The Cover Image

Eugen Pletsch

Endlich einstellig!

Golf und die Kunst des Scheiterns

Illustriert von Peter Ruge

Meinem Enkelsohn Aron »Birdie« Marras gewidmet

Vorwort

Viele Mitspieler und Clubkameraden sind mir während meines »Experimentes« mit mehr Geduld und Nachsicht begegnet, als ich ihnen zuteil werden ließ. Dafür möchte ich ihnen aufrichtig danken.

Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich betonen, dass die Turnierbeschreibungen (außer meinen Scores) fiktiv sind und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen rein zufällig ist. Viele der von mir beschriebenen Charaktere sind in jedem Golfclub zu finden.

Clubkameraden, die namentlich erwähnt werden, haben mir dazu ihr Einverständnis gegeben.

 

Eugen Pletsch

 

 

PS: Golf ist ein Sport des Herzens und nicht der gemeinsame Nenner aller Steuerflüchtlinge.

Die Jaruschkowa

Wir Golfer sind Traumtänzer. In unseren Gedanken eilen wir gerne voraus und verwechseln dabei das, was vielleicht irgendwann sein könnte, mit dem, was tatsächlich ist. Doch die Flügel werden uns schnell von der Realität unseres Golfspiels gestutzt, was dann – frei nach Camus – zu einer existenzialistischen Entzweiung des ballsuchenden Menschen in einer ballverlorenen Welt führt.

Auch ich bin meiner Zeit oft unpassend weit voraus. Wenn ich einer Dame die postkoitale Frage »War ich gut?« bereits nach dem Essen stelle, ist das eindeutig zu früh. In anderen Dingen bin ich wiederum sehr langsam, zum Beispiel wenn es darum geht, bei der Frau Jaruschkowa rechtzeitig vor Weihnachten einen Termin zu buchen.

 

Das Wetter war wochenlang kalt und nass gewesen. Keine Chance zum Golf spielen. Da ich mir eine hartnäckige Grippe eingefangen hatte, blieb andererseits auch keine Gelegenheit, Geld zu verpulvern. Deshalb wollte ich es wenige Tage vor Weihnachten noch mal so richtig krachen lassen. Bei mir, dem alten Genießer, bedeutet das: die Jaruschkowa buchen!

Frau Jaruschkowa ist auf Junggesellen spezialisiert und meist sehr beschäftigt. Natürlich hatte ich wieder mal verpeilt, rechtzeitig anzurufen. So kurz vor den Feiertagen würde ich kaum eine Chance haben, aber die Sehnsucht nach ihren glänzenden Fähigkeiten war zu groß. Ich wählte ihre Nummer.

»Jaruschkowa Homecare Consult, guten Tag, mein Name ist Erna Warowski, was kann ich für Sie tun?«

»Hä? Wer ist da? Ich wollte fragen, ob die Frau Jaruschkowa vor Weihnachten noch mal Zeit hätte?«

»Vor Weihnachten in welchem Jahr, mein Herr? Jaruschkowa Homecare Consult hat lange Wartezeiten. Aber bevor wir das klären, brauche ich zuerst Ihre Kundennummer und muss Sie darauf hinweisen, dass dies ein gebührenpflichtiger Anruf ist.«

»Was? Sie brauchen jetzt meine Kundennummer?«

»Natürlich!«

001.tif

Mannschaftswettbewerbe werden in Hessen mit der gebotenen Ernsthaftigkeit ausgetragen.

»Ich habe keine Kundennummer!«

»Dann habe ich leider auch keinen Termin für Sie!«

Erna Warowski, wer immer das war, kicherte.

»War nur ein kleiner Scherz. Sie sind doch der bekloppte Golfer, nicht wahr? Augenblick, hier kommt meine Tante!«

Tuscheln und helles Gegacker im Hintergrund. Aha, jetzt war ich also schon der bekloppte Golfer! So weit war es gekommen. Bevor ich mich jedoch aufregen konnte, hörte ich die raue Bass-Stimme der Jaruschkowa in der Leitung.

»Jaruschkowa?«

»Hallo, ich bin´s! Ich bin wieder halbwegs gesund und wollte fragen, ob Sie vor Weihnachten noch mal Zeit hätten?«

»Nu, Se sind gut. Erst härt man nix von dem Herrn fir Äwigkeit und nu solle Jaruschkowa springen? Ich hab de Leite aus de Heimat hier! … Iebermorgen kennt ich noch mal auf zwei Stündchen kommen, so um Älwe?«

Übermorgen war der Tag vor Heiligabend.

»Das würde mir hervorragend passen, Frau Jaruschkowa, vielen Dank! Und grüßen Sie Ihre Nichte.«

»Ist gut. Bis dann iebermorgen.«

Ich begann, meine Bude zu putzen. Ja, ich gehöre zu den Leuten, die sauber machen, bevor die Putzfrau kommt. Putzen ist eine gute Stretching-Übung, die zur Demut erzieht und die Welt aus einem anderen Blickwinkel zeigt.

Bis die Jaruschkowa kam, war alles hübsch gemacht. Sie sollte sich nicht mit Grobzeug aufhalten. Mit ihren Zaubermitteln versteht sie es, meine Gemächer in eine Sphäre von überirdischem Glanz zu verwandeln. Darin ist sie eine Meisterin.

Punkt 11 Uhr stand sie in der Tür. Als sie eintrat, schnappte sie nach Luft.

»De liebe Giete, was ne Geruch. Sind Se noch krank? Missen Se mal liften. Richtig liften. Oder gähn Se mal selber anne frische Luft. Kloppen Se denn nicht mehr dä Bällche mit die Knippelchen?«

Bällchen kloppen mit die Knippelchen!

Diese Umschreibung meiner Golfkunst, die ich im Laufe der Jahre zu einer kultischen Handlung mystifiziert hatte, bringt mich jedes Mal auf die Palme.

»Ich kloppe keine Bällchemit die Knippelchen

»Hach, ist mir egal, was Se da treiben. Aber gen Se mal anne Luft.«

Ich blickte aus dem Fenster. In der Tat: Das Wetter schien mild. Kein Wind. Es war frisch, aber nicht kalt. Ein Wetter für den Warmduscher-Golfer, der ich mittlerweile geworden bin. Meine Güte … wenn ich überlege … wie ich früher … in Eis und Schnee … aber das war früher. Heute ist heute. Und heute war Warmduschertag. Also zog ich los.

 

Die letzten Kilometer zu meinem Golfclub führen über eine schmale Straße. Wenn sich zwei größere Wagen begegnen, sollte man vom Gas gehen und sich vorsichtig am Randstreifen entlangtasten, denn diese an sich unbedeutende Straße ist, wie jedes Clubmitglied weiß, ein bisschen größenwahnsinnig. Sie bildet sich ein, etwas Besonderes zu sein, da sie immerhin zu einem Golfclub führt. Wer ihr keinen Respekt erweist, kann sich von einem Traktor aus den verschlammten Ackerfurchen ziehen lassen.

Die kleine Straße führt in das Tal, in dem sich die Spielbahnen über sanfte Hügel und saure Wiesen erstrecken. Hinter dem Club, mit Proshop und Restaurant, sehen wir das alte Herrenhaus, das seiner Restaurierung entgegendämmert. Irgendjemand hatte erzählt, dass das ursprüngliche Gebäude sowie der Rest der kleinen Siedlung von Napoleon kurzerhand abgefackelt wurde, als ihm die Hausherrin nicht die angemessene Zuneigung entgegenbrachte, die sich der Franzose nach einem langen Tag im Staub der Feldstraßen Richtung Russland erhofft hatte. Aber diese Geschichte ist vermutlich eine Ente, von denen es auf dem Teich vor dem 18. Grün einige gibt.

 

Besonders, wenn du es eilig hast, wenn dein Herz pocht, weil die Startzeit ruft und du die letzten Kilometer schnell hinter dich bringen willst, wird dich diese hochnäsige Straße demütigen und quälen. Gerade wenn es pressiert, wird sie den Beweis antreten, dass Zeit ein relativer Faktor ist, der sich mit Bosheit beliebig dehnen lässt. Sie windet sich dann endlos dahin, bringt hier einen Traktor ins Spiel, lässt dort einen Lastwagen entgegenkommen und genießt ihr Monopol der letzten Meile von ganzem Herzen. Die Straße scheint zu wissen, wann die Turniere beginnen, und Golfer, die spät dran sind, werden hart geprüft. Wer glaubt, dass eine Straße keinen schlechten Charakter haben kann, der kennt nicht die letzten Kilometer zu meinem Golfclub.

 

An diesem Vorweihnachtstag schien sie gütig gestimmt oder noch schläfrig, denn ich kam flott voran. Die Straße macht eine strikte Trennung zwischen Golfern und arbeitender Bevölkerung. Und mich, mit meinem alten Kombi, hielt sie vermutlich für einen Lieferanten.

Im Herbst war ich von einer langen Reise zurückgekommen. Nach einem kanadischen Sommer hatte es mich nach Irland gezogen, wo ich bei meinem alten Freund Tim lebte. Wir spielten selten Golf und wenn, dann nur auf den alten Plätzen von Donegal und Port Noo. Wir besuchten Schafsauktionen. Tim war von den großen Widdern fasziniert:

»Look at this ram. Look at his balls.« Offensichtlich übte der monströs ausgebildete Hodensack eines Zucht-Widders eine größere Anziehungskraft auf ihn aus als das Golfspiel, das er nach 40 Jahren manchmal als »boring« bezeichnete. Dann erledigten wir Einkäufe oder halfen Ann, die den Tag damit verbrachte, den größten und schönsten Garten von Nordwestirland zu gestalten. Wenn Tim kochte, trieb ich mich in den Bergen herum oder malte irische Regenwolken mit einem japanischen Tuschstift. Als sich Irland nur noch von seiner herbstlich nassen Seite zeigte, fuhr ich kurzerhand nach Hause.

 

Der Parkplatz des Golfclubs war fast leer. Ich stieg aus, streckte mich und fühlte mich großartig. Frohgemut blinzelte ich in die fahle Dezembersonne. Ein wiedergeborener Hobby-Golfer, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, in der Mitte seines Lebens angelangt, tut, was er tun muss. Natürlich kannte und beachtete ich noch den Satz, den ich in meiner Therapie gelernt hatte: Ich weise meinem Hobby, dem Golfspiel, den ihm angemessenen Platz in meinem Leben zu. Frei von übermäßigem Verlangen genieße ich das Spiel und die Bewegung an der frischen Luft.

Der Golfschwung ist ein Bewegungsablauf, der die Meridiane und die Synapsenbildung stimuliert und so ziemlich alle Muskeln im Körper beansprucht; zumindest die, die ein Golfer braucht. Mein Hobby ist also eher eine Medizin, die mich – in Maßen genossen – in meinem ganzen Wesen heilt.

 

Auf der Driving Range wurde mir warm, obwohl die kahlen Pappeln in der frischen Brise zitterten. Konzentriert und gelassen versuchte ich, meinen Bällen die gewünschte Richtung zu geben. In der Kälte hegte ich keine Erwartungen an tolle Schläge. Ich wollte nur der Bewegung, dem Schwung huldigen – langsam auf ein Ziel hin.

Nachdem ich mein Eimerchen gefrosteter Bälle auf der Wiese verteilt hatte, verschwand die Sonne hinter den Wolken und ich zuckelte noch ein paar Bahnen über den Kurzplatz. Als es zu kalt wurde, ging ich zurück zum Parkplatz, verstaute meine Sachen und knallte die Heckklappe zu, worauf ein paar Haustauben vom Giebel des Wirtschaftsgebäudes aufflogen.

Hinter einem hochbeinigen PS-Dampfer hörte ich Stimmen und sah zwei Spieler herumfuchteln. Sie warfen die Arme hin und her, als würden sie mit unsichtbaren Geistern ringen. Offensichtlich übten sie den Schwungablauf. Der Ältere der beiden gab Anweisungen. Er zeigte, wie der Körper als Einheit um die Mittelachse zu drehen ist, um dann – schnalz! – die rechte Hand zu beugen und zu strecken.

»Winkel halten … rechte Schulter bleibt unten!«

Ich trat hinzu: »Na? Habt ihr den Zacharias1 gelesen?«

Sie schauten kurz auf. Zacharias? Damit konnten sie nichts anfangen. Herbie ist Fußballtrainer und weiß, wie man eine Ecke schießt. Dafür braucht er kein Buch. Dirk ist Fliesenleger und kann einen Ball meilenweit schlagen.

Ich wollte losfahren, öffnete meine verschlammte Karre und schaute resigniert auf die zerfledderte Innenausstattung. Die beiden schwangen weiter.

»Bleib in der Mittelachse stabil und denk an deine Schulter!«, ermahnte Herbie. Dirk warf mit den Armen um sich. Da war keine Einheit. Ich konnte es nicht lassen, noch eine Weile zuzuschauen, aber dann konnte ich es nicht mehr halten und unterbrach die Vorstellung.

»Dirk«, sagte ich, »stell dir vor, du würdest mit beiden Händen eine Kelle halten, die du an dir vorbeischwingst, um den Speis aus drei Metern mittig an die Wand zu klatschen. Wenn die Arme zu schnell sind, rutscht der Speis von der Kelle. Wenn die rechte Hand überholt, fliegt der ganze Dreck nach links, wenn nur die linke Hand aktiv ist, kommt der Matsch nicht an die Wand.«

Das verstand er. Jetzt klappte es. Herbie lachte.

»Genau so, richtig!«

Ich fühlte mich geschmeichelt.

Vielleicht hätte ich doch Golflehrer werden sollen, kam mir in den Sinn.

»Und was treibt ihr sonst so?«, fragte ich beiläufig.

»Trainieren. Wir wollen Dirk in diesem Jahr auf Handicap 4 bringen.«

Oh ha! Ich fragte nicht wozu. Ich bewundere, wenn Menschen in dieser Welt noch Ziele haben. Dirk hat Kraft, Mut und ein gutes Gefühl auf den Grüns, also – warum nicht?

Dann kam mir ein Gedanke.

»Sag mal, Herbie«, sinnierte ich, »wenn du weißt, wie Dirk auf 4 kommt, dann müsstest du doch auch wissen, wie ich unter 10 komme. Sagen wir mal auf Handicap 9,8.«

»Na klar.« Er schaute mich an. »Überhaupt kein Problem, DU musst es nur WOLLEN!«

Aha. Das war der Haken. Da lag der Hase im Pfeffer. Ich musste etwas WOLLEN. Ich antriebsarmes, funktionsleistungsgestörtes Kind einer antiautoritären Generation müsste über alle Schatten springen, um etwas zu WOLLEN. Wo ein Wille ist, winkt also die 80er-Runde!

Zu Hause lag ein Zettel: »Se haben de Göld vergessen. Frehliche Weihnacht. Jaruschkowa.«

Reflexionen

Scheußliches Wetter. Ich saß in meiner Stube und sortierte Äpfel, aber in meinem Kopf ging es hin und her. »Du musst nur wollen, du musst nur wollen«, brabbelte ich wie ein Mantra, während ich einen faulen Boskop aus der Kiste inspizierte. Handicap verbessern … wollte ich ernsthaft einer von diesen bescheuerten Stableford-Golfern werden? Turniere nach Stableford sind die häufigste Spielform in Deutschland. Ein Herr Stableford hatte die Vision, das Spiel auf dem Platz durch diese Zählweise zu beschleunigen. Pustekuchen. Hierzulande hat man damit das Gegenteil erreicht. Man muss sich beim Spiel nicht so konzentrieren wie beim Zählspiel. Wenn etwas nicht klappt, wird das Loch einfach gestrichen. Trotzdem dauert jedes Turnier endlos lange.

Ich pulte im braunen Fleisch des faulen Apfels und dachte an Stableford-Spieler, diese Meute von handicapgeilen Status-Fetischisten und großspurigen Edel-Prolls, die nicht die leiseste Ahnung hat, was dieses große, königliche Spiel eigentlich ausmacht. Oh, wie ich diese schrägen S-Klasse-Vögel gefressen habe, die den Platz das ganze Wochenende mit ihren Events und Sechseinhalb- Stunden-Turnieren versperren.

Ich nahm einen anderen faulen Apfel aus der Kiste und beobachtete den dicken, weißen Hund, der auf der Wiese vor unserem Haus herumstromerte. Auf diesem Streifen zwischen Weg und Feld mache ich im Sommer Chip-Übungen. Sein Frauchen, eine gedrungene Dame, die immer die gleiche fellartige Jacke trägt, war noch nicht in Sicht.

»Du musst nur wollen«, hatte Herbie gesagt.

Der Hund setzte sich.

Gib es doch endlich zu: Eigentlich würdest du gerne mal wieder gewinnen. Was dich davon abhält, sind dein Hochmut und deine Angst, dachte ich.

Ich wurde rot. Dieser Gedanke ärgerte mich, den wollte ich nicht hören.

Der Hund hockte sich auf meinen Wiesenstreifen.

Wütend nahm ich den faulen Apfel, öffnete das Fenster, zielte und warf. Der Apfel kam direkt neben dem dicken, weißen Hund auf und zersprang. Auch der Hund sprang.

Da war es, mein gutes, altes Ballgefühl.

Ich schämte mich etwas für meine Unbeherrschtheit, freute mich aber über den Treffer. Ich schloss das Fenster und entschied mich, es zu versuchen.

Trekkingpfad zum Single-Handicap

Eine weitere schlaflose Nacht. Was würde meine Therapeutin sagen? Dass ich wieder golfsüchtig werden könnte? Kaum, denn ich hätte feste Trainingszeiten, würde hin und wieder eine Übungsrunde spielen und dazu ein paar Turniere im Jahr. Ich würde die Sache höchstens etwas konzentrierter angehen, aber sonst vollkommen angemessen handeln für einen Hobby-Golfer, der sein Leben im Griff hat.

Na gut, ich müsste in dieser Saison ein paar Turniere mehr spielen, um mein Handicap herunterzubekommen. Aber auch das würde in geregelten Bahnen ablaufen. Sagen wir mal so: Mein Projekt ist eine Art Stress-Therapie, um mit diesen frustrierenden Erinnerungen und feigen Ausreden fertig zu werden. Ludmilla2 hat mal gesagt: »Heilung geschieht, wenn wir die verleugneten Teile, die Schatten, zu einem Teil unseres Ichs machen können. Dann können wir im nächsten Schritt bewusst loslassen.«

Ich denke, der frustrierte Golfer in mir ist ein mächtiger Schatten. Kann man das so sehen?

Spät am Abend, als ich im Kopf schon dämmrig war und den flackernden Flämmchen meines kleinen Elektrokamins zuschaute, leuchtete ein Buchtitel vor meinem inneren Auge auf:

Endlich einstellig!

WOW! Das müsste ein Knüller werden! Oh, Ihr frustrierten Golfhamster, die Ihr es noch mal wissen wollt, Ihr Horden von Träumern, die Ihr auf leiser Flamme brennt und Euch wünscht, den Mond in einem letzten Aufflackern Eurer Kräfte vom Himmel zu schießen. Sucht Ihr die Antwort? Dann kauft dieses Buch! Blinde lernen gehen und Tauben werden fliegen! Und ich werde mir dann an einem hübschen Golfplatz ein Kämmerchen mit einem richtigen Kamin suchen. Ich zitterte vor Glück – bis ich merkte, dass die Balkontür offen stand.

002.tif

Höchstes Ziel für einen Golfadepten ist die Entwicklung seines sportlichen Potenzials. Das Thema Potenz wird damit zur Nebensache.

Am nächsten Morgen rief ich meinen Lektor an, um ihm die Idee vorzustellen. »Wie wäre es«, schlug ich vor, »wenn ich sozusagen als Golf-Sherpa versuchen würde, den geheimnisvollen Pfad zum Single-Handicap zu finden? Golfbücher von berühmten Profis gibt es wie Sand am Meer, aber der Reisebericht eines namenlosen Wanderers, der die Gipfel sucht, auf denen die Götter der Clubmannschaft residieren, das wäre doch was, oder?«

»Wäre das ein Buch nur für Männer?«, fragte der in einer feministischen WG domestizierte Lektor.

»Nein, nein«, beschwichtigte ich ihn. »Aber Männer und Frauen sind nun mal nicht gleich. Noch bin ich keine Frau, aber ich vermute, dass auch Frauen ihr Spiel verbessern wollen. Ich glaube jedoch, dass sie sich wegen eines Handicaps nicht so verrückt machen. Wer ein Kind zur Welt gebracht hat, weiß, was wirkliche Schmerzen sind. Frauen brechen nicht gleich in Tränen aus, wenn ihr Putt mal vorbeigeht. Viele Frauen spielen klug und elegant, und mit einem Minimum an Krafteinsatz erzielen sie ein Maximum an Schlägen. Da ist nicht dieses Gieren nach Erfolg, dieses Heischen nach Anerkennung, dieses Geiern nach der Runde, ob es noch zum 3. Netto reicht. Viele Damen entdecken im Golfspiel auch die kommunikativen, sinnlichen und modischen Freuden. Golf kann so schön sein, besonders, wenn sich Frau auf der Runde sechs Stunden lang ungestört unterhalten darf. Oder wenn sie den schnuckeligen, neuen Pro mit den seidigen Locken aus nächster Nähe spürt, um später für ihn all die hübschen Dinge auszuziehen, die sich die Golfmodeindustrie mit ihrem Hang zu grellen Farben und schlechten Schnitten ausgedacht hat.

Männer dagegen greifen beim Golfspiel im wahrsten Sinne des Wortes zur Keule und gebärden sich, als würden sie auf Jagd gehen: Balztänze am Abschlag, grunzende Urlaute nach dem Drive, Kampfgebrüll und ohnmächtige Gebärden, wenn der Ball weg ist. Verzweifelte Schreie im Wald, das Ringen mit der eigenen Courage bei einem 20-Zentimeter-Putt, bei Misserfolg schiere Verzweiflung; und wenn die Kerle nach Hause kommen, sind sie vollkommen erschöpft und ein Pflegefall für die ganze Familie.

Noch flackern die Irrlichter der Hoffnung im kindlichen Gemüt manch braven Mannes, der davon träumt, einmal in seinem Leben eine Scorekarte auszufüllen, die lohnt, in Messing graviert zu werden. Aber die Zeit verrinnt, die Zweifel nagen und die Jahre fliegen wie alte Krähen vorbei. Glauben Sie mir«, soufflierte ich dem erschöpften Lektor ins brennende Ohr. »Ein Mann ab einem gewissen Alter braucht endlich wieder ein Erfolgserlebnis. In der Firma blickt er längst nichts mehr, finanziell haben sich die Dinge nicht ganz so entwickelt, wie sie ihm der Anlageberater damals vorgeträumt hat, und zu Hause geht ihm die Puste aus, da können Sie fragen, wen Sie wollen. Wenn ein Mann schon freiwillig im Garten hilft, weil er sich danach wegen Rückenschmerzen unbelästigt ins Bett legen darf, dann wird es höchste Zeit, dass endlich wieder etwas Lebensgefühl durch die übersäuerte Masse seines Leibes gespült wird. Eine Frau sieht in ihrem Mann nur das übersensible Kind, das sie seit Jahren betreut. Aber ein Mann ist nicht nur der Oberindianer, als der er sich in der Gesellschaft aufführt, und schon gar nicht der weise Stratege, als der er sich in seiner Firma jahrelang durchbluffen konnte.

Nein, ein Mann hat, zumindest als Golfer, noch Visionen oder zumindest die stille Hoffnung, einmal das Golf zu spielen, das in ihm steckt. Er betet inständig, dass ihm der Pro eines Tages vor versammelter Mannschaft lässig die Hand auf die Schulter legt und sagt: ›Gute Runde, Erich! Eine 96 – damit hast du endlich dein gesamtes Potenzial verwirklicht!‹«

»Klingt nicht schlecht«, antwortete der Lektor. »Und wie wollen Sie das angehen?«

»Ich würde mit ein paar von den Jungs im Club auf die Jagd gehen«, frohlockte ich. »Wir würden unsere Schwerter wetzen, barbarisch grunzen, mit den Speeren auf unsere Schilde schlagen und versuchen, eine 80 zu schießen. Alle Amazonen dürfen natürlich mit.«

Die sonst so schroffe Stimme des Lektors erwärmte sich: »Hm, die Zielgruppe der Senioren hat Kaufkraft und kann lesen!«

»So sei es«, flötete ich in den Hörer. »Dann muss ich nur noch einstellig spielen. Das wird nicht lange dauern – ich melde mich, wenn es geklappt hat.«

Die Jagd beginnt

Die Schnapsidee vom Parkplatz nahm in meinem Kopf immer realere Züge an. Die Sache versprach spannend zu werden. Wenige Tage nach unserem Telefonat schrieb ich meinem Lektor einen langen Brief und bat um ein Berater-Budget. Ich müsse einen Experten-Stab bilden, wie ihn heute jeder Spitzenspieler habe. Aber ich biss auf schwäbischen Granit. Der Verlag könne mir einen Experten in Sachen Astronomie empfehlen, sowie einen Doktoranden, der über Kaulquappen brüte, war die Antwort. Ein Berater-Budget sei leider nicht möglich, da sich die Automobilindustrie im Raum Stuttgart in einer Krise befände, was sich auch in den Umsätzen der Jagd- und Angelliteratur niederschlage.

Na gut. Kein Budget. Also musste ich erfolgreiche Top-Experten zur freiwilligen Mitarbeit bewegen. Wer würde sich, um der guten Sache willen, zum Gotteslohn engagieren?

Ich rief den Golfprofessional Marc Amort an, der im Schloss Langenstein am Bodensee arbeitet. Vor Jahren spielten wir zusammen in einem Pro/Am. Wir haben beide ein Faible für Persimmonhölzer und die Tradition des Spiels.

003.tif

Während Männer das Golfspiel viel zu Ernst nehmen, steht bei den Damen der kommunikative Aspekt im Vordergrund!

Ich erzählte ihm von meiner Idee in aller Ausführlichkeit, was bei mir etwas dauern kann. Marc, ein Gentleman alter Schule, war sehr höflich. Er fragte nicht, seit wann ich aus der Anstalt entlassen wäre oder ob ich meine Tabletten nicht genommen hätte. Er fragte auch nicht, ob ich noch recht bei Trost wäre. Er wollte nur wissen, wie oft ich trainiere, wie ich meinen Probeschwung durchführe und wie viele Runden pro Woche ich durchschnittlich spiele. Marc lud mich zu einem Training ein, aber schließlich scheute ich den langen Weg zum Bodensee.

Einige Tage später rief ich einen anderen Golflehrer an, meinen Freund Oliver Heuler, der als Headpro im Golfland Fleesensee wirkt. Auch er lachte nicht gleich los. In seinem wunderbaren Buch Jenseits der Scores empfiehlt Heuler, sich realistische Ziele zu setzen. Danach fragte ich ihn.

»Was ist für mich realistisch?«

»Wo stehst du jetzt?«

»11,8«

»Hm.«

Er dachte nach, was bei dem Hochleistungsprozessor zwischen seinen Ohren überraschend lange dauerte.

»Und was ist dein Ziel?«

»Hm.«

Ich wollte nicht gierig wirken.

»9,8?«, fragte ich verschämt.

»Also zwei Schläge.«

Wieder schien eine Ewigkeit zu vergehen. Ich hielt es nicht mehr aus.

»Und? Sag schon, ist das ein realistisches Ziel?«

Was überlegte er? Wie er die Antwort gemäß seinem Credo der gewaltfreien Kommunikation für mich verpacken sollte?

»Zwei Schläge sind sehr viel, das wird nicht einfach«, antwortete er.

»Na, danke, aber sollten wir nicht lieber positiv denken, wie Harvey Penick das in seinem kleinen roten Buch3 empfiehlt?«

»Meine Aussage ist bereits die positivste, die ich nach Berechnung von 59 623 Variablen, die deine Persönlichkeit in Verbindung mit deinem Sternzeichen und deinem Golfschwung ermöglichen, abgeben kann. Ich wünsche dir viel Glück. Du kannst es brauchen.«

»Danke«, sagte ich und legte auf. »Alter Miesepeter«, grummelte ich. »Dir werde ich es jetzt zeigen. Die Jagd geht los!«

Mein Entschluss stand fest. Ich nahm mein Gewehr und die Munition aus dem Schrank, packte einen geräucherten Bärenschinken in meinen Jagdbeutel, füllte den Flachmann mit Single Malt und fuhr zum Golfplatz, um eine 80 zu schießen.

Leider war das Clubhaus geschlossen, der Platz mit Schnee bedeckt. Es war Nacht und am kalten, klaren Himmel funkelten die Sterne. Da kam mir das alte Golf-Geheimnis vom richtigen Timing in den Sinn.

 

Logbucheintrag: Der Schnee ist weg, der Boden steinhart gefroren, aber spielbar. Hatte nur das Holz 4, die 7 und mein Wedge dabei. Einmal schlug ich den Ball 249 Meter. Kann es sein, dass sich meine Synapsen und Muskelfasern bereits auf meine neue sportliche Karriere eingestellt haben? Bin von mir selbst beeindruckt.

Mit die Knippelchen kloppen

»Was machen Se denn da?«

Die Jaruschkowa beugte sich über meine Schulter, um mein Getippe zu entziffern.

»Ich schreibe«, sagte ich.

»Und was schreiben Se?«

Ihre Nähe wirkte fast bedrohlich, als meine Putzfrau sich über mir zu wölben schien wie die geballte Form der Urmutter. Urängste aus der Stillzeit?

»Ich schreibe ein Buch.«

»Aha.« Sie setzte sich ungefragt auf die kleine Bank neben meinem Schreibtisch. »Ein Buch. So, so, wieder ein Buch.«

Ich tippte weiter.

»Wird dieses Buch endlich mal Göld bringen?«

Ich schaute auf. Sie spielte eindeutig auf die Schulden an, die ich bei ihr noch vom letzten Monat hatte. Die Jaruschkowa nimmt in Golferkreisen 20 Euro die Stunde, die man ihr auch gerne zahlt. Wir hatten vor Jahren acht Euro vereinbart, weil ich in ihren Augen kein richtiger Golfer war: »Se haben keine Haus und keine dirre blonde Frau und fahren ne alte Ford. Von Ihnen nehm ich nur acht Euro.«

Ich fand das nett, aber auch angemessen, da ich ja vorputze.

»Ich habe das Geld vom Dezember für Sie und im Februar werde ich selbst putzen!«

»Werden Se nicht. Se machen alles dreckig. Hab ich noch den schwarzen Schlamm von Ihre Umtopferei in Erinnerung.«

Ich wechselte das Thema: »Ja, dieses Buch wird viel Geld bringen«.

»Und warum? Um was gähts in dem Buch?«

»Es ist ein Golfbuch.«

»Schon wieder? Wie das aus dem Irrenhaus?« Misstrauisch winkte sie ab.

»Ich war nicht im Irrenhaus, und diesmal wird es ein großer Erfolg.«

»So?« Zweifelnd hob sie die Brauen. »Wie wird das Buch heißen?«

»Endlich einstellig!«

»Oh.«

»Ja.«

»Was bedeutet ›einstellig‹?«

»Das ist, wie soll ich sagen, wenn jemand viel besser Golf spielt, als er von sich selbst erwarten kann, und dann sehr glücklich ist.«

»Und das wollen Se schreiben? Se heulen doch immer rum und sagen, dass Se wieder Scheiße gespielt haben.«

»Das war früher. Das ist vorbei.«

»Und das einstellig macht dann glicklich?«

»Ja … nein … vielleicht. Das weiß ich noch nicht.«

»Das wissen Se nicht? Sind Se denn nicht einstellig, wenn Se ne Buch drüber schreiben? Was ist das überhaupt – einstellig

004.tif

Das weibliche, urmütterliche Prinzip des Universums verkörperte sich in der geballten Form der Frau Jaruschkowa.

Verzweifelt schaute ich an die Decke, auf der sich aber keine Offenbarung abzeichnete.

»Einstellig ist, wenn man auf einem Golfplatz nicht mehr als 9 Schläge über Par spielt. Wenn man das mehrfach spielt, senkt sich das Handicap, sagen wir mal auf 9,8.«

»Was ist Par? Un ne Handicap haben Se auch noch, Se Ärmster?«

»Frau Jaruschkowa! PAR ist ein Maß für eine Bahnlänge.«

»Und weniger Par macht glicklich?«

»Beim Golf geht es darum, die Spielbahnen mit möglichst wenigen Schlägen zu spielen. Je weniger, umso besser, verstehen Sie?«

»Nein, Golf ist so ne teure Sport. Da sollte man mit de Knippel doch so viel draufhaun, wies nur geht.«

»Ja, nein, darum geht es ja gerade. Alle brauchen viele Schläge, aber weniger ist besser.«

»Wie Diät? Nenn Se doch de Buch Golfdiät. Für all de dicke Damen auf de Platz.«

Das war keine schlechte Idee. Aber nein – ich verwarf den Gedanken gleich wieder. Ich hatte mein Thema gefunden. Seit fast einem Vierteljahrhundert lief ich nun schon meinem Phantom hinterher. Es musste doch zu schaffen sein. 4600 andere deutsche Golferinnen und Golfer über 50 Jahre können schließlich auch »einstellig« spielen.

Ich lehnte mich zurück – und meine Rückenschmerzen erinnerten mich daran, dass dieses Vierteljahrhundert Spuren in Leib und Seele hinterlassen hatte. »Ich versuche in meinem Buch zu beschreiben, was man beachten muss, um besser Golf zu spielen, sodass man dann weniger Schläge spielt, als vorher.«

»Und was steht dann in all de Bicher, wo ich immer abstaube?«

Sie wies mit ihrem Lappen auf meine beiden Regale, randvoll zugestopft mit Golfbüchern.

»Diese Bücher haben Experten und Golflehrer geschrieben.«

»Und alles fir de Katz?«

»Das würde ich so nicht sagen. Aber ich versuche in meinem Buch … äh … suche in meinem Buch einen … äh … irgendwie … äh … anderen, einfachen Weg, wie ein Mann in meinem Alter … besser Golf spielen kann.«

»Und keine Frau?«

Da war wieder ihr Lieblingsthema.

»Nein, ich habe immer noch keine Frau. Der Golfweg ist wie eine Gralssuche. Da muss man …«

»Nä, ich meine nicht de schäne Ärztin, ich meine Buch. Nur fir Mann, nicht fir Frau?«

»Doch natürlich. Man sagt Golfer, aber meint auch die Golferinnen.«

»Und die wollen auch einstellig sein?«

»Äh, vielleicht nicht so dringend wie Männer, weil die Frau …«

»Und wann spielen Se einstellig?«

Ich schluckte.

»Bis zum Ende der Saison, wenn ich das Buch abliefern muss, werde ich es geschafft haben.«

»Und wenn nich?«

Dieser unangenehme Gedanke machte mich nervös.

»Dann beschreibe ich meine Erfahrungen von diesem Jahr und warum es nicht geklappt hat. Dann machen wir noch ein zweites Buch, wenn es nächstes Jahr geklappt hat«, antwortete ich knurrig.

Listig grinste sie mich an und drückte ihren dicken Finger an die Stirn.

»Ah, sind Se doch schlau. Hab ich immer dran gezweifelt. Wenn nicht klappt, dann noch ne Buch. Se sind ja richtig durchtrieben!« Sie lachte.

»Ich nicht«, bekannte ich. »Die Idee hatte der Verlag.«

»Dann schreiben Se jetzt, Jungchen.«

Sie stand auf und holte sich ihren Eimer aus der Küche.

»Parr weniger Schläge und es gibt Göld? Nu, dann machen Se mal. Kann nich so schwer sein, Bällchen mit die Knippelchen kloppen.«

Erste kleine Krise

Ich musste das Spiel für eine Woche aussetzen, denn ich hatte eine erste schwere Nervenkrise, nachdem ich mich dummerweise mit den mentalen Aspekten des Spiels befasst hatte.

Ehrgeizig, wie ich war, repetierte ich die Entwicklungsstadien eines Golfers aus Oliver Heulers Jenseits der Scores.

Er beschreibt die Sorglosigkeit des Rabbits, bis der beginnt, sich mit anderen im Spiel zu vergleichen. Daraus folgen in der zweiten Stufe (auf dem Weg zur Meisterschaft) unausweichlich die Phänomene von krankhaftem Ehrgeiz, Wut und schließlich die den Golfer für Äonen verschlingende Golf-Depression. Irgendwann, nach tausend Jahren in der Hölle, gelangt man zu der Erkenntnis, dass in der Akzeptanz des Spiels, so wie es ist, die einzige Chance liegt, innere Gelassenheit zu entwickeln – die stabile geistige Grundlage einer Golf-Meisterschaft. An dieser Stelle zitiert Heuler den berühmten Ausspruch von Bobby Jones, nach dem »die wirkliche Freude im Golf nicht im Score liegt, sondern im Ausführen der Schläge«.

»Dazu müssen wir uns«, folgert Heuler, »angemessene Ziele setzen.«

Wir unterscheiden zwischen Saisonzielen (Endlich einstellig!) und Handlungszielen, die jeweils für das Training oder die Runde gestellt werden. Diese Ziele verfolgen wir ohne Selbstbetrug und in Anerkennung unserer Selbstverantwortung, indem wir uns von Erwartungen lösen, um in einen Zustand von Selbstvergessenheit zu gelangen, in dem – ich zitiere Eugen Herrigel4 – »die Seele in sich selbst versunken in der Vollmacht ihres namenlosen Ursprungs steht«.

»Aber damit er sich selbstvergessen in das gestaltende Geschehen einfügen könne«, so Herrigel, »muss die Ausübung der Kunst angebahnt werden«, was wiederum gemäß Heuler in der Vorbereitung auf unser Spiel geschieht und indem wir eine Routine entwickeln. Somit wird der Golfschwung (oder Bogenschießen) »zu einer Zeremonie, welche die ›Große Lehre‹ auslegt« (Herrigel).

In diesem Geist der konzentrierten Versunkenheit versuchte ich, den kurz gesteckten Platz (mit Wintergrüns) zu spielen, und kam glücklich mit 9 über Par auf die 18. Bahn, nur um den zweiten Schlag wieder mal im Wasser zu versenken.

005.tif

Leichtfüßige Golfliteratur ist für jeden Golfadepten eine besondere Stimulation.

Ich bekam einen derartigen Tobsuchtsanfall, dass ich postwendend zurück auf die zweite Bewusstseinsebene golferischer Entwicklung zurückgeschleudert wurde, wo ich eine Woche vor mich hinköchelte.

 

Logbucheintrag: Bin doch kein Longhitter! Die 249 Meter, die der Ball letzte Woche nach einem Schlag mit meinen 19-Grad-Fairwayholz hoppelte, sind leider keine neue Standard-Länge. Seit die Fairways nicht mehr vereist sind, sondern eher matschig, liege ich, wie gehabt, bei 175 Metern.

Golfbücher

An einem kalten Wochenende Ende Januar war mir langweilig. Ich begann, meine Golfbücher nach verschiedenen Themen zu stapeln. Größter Stapel: Die Lehrbücher, gefolgt von den großen Bildbänden mit den schönsten Plätzen der Welt.

Ich besitze auch einige Bücher über das Mentaltraining. Man sagt, mit einem guten Mentaltipp könne sich eine zittrige Hasenpfote in einen Königstiger verwandeln. Also besteht noch Hoffnung für mich. Natürlich habe ich auch die angesagten Bücher über Fitness und im Giftschrank die Abteilung Golf-Esoterik. Meine Lieblingsautoren sind jedoch Henry Longhurst, Charles Price, P. G. Woodhouse und natürlich Harvey Penick und Charles Bukowski. Der alte Harvey lehrt mit dem Herzen, Buk mit den tiefer gelegenen Chakren, was besonders John Daly, aber auch viele andere Spieler beeinflusst haben muss.

Irgendwann dämmerte mir bei der Durchsicht meiner Bücher: Alles ist bekannt und steht schon irgendwo geschrieben. Offensichtlich gibt es keine Geheimnisse mehr. Im Golfforum fand ich sogar die Bemerkung eines Golflehrers, dass es wie beim Laufen auch beim Golfschwung eigentlich nichts Neues gebe, weshalb man sich immer noch die alten Golfschwung-Filme von Hogan und Snead anschauen sollte, die nach wie vor als perfekte Vorbilder anzusehen seien.

Viele meiner Golfbücher haben mich stets für eine gewisse Zeit inspiriert, manchmal sogar begeistert. Leider vergesse ich schnell, was drin steht. Offensichtlich geht es aber auch anderen Leuten so, denn trotz der vielen guten Golfbücher hat sich der Handicap-Durchschnitt nirgendwo sonderlich verbessert. Ho Lin Wan sagte mal: »Golfbücher sind bunte Steine im Mosaik unseres Golfspiels. Wir sollten Steine aber nicht im Schuh aufbewahren!«

Über das Thema Clubfitting, also die Anpassung von Golfschlägern an den Spieler, sowie über die Kunst des Schlägerbaus, besitze ich gerade mal zwei magere Büchlein mit Fittinganleitungen und Tabellen: Nicht mal in englischer Sprache scheint es viele kompetente Fachbücher zu geben. Eigentlich merkwürdig, denn während zum Beispiel in der Sportwagenszene die gesamte Diskussion von technischen Details der Hardware bestimmt wird, sind profunde Informationen über Herstellung und Optimierung von Golfschlägern eine Rarität. Das Thema Fitting wird in Golfbüchern gerade mal gestreift. Abbildungen zum Thema Golfausrüstung zeigen meist Schläger-Modelle aus Industriefertigung.

Offensichtlich meint jeder Golfautor, ein Schwung nach seiner Lehre könnte selbst solche Fertigungstoleranzen im Material ausgleichen, mit denen jeder Formel-1-Pilot aus der Kurve knallen würde.

Frühjahrsclubfitting

Das Thema Clubfitting wollte ich auf einer Golfmesse vertiefen, die im Februar anstand. Aber gerade um die Mittagszeit, als ich zur Messe fahren wollte, kam die Sonne heraus. Sofort änderte ich meinen Tagesplan und raste zu meiner Lieblings-Weide, denn wie sagt Psalm 23 (!) in der Tom-Morris-Ausgabe der heiligen Schrift:

»Er weidet mich auf einer grünen Aue und behütet meinen Ball vor dem Wasser. Er erquicket meine Seele und führet mich auf rechter Bahn, um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Rough, fürcht ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Wedge und Putter trösten mich.«

 

Wie mochte der Platz nach der neuerlichen Schneeperiode aussehen? Es wäre zum Beispiel möglich – unwahrscheinlich, aber möglich –, dass der Boden durch eine kürzlich aufgebrochene Vulkanspalte so erwärmt wäre, dass ein paar Bahnen bespielbar waren. Vielleicht waren sogar die Sommergrüns offen!

Als ich ankam, standen auch andere Verrückte auf dem Parkplatz herum, die zu Hause vermutlich ähnlichen Spekulationen nachgegangen waren – aber nein, Pech gehabt: Die Sommergrüns waren noch nicht geöffnet. Trotzdem huschten die Golfer wie Hasen im März über die teilweise noch verschneiten Bahnen, schlugen sich orange Bälle um die roten Ohren und genossen den herrlichen Tag.

Ich spielte mit Ralf und einem netten Gast nahöstlicher Herkunft, mit dem zu spielen ich schon im vergangenen Sommer die Ehre hatte. Zuhair ist ein ausgesprochen freundlicher, humorvoller Mann, der einen geraden, langen Drive schlägt, wenngleich er noch ein paar Schwierigkeiten mit den Annäherungen hat. Aber das kann auch an Schnee und Eis gelegen haben, die am Ball festpappten. Was er für ein Handicap habe, fragte ich. Er liege so bei 18, meinte er. Ob er plane, sich in dieser Saison runterzuspielen, forschte ich weiter.

»Oh, du liebe Güte, nein!«, sagte er, das sei ihm zu viel Stress. Er spiele lieber mit netten Leuten wie uns eine entspannte Runde, das sei ihm viel angenehmer. Eine entspannte Runde mit netten Leuten wie uns? Zwei Flights hatten uns bereits durchspielen lassen, drei sollten noch folgen. Ich war nass geschwitzt, aber in der Tat: Es war eine entspannte, sehr angenehme Runde.

Vom 7. Abschlag kann man bei klarem Wetter Hessens Fuji, den Vogelsberg, betrachten. Angeblich ist unser Hausvulkan erloschen, aber angeblich sind auch die Renten sicher. Also wer weiß, was sich wirklich in tausend Metern Tiefe abspielt. Ralf, dessen Familie im Tagebau Basalt zertrümmert, hat immer ein Auge auf unseren Fuji, denn für ihn ist jeder Vulkanausbruch eine Vermögen bildende Maßname. Deshalb packt er auch stets am 7. Abschlag einen Single Malt aus, um dem Vulkan ein Feuerwasseropfer darzubringen. Ralf und ich opferten, Zuhair lehnte dankend ab.

006.tif

Auch Giganten des Spiels werden durch falsche Schlägerwahl schnell zu Golfzwergen.

Auf der 11. Bahn erlebte ich etwas Besonderes: Zuhair verzog seinen Drive links in den noch schneebedeckten Fairwaybunker. Er ging in den Bunker und nahm den Rechen mit. Er pitchte seinen Ball von der verschneiten Sandoberfläche und dann rechte er den Schnee wieder schön glatt! Donnerwetter, dachte ich, das nenne ich Etikette!

 

Witterungsbedingt konnte ich dementsprechend erst am nächsten Tag zur Golfmesse fahren. In den letzten Jahren hat mein Faible für angebliche Innovationen ständig abgenommen, aber ein Rundblick über die Neuerscheinungen der Saison konnte nicht schaden. Außerdem war ich am Stand von Cleveland Golf verabredet. Ein englischer Clubfitter, der sonst die Spieler auf der Tour betreut, sollte meinen Schwung mit einem Launch Monitor analysieren. Man schlägt Bälle in ein Netz und Sensoren übermitteln Schwungebene und Geschwindigkeit an einen Computer, der daraus exakt die Flugbahn, Schlägerkopfgeschwindigkeit sowie alle anderen relevanten Daten errechnen kann. Der Computer kann sogar ermitteln, wie weit der Ball geflogen wäre.

Bei mir errechnete der Computer einen leichten Fade und behauptete, der Ball wäre nicht sehr weit geflogen. Etwa so weit, wie ihn eine kleine, 75jährige Dame schlagen würde. Erst dachte ich, es sei ein Rechenfehler, aber der Fachmann machte mir unmissverständlich klar, dass ich keine hohe Schlägerkopfgeschwindigkeit habe. Ich sei etwa so schnell, wie eine Daune im Sturzflug. Der Fitting-Experte empfahl mir mehr Loft. Damit gewinne mein Ballflug mehr Höhe. Er nahm einen 16-Grad-Damen-Driver und baute mir einen weichen Schaft ein. Der Driver hatte eine rosa Schrift, was mich nicht störte. Ian Poulter trägt fast nur rosa.

Nach meinen ersten Testrunden spürte ich, dass ich mit dem Driver sehr gut zurechtkam. In der Folgezeit traf ich jedes Fairway und der Ballflug war zweifellos höher als bisher. Leider fiel der Ball nach kurzer Distanz wie ein Stein in den Schlamm; ein Problem, für das ich keine Lösung wusste.

Noch ein anderer Tipp des Clubfitters spukte mir im Kopf herum. Auf meine Frage, was ich tun soll, um vom Tee länger zu werden, empfahl er mir Yoga! Das bringe mehr als der beste Driver.

»Vijay Singh ist mittlerweile einer der ältesten Spieler auf der Tour und immer noch so erfolgreich, weil er der biegsamste von allen ist. Lern Yoga oder mach wenigstens ein Stretching-Programm«, riet er mir, ohne mit der Wimper zu zucken.

Ich glaubte, nicht richtig zu hören. Endlich mal jemand, der nicht nur das neueste Modell verkaufen wollte, sondern einen wirklich interessanten Hinweis gab.

Zu Hause fand ich ein altes Yoga-Buch. Ich versuchte ein paar der aufgezeichneten Asanas, wobei ich mich prompt zerrte. Yoga muss man vermutlich etwas langsamer angehen. Ich kaufte mir erst mal einen Yogi-Tee.

 

Logbucheintrag: Die Jaruschkowa ist verreist. Sie schickte eine SMS aus Karlsbad: »Machense mal selber, komme im März. Jaruschkowa.«

Habe jetzt zwei Thera-Bänder zusammengeknotet und beginne mit Kraft- und Ausdauerübungen.

Beim Arzt