jeden Zweifel!«

Gerade als die Sonne aufging, fuhren die beiden mit ihrem Gefangenen los und entlang der Küste in Richtung Süden. Wie immer machten sie sich auf das Schlimmste gefasst, doch die Reise verlief ereignislos.

Der Mann, dem Devin endlich seinen Namen abgerungen hatte, hieß Morgan und behauptete, gebürtig aus Charleston zu stammen.

Sie parkten in einer Wohnsiedlung eine halbe Meile von der Südspitze des Wando Welch Terminals entfernt, einem weitläufigen Dock zum Be- und Entladen von Schiffscontainern. Für eine Stadt von der Größe Charlestons war es riesig. Dort gab es vier Ankerplätze, elf Hebekräne und Lagerflächen von über neunzig Morgen, die Renfield nun als Festlandstützpunkt für seine Machenschaften dienten. Von ihrem Versteck aus würden Devin und Tess das Schiff von Süden her kommen sehen und falls notwendig ein kleines Personenboot finden, da in der Nähe Dutzende davon vor Anker lagen.

Nachdem sie den Wagen gut versteckt und Morgan an einen Baum gefesselt hatten, gingen Tess und Devin zum Hobcaw Creek, einem schmalen Nebenarm des Wando River.

Tess blieb am Ufer stehen und blickte gedankenversunken hinaus.

Devin stellte sich neben sie. »So weit, so gut«, sagte er.

»Bis hierhin war alles leicht.«

Er sah einen flachen Kiesel und hob ihn auf. Er rieb ihn an seiner Hose, dann fuhr er mit dem Daumen über die glatte Oberfläche.

Tess atmete schwer.

Devin spürte, dass sie angespannt war. »Egal was geschieht, wir haben das Richtige getan und uns für das Gute eingesetzt.«

»Ich weiß, aber mir ist einfach schleierhaft, wie wir diese Kids befreien sollen. Unsere Chancen stehen praktisch bei Null.«

»Gegen eine solche Überzahl würden wir uns nicht zum ersten Mal behaupten«, entgegnete Devin.

»Schon klar, aber das hier kommt mir einfach unmöglich vor, und ich hasse es, dieses Wort zu verwenden.«

»Falls es wirklich nicht funktioniert, was tun wir dann?«

»Das Notwendige.«

»Aber wenn wir sterben, was wird dann aus den Kindern, die im Haus geblieben sind – und Brianna?«

Tess drehte ihren Kopf langsam zu Devin um. »Da hast du nicht Unrecht, doch wir dürfen diesen Männern die Kinder nicht einfach überlassen. Ich würde nie wieder Ruhe finden, wenn ich wüsste, dass wir es nicht wenigstens versucht hätten.«

»Da stimme ich dir ja zu, bloß sollten wir die reelle Wahrscheinlichkeit, dass es vielleicht in der Tat unmöglich ist, nicht ausblenden. Vielleicht sind wir zwei nichts weiter als ein Selbstmordkommando, das überhaupt nichts erreicht.«

Tess schaute auf den Stein, den er festhielt, und schnappte ihn aus seiner Hand. Nachdem sie mit den Fingern über die glatten Kanten gefahren war, holte sie aus und warf ihn in einem flachen Winkel auf das Wasser, um ihn springen zu lassen. Er ging jedoch direkt nach dem ersten Aufklatschen unter.

Devin suchte nach einem weiteren Kiesel, bis er einen geeigneten fand. Er machte eine ruckartige Armbewegung, dann sauste der Stein davon und hüpfte fünfmal über die Oberfläche, ehe er im dunklen Wasser unterging. Nachdem er sich gebückt und noch ein paar aufgehoben hatte, hielt er ihr einen hin. »Hier, der ist gut.«

Sie nahm den Stein und versuchte es erneut, aber wie der erste versank er sofort.

»Du machst das falsch … nicht auf diese Art werfen. Hol seitlich mit dem Arm aus, etwa so …« Er schleuderte den nächsten Kiesel, der wiederum mehrmals hüpfte.

Tess beobachtete Devins Technik.

Er reichte ihr einen dritten Stein. »Probier’s mal mit dem.«

Sie tat es, versagte aber erneut.

»Hast du als Kind in der Pampa von Dakota niemals Steine springen lassen?«, fragte er. »Mein Dad nahm mich fast jeden Tag nach der Schule mit in den Central Park, um das zu tun, herumzulaufen, Verstecken zu spielen, du weißt schon … Kinderkram halt. Am besten gefielen mir unsere Wettkämpfe im Steinewerfen. Wenn ich ihn schlug, kaufte er mir nämlich in einem kleinen Lokal an der 88. Straße eine Eiswaffel. Dort gab es das beste Softeis der Welt …«

Tess fuhr frustriert herum und stapfte davon.

Ihre Reaktion verdutzte Devin. Nachdem er sie eingeholt hatte, fragte er: »Hey, was ist los?«

»Lass mich einfach ein bisschen allein.«

»Nein, das ist jetzt nicht die richtige Zeit. Wir haben nicht mehr viel Zeit, um uns zu überlegen, wie das hier genau klappen soll.«

Sie blieb stehen. »Lass mich einfach in Ruhe!«

»Was?«

Sie ließ den Kopf hängen. »Mag sein, dass ich langsam eine Posttraumatische Belastungsstörung bekomme oder wie man das nennt, jedenfalls fällt es mir zunehmend schwerer, Probleme in den Griff zu bekommen. Ich komme her, weil ich eine Nachricht von Travis suche, und finde dann diese alleingelassenen Kinder, die sich fürchten und Not leiden. Als Nächstes erfahren wir, dass noch mehr entführt wurden, zweifellos gefoltert und vergewaltigt worden sind. Neulich in Reed haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, um Daryls Sohn zu retten, und haben versagt – ja, wir versagten! Alles was wir vorzuweisen haben, sind Narben und Albträume! Diese ganze beschissene Welt ist einfach das Letzte!«

»Wie du schon sagtest, sind wir die Guten und tun, was wir können, damit es besser wird.«

»Vorhin hast du zwei Dinge erwähnt, die mich wirklich getroffen haben, ganz tief hier drin.« Sie zeigte auf ihre Brust. »Erstens, dass du den Versuch, die Kids zu retten, bleiben lassen würdest, weil sich niemand um die Kleinen kümmert, falls wir sterben. So gern ich dir auch widersprechen würde: Das ist verdammt richtig. Diese Sache ist einfach nicht zu schaffen und wir würden nur ins offene Messer rennen.« Sie stockte und brach in Tränen aus.

Devin kam näher, und sie legte ihren Kopf an seine Brust.

»Du hast gefragt, ob ich als Mädchen je Steine übers Wasser geworfen hätte. Nein, das habe ich nicht, denn ich saß eingesperrt in einem Kinderheim. Meine leiblichen Eltern wollten mich nicht, und die anderen in dem Heim hänselten mich, weil ich einen hässlichen Tumor im Gesicht hatte. Oft sah ich Erwachsene kommen, doch die nahmen niemals mich, sondern nur die gemeinen, abscheulichen Kinder, die mich drangsalierten und beschimpften. Jahrelang saß ich dort und erlebte, wie andere Elternlose kamen, mich quälten und dann wieder verschwanden. In diesem Heim legte ich mir ein dickes Fell zu und fing an, andere Menschen zu hassen. Einmal bekam ich eine Pflegefamilie, doch das Paar war krank. Der Mann belästigte mich und tat mir weh. Ich war erst zwölf.« Tess hörte auf zu reden und stierte zu Boden. Tränen tropften von ihren Wangen. Sie hatte diese lange Liste ihrer Kindheitsprobleme, die Devin bisher vollkommen unbekannt und völlig fremd gewesen war, blitzschnell heruntergerasselt.

Er zog sie fester an sich, und sie ließ es geschehen. Sie begann, immer heftiger zu schluchzen. Travis hatte von ihrer Vergangenheit gewusst, sich aber niemals damit auseinandergesetzt. Sein einziger Eindruck von ihr war jener der hübschen, knallharten Frau, die ihm auf der Highschool begegnet war. Ungeachtet der schrecklichen Abenteuer, die sie mit Devin erlebt hatte, und der Situationen, in denen die beiden dem Tod nur knapp entronnen waren, kannte Devin nun eine intime, angreifbare Seite von ihr, die Travis vorenthalten geblieben war.

Morgan begann, nach ihnen zu rufen.

»Was will denn der?«, fragte Tess.

»Ist doch egal«, erwiderte Devin, ehe er ihren Kopf anhob. »Tut mir leid, wegen der Scheiße, die du als Kind erlebt hast, wirklich.«

»Jetzt verstehst du hoffentlich, warum ich mich in diese Kids hineinversetzen kann. Ich weiß, was es bedeutet, im Stich gelassen zu werden und keine Familie mehr zu haben.«

»Ich verstehe es.«

»Das wäre schön. Im Moment bin ich aber hin und her gerissen: Einerseits kann ich die Vorstellung nicht ertragen, dass die Älteren leiden, doch andererseits graut es mir genauso davor, die Kleinen alleinzulassen.«

Morgan rief erneut.

»Wir sollten nachsehen, was er will«, schlug Tess vor und entzog sich ihm. Sie strich ihr Haar zurück und fuhr sich über ihre feuchten Wangen.

»Darf ich dir noch eine Frage stellen?«

»Sicher.«

»Wo war der Tumor in deinem Gesicht?«

»Die Narbe hier ist dir noch nicht aufgefallen?«, erwiderte sie und zeigte auf eine kaum erkennbare Linie, die in einem Winkel von etwa fünfundvierzig Grad von ihrem rechten Nasenloch aus zwei Zoll nach unten verlief.

»Doch, die habe ich gesehen, aber ich dachte mir nichts dabei.«

»Ich hatte einen Blutschwamm dort – angeboren. Er wurde entfernt, als ich acht war.«

»Ich finde dich schön«, gestand Devin.

Tess errötete.

»Kann ich selbst nicht beurteilen.«

»Hilfe! Schnell!«, rief Morgan lauter.

»Gehen wir«, sagte Tess.

Als sie zu ihm kamen – die Fesseln hielten nach wie vor –, sahen sie den Grund für sein panisches Rufen: Zu seinen Füßen ringelte sich eine dicke Schlange.

»Macht sie kalt, schnell, das ist eine Wassermokassinotter.«

»Sind die giftig?«, fragte Devin verschmitzt.

»Ja, sehr giftig.«

»Bitte!«, drängte Morgan.

Die Otter wand sich näher heran und hob ihren Kopf, als wolle sie an seinem Bein hinaufkriechen.

»Hast du etwa Schiss vor Schlangen?«, fragte Devin ihn.

»Komm schon, Mann, bitte!«

»Pass auf, wir machen das so: Du sagst uns, wie wir am besten in die Werft und an Bord des Schiffs gelangen …«, sagte Tess.

»Okay, okay, aber macht dieses verfluchte Vieh kalt.«

»Nichts da, erst singst du«, beharrte sie.

»Scheiße, das ist ungerecht.«

»Na gut, suchen wir eben weiter, oder was meinst du, Devin?«, fragte Tess.

»Machen wir«, pflichtete Devin ihr bei und drehte sich um.

»Halt! In Ordnung«, stammelte Morgan, dessen dunkelbraune Augen riesengroß geworden waren, während ihm Schweiß übers Gesicht strömte und von seinem dichten, buschig braunen Bart tropfte. Sein fettiges, dunkles Haar hing ihm in die Augen, aber seine Angst vor der Schlange hielt ihn davon ab, sich zu rühren.

»Überquert den Flusslauf dort. Die Südseite der Werft wird nie sonderlich gut bewacht. Ab und zu patrouilliert dort jemand, aber fest bemannt haben wir die Stelle nicht. Ihr könnt den Maschendrahtzaun aufschneiden und euch leicht hinter den Conex-Containern verstecken. Oh Mann, das Ding kommt immer näher, macht schon, ihr wisst doch jetzt alles.«

»Nein, wie kommen wir aufs Schiff? Dort haltet ihr die Kids doch fest, oder?«

»Äh, ja, aber wer auch immer sie gekauft hat, kann sie jederzeit abholen. Ich weiß nicht, ob noch alle an Bord sind.«

»Gekauft?«, hakte Tess nach.

»Richtig, wir handeln mit den Mädchen und tauschen sie ein. Die Jungen werden zum Kämpfen und für Schiffsarbeiten ausgebildet.«

Tess schaute Devin an und schüttelte den Kopf. Er konnte sehen, dass sie wieder wütend wurde.

»Wem gehören die Mädchen, nach denen wir suchen?«

Morgan konnte den Blick nicht von der Schlange abwenden, sie war schon über seinen Schuh gekrochen und lag nun an seiner rechten Wade.

»Das weiß ich nicht, jetzt hört doch endlich auf. Ich weiß es wirklich nicht. Ihr müsst mir glauben, Renfield hat scheiß viele Leute um sich, also keine Ahnung, wer sie gerade hat.«

Tess nahm ihm das zwar ab, wollte ihn aber noch nicht von der Schlange erlösen, weil sie die Todesangst genoss, die er wegen des Tiers ausstand.

Devin fragte: »Wenn sie im Hafen einlaufen, wird da eine große Party steigen – ein Fest, zu dem alle zusammenkommen?«

»Soll das ein Witz sein?«, warf Tess ein.

»Ja, ja, da steigt wirklich was, immer am ersten Abend, wenn wir wieder an Land gehen. Es gibt ein Riesenfeuer, Saufen, Vögeln, eine Menge irres Zeug spielt sich da ab.«

»Siehst du? Schätze, alte Piratenfilme gesehen zu haben, zahlt sich letztendlich doch aus.«

Tess verdrehte die Augen. »Du bist echt die Krönung.«

»Was denn? Piraten lassen es immer hoch hergehen, wenn sie irgendwo einfallen, in Filmen ist das zumindest so.«

Die Otter schlängelte sich auf Morgans Leiste zu.

»Also, Mr. Wassermokassin ist drauf und dran, dir in dein bestes Stück zu beißen«, sprach Tess im schnippischen Tonfall. »Das solltest du als Chance sehen, wenn du uns noch irgendetwas Wichtiges mitzuteilen hast – alles, was uns dabei helfen kann, diese Kids zu befreien.«

»Ich hab euch alles gesagt, ihr wisst es! Bitte!«

»Mehr Details!«, verlangte Tess.

»Alle Kids werdet ihr nie kriegen. Ein paar sind jetzt schon total umgekrempelt im Kopf, versteht ihr? Kindersoldaten, knüppelhart.«

Devin ging nicht darauf ein. »Wird das Schiff nachts streng bewacht, wenn ihr feiert?«

»Nein, dann ist niemand an Bord, höchstens ein paar von den Gefangenen.«

»Wo genau finden wir die?«

»Falls sie erst vor kurzem aufgeschnappt wurden, halten wir sie in den Achterkojen auf Ebene Vier fest.«

Die gespaltene Zunge der Schlange schnellte immer wieder aus ihrem Schlund hervor.

»Gottverdammt, so tut doch etwas!«, rief Morgan.

»Okay«, sagte Tess, packte seine Beine und drückte sie trotz der Schlange zusammen.

»Hey, was soll das? Stopp!«, schrie er.

»Du wolltest doch, dass wir etwas tun, und genau so etwas tue ich mit Wichsern wie dir!«, blaffte sie zurück, ehe sie die Schlange mit aller Kraft zwischen seinen Oberschenkeln unter der Leistenbeuge einquetschte.

Das Reptil reagierte mit Bissen in rascher Folge – immer wieder an den Innenseiten seiner Beine, zuletzt in den Schritt.

Morgan brüllte vor Angst und Schmerz.

Tess stand schnell auf, als sich die Schlange herauswand. Wenn sie eines nicht wollte, dann selbst erwischt werden.

»Warum, warum? Ich habe doch alles gesagt, was ihr wissen wolltet«, jammerte Morgan und fing an zu weinen.

»Weil du nichts weiter bist als ein verdammtes Tier und ein Feigling«, gab sie zurück, bevor sie ihn anspuckte.

»Tess, es reicht jetzt, er ist fertig«, lenkte Devin ein und hielt sie am Arm fest. Ihre Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen geweitet.

Er konnte sehen, wie jahrelang aufgestauter Zorn dahinter hervortrat.

»Er ist Abschaum und hat bekommen, was er verdient«, wetterte sie.

Morgan fing an zu schluchzen.

Sie versetzte ihm einen kräftigen Tritt. »Hör mit der Heulerei auf«, fügte sie hinzu. »Elendes Baby!«

»Das war’s jetzt, gehen wir, damit er in Ruhe sterben kann«, meinte Devin. Er packte ihren Arm fester und zog sie fort.

Als sie ein gutes Stück weit entfernt waren, blieb er stehen und fragte: »Hat das gutgetan? Meine Güte, bist du jetzt unter die Sadisten gegangen?«

»Um die Wahrheit zu sagen: Ja, es hat gutgetan!«

Als er sie anstarrte, wusste er nicht, ob er sie einfach küssen oder schlagen sollte, weil sie den einzigen Mann getötet hatte, der ihnen weitere Antworten auf Fragen hätte geben können, von denen er wusste, dass sie bald unweigerlich aufkommen würden.

Tess’ Brust hob und senkte sich schnell. Nachdem sie ihr Haar zurückgestrichen hatte und den Pferdeschwanz zurechtgerückt hatte, strich sie ihr Shirt glatt.

Morgan flehte weiterhin um Hilfe, doch niemand würde zu ihm kommen. Sein Schicksal war besiegelt.

»Ich fühle mich tatsächlich besser. Ich hätte nicht übel Lust, weiter Steinewerfen zu üben. Kommst du mit?« Als sie zurück zum Flussarm ging, hatte ihr Gang etwas Stolzes an sich.

Pine Bluffs, Wyoming

Travis hatte nun wieder eine Aufgabe und ein Ziel vor Augen. Er konnte in der vergangenen Nacht nicht einschlafen, weil er im Kopf immer wieder verschiedenen Szenarien durchgegangen war. In vielen dieser Vorstellungen hatte er nach einem Atomschlag im Feuer den Tod gefunden. Nachdem Lori aufgebrochen war und nun alles riskierte, konzentrierte er sich darauf, dass er Erfolg haben würde, damit sie zurückkehren konnte. Während er sich im Bett wälzte, stellte er fest, dass er ein schlechtes Gewissen hatte. Je mehr er Lori in romantischen Gedanken nachhing, desto weiter verdrängte er Tess. Dass er Tess je wiedersehen würde, kam ihm zunehmend unrealistischer vor. Und als sei es nicht schon schwierig genug für ihn, hatte ihn Janine am Vorabend mit einem üppigen Dinner begrüßt. Beim Essen waren dann ihre Vorgeschichte und jene der Stadt zur Sprache gekommen. Nachdem sich beide zum Schlafen zurückgezogen hatten, war sie in sein Zimmer gekommen. Er fand sie zwar attraktiv, doch weil Tess dort draußen war und Lori in seinem Kopf herumgeisterte, hatte er sich nicht auf Janine einlassen können. Unter Tränen war sie in ihr Bett zurückgekehrt.

Am Morgen nach dem Aufstehen hatte er sie nirgends vorgefunden, genauso wenig wie sein Frühstück. Es hatte Travis ferngelegen, ihr wehzutun und er hätte gerne erklärt, dass Sex mit ihr mehr Schaden verursachen würde als Gutes zu tun.

Er putzte seine Zähne. Der Alarm an seiner Armbanduhr piepte und sagte ihm, dass sein nächstes Treffen mit dem Richter unmittelbar bevorstand.

Als er vor die Haustür trat, sann er kurz nach. Janine wohnte wie Loris Gastgeber Brick und Tiffany außerhalb des Walls. Er brachte zwar Verständnis für ihre Nostalgie auf, hielt es aber im Grunde genommen für wahnsinnig. Wäre er ein Mörder gewesen, hätte er Janine in jener Nacht einfach unbemerkt töten können. Der Richter ergriff zwar auch in den Außenbezirken Schutzmaßnahmen, indem er Wachen patrouillieren ließ, doch diese tauchten nicht regelmäßig auf, weil sie ein weitläufiges Areal abdecken mussten.

Janines Erklärung war ein wenig weiter als jene von Brick gegangen. Abgesehen davon, dass sie wie im Fall des Mannes und seiner Tochter das Haus, in dem sie mit geliebten Menschen gelebt hatte, nicht aufgeben wollte, hegte Janine außerdem noch einen gewissen Argwohn der Stadtbevölkerung gegenüber.

Denn sie hatten ihren Mann und Sohn während der Zeit kurz nach dem Ausbruch der Krankheit getötet, die man hier einfach nur das Chaos nannte. Ihren Angaben zufolge, hätten sich die beiden ähnlicher Verbrechen wie Travis schuldig gemacht, bloß ohne die Möglichkeit zu erhalten, an den Richter zu appellieren oder sich auf den Bund zu berufen. Diesen konnte man durchaus als streng empfinden, doch bei genauerer Betrachtung kristallisierte sich eine angemessene Rechtsprechung heraus. Nicht lange nach dem Verlust ihrer Familie war der Richter mit einem überschaubaren Gefolge auf den Plan getreten. Janine zufolge war sein Auftreten nicht einfach so hingenommen worden. Es habe Widerstand gegeben, doch sobald die Aggressoren zum Schweigen gebracht worden waren, hatte er die Macht ergriffen. Er war für die Ebnung eines neuen Lebenswegs verantwortlich und hatte die Chaos-Herrschaft durch Gesetze überwunden.

Travis atmete tief ein, um seine Lunge mit frischer Morgenluft zu füllen. Dann ging er gemächlich zu der Geländelimousine, die man ihm überlassen hatte und fuhr zu seiner Besprechung mit dem Richter und Martin.

***

»Wie kommt Ihr Mann denn an den Augenscannern vorbei?«, wollte Travis wissen. Es war seine erste von vielen Fragen.

Der Richter und sein Sicherheitschef hatten ihm gerade seine Anweisungen und den Angriffsplan erläutert. Wie auch schon bei Loris Mission gab es unwägbare Faktoren, wegen derer das gesamte Unterfangen scheitern konnte.

Travis war clever und konnte sich an Kurswechsel im Rahmen eines Auftrags gut anpassen, zu welchen es laut seiner Erfahrung auch in den meisten Fällen kam. Seine Hauptschwierigkeit bestand allerdings darin, die Streitkräfte zu verbinden, damit sie koordiniert operieren konnten.

»Wegen der Scanner brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen«, versicherte ihm der Richter. »Einer unserer Mitarbeiter wird Sie am ersten Kontrollpunkt treffen. Er wird Martin hineinlassen und dann zu ihm in den Wagen steigen.«

»Haben Sie noch weitere Fragen bezüglich Ihrer Mission?«, erkundigte sich der Sicherheitschef.

»Wissen Sie, während ich bis in die frühen Morgenstunden wach lag, habe ich darüber nachgedacht: Warum muss Lori Horton auf diese Weise töten, wo Sie doch nicht müde werden, mir zu beteuern, sie könnten die Bombe dort platzieren?«, fragte Travis.

Martin wollte antworten, doch der Richter kam ihm zuvor: »Uns ist völlig bewusst, wie schwierig Ihre Operationen sind und dass sie vielleicht nicht gelingen werden. Deshalb möchten wir Rückversicherungen haben.«

»Klingt sinnvoll und nachvollziehbar, bringt Lori aber trotzdem in Gefahr, wenn Sie eigentlich nichts weiter zu tun bräuchten, als die Bombe dort zu zünden«, bekräftigte Travis seine Meinung.

»Nur damit Sie es wissen: Sie ist in unseren Augen der Teil des Plans, der unbedingt funktionieren muss. Sie wird alles zerstören, insbesondere dieses neue Virus. Ich möchte es wie alles andere in Flammen aufgehen sehen.«

Für Travis waren diese Antworten nur mäßig überzeugend. »Ich begreife es immer noch nicht. Sie hätten ihnen den Sprengkopf doch schon früher unterjubeln können – warum erst jetzt?«

»Captain Priddy, sind Sie bereit, diese Mission durchzuführen oder nicht?«, fragte Martin.

»Kommen Sie wieder runter, ich möchte lediglich bestimmte Dinge wissen«, entgegnete Travis. »Gibt es da ein Problem?«

»Die Fragen stehen Captain Priddy zu«, sagte der Richter. »Immerhin steht er kurz davor, sein Leben für diese Sache aufs Spiel zu setzen.«

Travis wurde zusehends misstrauischer. »Warum jetzt? Warum mussten Sie Lori einsetzen? Was ist da im Busch?«

Schließlich stützte sich der Richter mit finsterer Miene auf den Tisch. »Ich will ehrlich zu Ihnen sein …«

»Gestehen Sie mir damit, dass Sie es bisher nicht waren?«

»Selbstverständlich waren wir das, wir haben nur ein Informationen ausgelassen.«

Gespannt rückte Travis seinen Stuhl zurecht.

»Wir hätten es ja schon früher versucht, hatten aber keine einsatzbereite Waffe. Streng genommen wissen wir auch nicht, ob diese zünden wird, die wir vorbereitet haben. Es kommt schließlich nicht infrage, sie irgendwo zu testen. Vor einigen Monaten gelang es mir, einen Stab von Fachleuten zusammenzustellen, doch diese sind sich nicht sicher, ob das, was sie sich ausgedacht haben, so funktionieren wird.«

»Also ist das Ding ein Blindgänger?«, schlussfolgerte Travis.

»Korrekt.«

»Wir können nicht zünden, denn wir haben keine Codes. Also taten wir nichts weiter, als einen Sprengkopf aus einer Rakete zu nehmen und einen Auslösemechanismus zu konfigurieren. Mein Stab geht davon aus, das geschafft zu haben, aber sichergehen können wir erst, wenn Sie die Bombe hineingeschleust haben.«

»Diese Sache kann an allen Ecken und Enden aus dem Ruder laufen«, meinte Travis.

»Uns sind die Risiken durchaus bekannt, aber darum brauchen Sie sich nicht auch noch zu kümmern, denn Ihnen obliegt es bereits, die Scraps anzuführen.«

»Wo hat er früher gearbeitet?«, fragte Travis mit Bezug auf Martin.

»Bei der US Army.«

»Warum nimmt er sich der Scraps nicht an?«

Martin schaute angesichts dieser Frage verwundert zum Richter hinüber.

Dieser antwortete: »Dafür gibt es mehrere Gründe, Sie sind besser dazu geeignet, den Posten eines Offiziers zu besetzen.«

Diese Aussage stieß den Sicherheitschef offensichtlich vor den Kopf, was ihn zu einem leicht pikierten Blick auf seinen Vorgesetzten bewog.

»Sehen Sie mich nicht so an«, sagte der Richter, als er Martins Reaktion bemerkte. »Wir haben das bereits diskutiert.«

Jetzt fragte Travis den Sicherheitschef: »Moment mal, Sie sind der Anführer dieser Leute, befehligen sie aber nicht? Was wird hier denn gespielt?«

»Das kann ich beantworten, Captain. Mr. Martin ist lediglich ein rekrutierter Soldat, Sie hingegen haben die Offizierslaufbahn absolviert.«

»Stopp. Wo haben Sie in der Army gedient?«

»Eleven Bravo.«

»Er ist auch Infanterist. Welchen Rang hatten Sie?«

»Staff Sergeant.«

»Er könnte diese Leute einwandfrei anführen!«

»Captain Priddy, Sie kennen einige unserer Quellen nicht, und die Waffe zu übermitteln, genießt vor allem anderen außer Loris Erfolg Priorität.«

»Es gibt keine Garantie, dass die Scraps auf mich hören werden«, wandte Travis ein. »Sie wissen nicht, wer ich bin. Aber Sie erwarten, dass ich die Truppe einfach so anführe?«

Martin verhielt sich still, während er dieses Hin und Her beobachtete.

Travis hatte beschlossen, auf seinem Standpunkt zu beharren. Dass Lori allein dort war, passte ihm schon seit Beginn dieser Sache nicht. Er traute niemand anderem zu, sie herauszuholen. »Nicht ich werde die Scraps anführen, sondern er. Ich überbringe die Waffe – und lasse nicht mehr mit mir reden, was das betrifft.«

Martin rutschte noch unruhiger auf seinem Platz herum.

Der Richter zählte nicht zu dem Schlag Mensch, der sich gerne vor vollendete Tatsachen stellen ließ. »Das müssen Sie sich aus dem Kopf schlagen, Captain.«

»Entweder so oder gar nicht. Sie dürfen mich jetzt töten.«

Die Luft im Raum knisterte vor Spannung. Der Richter missbilligte die Friss-oder-stirb-Einstellung seines Gegenübers. Er schaute auf Travis’ Stumpf und dachte, dass dieser Mann genau wusste, wie er Urteile vollstreckte, also war es wohl kein Bluff. Ja, Travis meinte es ernst.

Sekunden zogen sich dahin wie Minuten, während die beiden einander mit Blicken mürbe zu machen versuchten.

Travis setzte sich aufrecht hin und legte seinen verbundenen Stumpf auf den Tisch. Dann legte er seine rechte Hand darauf und begann, mit den Fingern zu trommeln.

Der Richter blieb regungslos. Er behielt seinen Opponenten fest im Blick.

Martin verfolgte das Kräftemessen gebannt. Er schaukelte immer schneller mit seinem Stuhl, weil er ungeduldig darauf wartete, wer bei diesem Spiel zuerst aufgeben würde.

Endlich löste der Richter seinen Blick und sprang auf. »Es ist kühl hier.«

Travis wusste, dass sich der Kommentar auf ihn bezog.

»Captain Priddy, ich habe Verständnis dafür, dass Sie Ihrer Freundin helfen möchten. Sie ist hübsch, das gestehe ich. Ich werde mich nicht hinsetzen und mit Ihnen streiten, denn uns läuft die Zeit davon. Meine Ziele waren nie persönlich motiviert. Ich wollte Personen dort platzieren, wo sie meines Erachtens nach ihr Bestes geben könnten, um unserer gemeinsamen Sache zu dienen. Sie dürfen den Sprengkopf befördern, und Martin hier wird zurückkehren, um seine Leute beim Angriff zu befehligen.«

Der Sicherheitschef ließ sich zu einem subtilen Lächeln hinreißen und rieb sich die Hände, blieb aber ruhig.

»Danke sehr«, sagte Travis.

Der Richter schaute auf seine Uhr und dann zu den beiden anderen Männern. Auch er bemühte sich um ein Lächeln. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden«, sprach er. »Ich muss mich nun einigen städtischen Angelegenheiten widmen.«

Travis betrachtete Martin, der reglos dasaß und die Tischplatte fixierte. Man könnte glauben, er hätte sich in Überlegungen vertieft.

Der Richter glättete in aller Ruhe seine Jacke, dann bot er Travis die Hand an. Travis stand auf, schaute ihm in die Augen und schüttelte kräftig seine Hand.

»Captain Priddy, ich möchte Ihnen danken. Ich weiß, unser Verhältnis begann … unglücklich, doch Sie haben sich der Aufgabe gestellt. Unser Mr. Martin wird Ihnen ein Fahrzeug geben und Sie mit allem ausstatten, was Sie benötigen. Ich glaube nicht, dass ich Sie noch einmal zu Gesicht bekomme, ehe Sie zurückkehren, deshalb wünsche ich Ihnen alles Gute.«

Travis hob seinen Stumpf. Mittlerweile entwickelte sich dies schon fast zu einer Paradenummer. »Dafür lege ich meine Hand ins … Ach Mist, Sie haben Sie ja abhacken lassen.«

»Ich mag Menschen mit Sinn für Humor.«

»Wie lautet der Spruch noch mal? Auf sie mit Gebrüll?«

Der Richter nickte und trat einen Schritt zurück. Während er sich zu Martin umdrehte, sagte er: »Wir sprechen uns, nachdem Sie den Captain versorgt haben.«

Der Mann nickte.

Daraufhin verließ der Richter den Raum und schloss leise die Tür.

Martin sah nun Travis an. Er grinste. »Ich habe noch nie gesehen, dass jemand ihm die Stirn geboten hat. Das war … beeindruckend.«

»Mag sein, aber dazu gehörte auch Mut.«

»Oder Dummheit.« Daraufhin kam Martin direkt zur Sache: »Da Sie nun meine Arbeit erledigen werden, sollte ich Ihnen erklären, was Sie sich da freiwillig aufgehalst haben.«

»Ich bin mir sicher, dass es nicht leicht wird.«

»Die Bombe zu platzieren macht nur einen Teil der Aufgabe aus. Es gibt da noch etwas anderes.«

Travis setzte sich wieder und lehnte sich nach vorne. »Ich bin ganz Ohr.«

»Wir legen denen ein Ei ins Nest, nehmen aber auch etwas mit zurück«, deutete Martin an. »Das war meine Mission, und jetzt ist es Ihre.«

»Was genau muss ich denn mitnehmen?«

»Die Frage lautet nicht was, sondern wen!«

»Jetzt sagen Sie schon«, drängte Travis. »Genug Geheimnistuerei.«

»Unter dem Flughafengebäude befindet sich ein Labor. Dort wird eine Patientin beaufsichtigt, die Sie herausholen müssen. Alle weiteren Informationen befinden sich in einem Paket, das ich selbst zusammengestellt habe, Ihnen aber geben werde.«

»Eine Patientin? Wer soll das sein? Und warum bedeutet sie dem Richter so viel?«

»Ich schätze, ihre Vergangenheit ist weniger wichtig als das, was sie jetzt ist. Ihr Name lautet Cassidy Lange, und sie gilt als erste Person, die erkrankt ist.«

Internationaler Flughafen von Denver

Loris Rückkehr erwies sich wider Erwarten nicht als reiner Albtraum. Nachdem Horton sie hereingelassen hatte, war er nett und höflich geblieben. Er hatte sie an der Hand zur Couch geführt und hinsetzen lassen, woraufhin er in die Rolle des liebevollen Ehepartners oder Liebhabers geschlüpft war, um sie über die Zeit ihrer Abwesenheit auszufragen. Dann hatte er seinen Arzt bestellt. Lori war gegen die medizinische Untersuchung gewesen, doch er hatte darauf bestanden. Auf diese Weise hatte er sie durchsuchen lassen, ohne grob zu wirken.

***

Der Arzt traf schnell ein und verrichtete seine Arbeit im Schlafzimmer – unter anderem auch eine vaginale Untersuchung, diese unter dem Vorwand, sich vergewissern zu wollen, wie ihre Schwangerschaft verlaufe. Lori war Horton zwei Schritte voraus und sichergegangen, dass das Polonium-210 gut versteckt blieb, obwohl es ihr Unbehagen bereitete. Nachdem sie überprüft worden war, setzte sie ihre neuerliche Annäherung gegenüber Horton fort, und genauso geschickt, wie er seinen Part spielte, übernahm sie den ihren. Er fragte kein einziges Mal nach dem Abend, an dem sie geflohen war. Auch als sie es selbst zur Sprache bringen wollte, hob er eine Hand und berührte zärtlich ihre Lippen, um ihr zu verstehen zu geben, sie möge schweigen. Sein Sanftmut wäre anderen vielleicht authentisch vorgekommen, ihr jedoch nicht. Sie kannte das Monster, das hinter diesem attraktiven Gesicht lauerte. Weil sie wusste, dass alles, was er tat, ein Akt zu ihrer Täuschung war, machte sie gute Miene zum bösen Spiel und fügte sich allem, was er verlangte, wobei sie sogar so weit ging, mit ihm zu schlafen. Danach war er fast wie auf Kommando eingeschlafen. Sein erster Schnarchton war für sie das Zeichen dafür, sich unter die Dusche zurückziehen zu können.

Das heiße Wasser auf ihrer Haut tat gut, obwohl keine Flüssigkeit oder Seife reinwaschen konnte, wie schmutzig sie sich nach dem Sex mit Horton fühlte. Sie erschauderte beim Gedanken an jede seiner Berührungen und bekam eine Gänsehaut, als sich die Erinnerung aufdrängte, wie er sich in ihr bewegt hatte. Die Minuten unter der Dusche erinnerten Lori wieder an ihr erstes Mal mit ihm, doch der Unterschied bestand darin, dass sie nicht zuließ, sich emotional davon lähmen zu lassen. Sie hatte eine Chance, diesem Monster den Garaus zu machen, also musste sie verhindern, dass ihre Empfindungen die Oberhand gewannen.

Als sie aus der dampfenden Kabine trat, war sie überrascht, ihn im Dunst stehend anzutreffen.

»Du hast mich erschreckt«, gestand sie.

»Tut mir leid«, entschuldigte er sich. Dennoch war er absichtlich hereingekommen, um genau diese Wirkung bei ihr zu erreichen. Sein einziges Ziel belief sich darauf, sie zu quälen, doch was ihm dabei entging, war die Tatsache, dass sie dieses Mal zum Schlagabtausch bereit war. »Ich habe dafür gesorgt, dass wir heute Abend angenehm essen können. Mein Koch bereitet einen herrlichen Schweinerücken mit Trüffelsoße zu.«

»Das hört sich sehr schmackhaft an.«

»Heute Abend um sieben. Du darfst dich bis dahin gerne frei bewegen. Ich habe die Wachen wissen lassen, dass du gehen kannst, wohin du willst.«

»Wirklich?«

»Ja, natürlich. Warum solltest du jetzt wieder verschwinden wollen? Du bist doch gerade erst zurückgekommen.«

Lori witterte eine Gelegenheit, sich einen Vorteil verschaffen zu können. »Ich bin noch nicht dazu gekommen, es dir zu sagen, aber danke dafür, dass du mich wieder aufgenommen hast, ohne Fragen zu stellen.« Sie neigte sich zu ihm und küsste ihn.