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Das Buch

Warum erhält Helltrick Vagner eigentlich jedes Jahr zu seinem Geburtstag eine abgeschnittene Drachenzunge? Schließlich ist er selbst ein Drache und hat eine eigene Zunge! Die ominösen Präsente können nur mit dem Verschwinden seiner heißgeliebten Großnichte Hellfire zu tun haben, dessen ist sich Helltrick sicher. Also engagiert er den Starreporter Käall Blömquist, um Hellfires Verbleib aufzuklären. Blömquist steht in dem Ruf, im »Herausfinden von Zeug« außerordentlich gut zu sein. Leider ist das Einzige, das Blömquist gut findet, der Weg zur nächsten Sauna. Und Helltricks andere Nichte Asheila – die findet er auch richtig gut. Gott sei Dank bekommt Blömquist Unterstützung vom genialsten Jungdrachen-Weibchen in ganz Skandrachnavien: Lisbreath Salamander. Gemeinsam lösen Lisbreath und Blömquist nicht nur das Rätsel des Vagner-Clans, sondern machen auch eine brandheiße Entdeckung, die die Drachenwelt in ihren verkohlten Grundfesten erschüttert …

Endlich in der ungekürzten Skandalausgabe – Lars Stiefsohns bahnbrechender Enthüllungsroman mit großem Schweden-Rätsel!

Der Autor

Lars Stiefsohn, geboren, hätte eine ernsthafte Karriere als Journalist und Romancier anstreben können. Hat er aber nicht. Stattdessen hat er sich entschlossen, in Buchläden abzuhängen und zu parodieren, was nicht bei drei im Altpapiercontainer ist. Das könnte man jetzt gut finden. Übrigens gibt’s in diesem Buch ein Schweden-Rätsel, hatten wir das schon erwähnt?

Lars

Stiefsohn

Verdammich!

Roman

Aus dem skandinavischen Englisch
von Ute Brammertz

Mit großem Gewinnrätsel –
lies das Buch und knack den Schweden-Code!

Wilhelm Heini Verlag

München

Titel der englischen Originalausgabe

The Dragon with the Girl Tattoo

Deutsche Erstausgabe 11/2011

Redaktion: Rainer Michael Rahn

Copyright © 2010 by Adam Roberts

Copyright © 2011 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung
by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN 978-3-641-06705-2

www.heyne-magische-bestseller.de

»Oh, oh, oh, oh, ohhhh, ohh-oh-e-ohh-oh-oh
I’ll get him hot, show him what I’ve got.«

Lady Saga, Köchelverzeichnis 363a

Karte_Verdammich.tif

Prolog

Es wiederholte sich alljährlich, und das nun schon seit drei Jahrhunderten. Das Paket traf ein, wie es stets geschah, und der alte Drache betrachtete es mit außergewöhnlich grimmiger Miene. Ihr habt noch nie eine grimmige Miene gesehen, wenn ihr nicht die grimmige Miene eines Drachen gesehen habt, das könnt ihr mir glauben.

Das Paket lag auf seinem Schreibtisch. Er wusste bereits, was es enthielt, und kannte das entmutigende Gefühl, das er beim Öffnen empfinden würde. Doch es ließ sich nicht vermeiden. Zuerst einmal das Wichtige. Er rief einen Feuersalamander in sein Arbeitszimmer. »Wo befinden wir uns gerade?«

»Über Metzel«, erwiderte der Dienstbote.

»Natürlich. Seien Sie so gut und verlassen Sie die Insel. Fliegen Sie hinunter zur Stadt und bitten Sie Kriminalkommissar Schmåuch, mir einen Besuch abzustatten.«

Der Feuersalamander warf einen Blick auf den Schreibtisch und sah das Paket. Er wusste, was es enthielt, genauso wie sein Dienstherr, und begriff den Ernst seines Auftrags. Er vollführte eine Drehung in der Luft und flog direkt durch das Hauptfenster.

»Sie treffen ihn im Hauptpolizeischloss an«, rief ihm der alte Drache hinterher, obwohl das dem Feuersalamander nicht erst gesagt werden musste. Es war nicht das erste Mal, dass er den Kommissar herbestellte, um eines dieser Pakete zu öffnen. Im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Helltrick Vagner ließ das Paket auf dem Schreibtisch und trat ans Fenster, um mit einer Geduld zu warten, die einem Wesen, das ein halbes Jahrtausend alt war, keine Mühe bereitete. Es war ein angenehmer Spätsommernachmittag. Licht fiel schräg aus dem leeren Westen, während die Sonne – jene gewaltige Himmelskugel aus weißgoldenem Feuer – ihre prächtigen Schätze mit dem üblichen Leichtsinn über die Welt ergoss. Sah man hinunter, erblickte man sehr viele weiße bommelige Wolken, die über der fernen Landschaft lagen. Doch sah man nach oben und in Richtung Westen, erblickte man eine sich weit erstreckende hohe Federwolke von blass orangeroter Färbung, die sich wie ein Feuerschweif am Horizont ausdehnte.

Helltrick betrachtete die Szenerie schweigend. Er war, wie bei einem Drachen seines Alters nicht anders zu erwarten, riesig und knorrig, und an seinen früher einmal goldenen Schuppen bildeten sich allmählich cremefarbene Ränder. Direkt unter seinem Fenster befanden sich die nach Westen gehenden Gartenanlagen der schwebenden Insel der Vagners, Heydebbie. Zu sagen, der Garten wäre ordentlich manikürt, war gleichzeitig richtig und falsch. Es stimmte in der Hinsicht, dass jede Hecke und jedes Blumenbeet perfekt zurechtgestutzt und gepflegt waren; falsch aber in der Hinsicht, dass »maniküren« etwas ist, was man mit einer Hand macht. Bei diesem Garten handelte es sich nicht um eine Hand. Er hatte keine Fingernägel. Er war, wie ich höchstwahrscheinlich bereits erwähnte, ein Garten. Breite Rasen mit blondem stoppeligem Gras waren makellos flach gemäht. Eschen, Weiden und Ulmen standen in Reih und Glied, kleinblättrige Linden wuchsen am Rand und gewährten Aussicht auf die kleine Mauer und den langen, steilen Abhang. Die Bäume warfen in der Sommersonne netzartige Schatten. Rauch von einem dösenden Drachen – einem weiteren Mitglied des gewaltigen Vagner-Clans – legte sich wie eine Pollenwolke über die Hecke. Und während Helltrick diese friedliche Welt beobachtete, lag das ungeöffnete Päckchen stumm anklagend auf seinem Schreibtisch.

Bald schon erklang das Geräusch von etwas Großem, das sich im Anflug befand, und über dem Rand der Insel erschien ein imposanter Drache mit sehr großem Bauch. Helltricks Feuersalamander flog neben ihm her, obwohl der Besucher Führung kaum bedurfte. Er flog direkt über den Garten hinweg, wobei seine breiten Flügel die Luft kräftig massierten, und landete ein wenig schwerfällig auf dem Steinboden von Helltricks privatem Balkon.

»Sammy«, sagte Helltrick. »Danke, dass Sie gekommen sind.«

Kriminalkommissar Schmåuch trat durch die Balkontür und ließ sich mit seinem gewaltigen Hinterteil in einem Sessel nieder. Er war nicht mehr der Jüngste, und die Anstrengung des Fluges hatte ihm ein wenig den Atem geraubt. »Noch eins?«, schnaufte er.

»Ich fürchte ja.«

»Die gleiche Jahreszeit, das gleiche Ding«, sagte Schmåuch, der zu dem Päckchen spähte. »Tja … werden Sie es aufmachen?«

»Bleibt mir wohl nichts anderes übrig«, sagte Helltrick mit schwerer Stimme. »Ich fürchte mich davor, obwohl ich ja weiß, was sich darin befindet … natürlich, weil ich weiß, was sich darin befindet.«

»Kommen Sie schon, Tricky«, sagte der Kommissar. »Bringen wir es hinter uns.«

Vagner griff nach dem Päckchen und riss mit wenigen mühelosen Klauenbewegungen die Verpackung herunter. Im Innern befand sich ein schmaler Lederstreifen in dunklem Lila mit Punkten, über einen Meter lang und an einem Ende spitz zulaufend.

Die beiden alten Drachen betrachteten ihn eifrig, als hofften sie, das Muster aus blass lilafarbenen Sprenkeln entziffern zu können. Doch sollte dies in ihrer Absicht gelegen haben, wurden sie enttäuscht. Sie setzten sich beide zurück, wobei Vagner den biegsamen Streifen in der rechten Vorderklaue hielt.

»Dieses Jahr hat sie nichts sonderlich Charakteristisches an sich«, sagte Kriminalkommissar Schmåuch. »Allerdings stammt sie offensichtlich von einem ausgewachsenen Tier.«

»Ich weiß nie so recht, wonach wir Ausschau halten«, räumte Vagner mit matter Stimme ein. »Ich meine, wenn wir sie derart untersuchen

»Na ja – charakteristische Kennzeichen, schätze ich mal«, sagte der Polizeidrache. Sie saßen eine Zeit lang schweigend da. »Ich habe fast das Gefühl«, fügte der Kriminalkommissar hinzu, »wir sollten eine Flasche Feuerwasser aufmachen. Darauf anstoßen.«

»Darauf anstoßen

»Oh, es ist bestimmt geschmacklos. Aber … na ja, es ist schließlich das dreihundertste Mal! Das ist eine ziemlich beachtliche Statistik: drei ganze Jahrhunderte lang jedes einzelne Jahr, ohne Ausnahme. Meinen Sie nicht, dass wir die Bedeutsamkeit dieser Tatsache hervorheben sollten?«

»Ich habe nie verstanden, weshalb einige ansonsten völlig vernünftige Drachen derart koboldhaft von ganzen Zahlen besessen sind«, sagte Vagner. »Mein Vater wollte zu meinem hundertsten Geburtstag das größte Fest veranstalten, das Schwefeln, ja, ganz Skandrachnavien je erlebt hat. Aber wieso? Es ist auch nichts anderes, als wenn man neunundneunzig wird oder hundertundeins.«

»Also kommen Sie schon, Tricky«, sagte Schmåuch nachsichtig. »Das meinen Sie nicht so. Dreihundert ist bedeutsam.«

»Bedeutsam«, sagte Vagner ein wenig steif, »ist für mich nur eines. Dass das hier schon viel zu lange dauert. Ich bin selbstgefällig geworden. Es ist an der Zeit zu handeln. Zeit, einen Außenstehenden um Hilfe zu rufen, um dem Ganzen ein für alle Mal auf den Grund zu gehen.«

Kriminalkommissar Schmåuch schüttelte heftig den Pferdekopf. »Es gibt wirklich nichts, was die Polizei sonst noch tun könnte, mein Freund. Wir haben so gründlich ermittelt, wie es ein Polizeiapparat nur kann. Wir haben nicht nur er-, sondern auch sie- und esmittelt. Wir haben alles durchkämmt. Selbst die kleinen Knötchen in den Spitzen.«

»Ich habe jemanden außerhalb der Polizei gemeint, Sammy.«

»Oh!«, sagte Schmåuch. »Einen Privatdetektiv? Tja, viel Glück.«

Helltrick entging der Missmut seines Freundes nicht. »Ich sage ja nicht, dass wir uns kein Schlückchen genehmigen können, altes Haus. Was darf’s denn sein? Feuerwasser? Oder sollen wir einen trockenen Weißwein aufmachen?«

»Lieber Ersteres. Und ich schätze mal, Sie händigen mir am besten dieses … dieses Ding aus. Ich bringe es zur Polizei und lege es in die Gruft zu den anderen zweihundertundneunundneunzig Zungen.«

Vagner reichte ihm den Gegenstand. »Dreihundert Drachenzungen«, sinnierte er, während er sich an der Hausbar zu schaffen machte. »Alle zusammen in einer Polizeigruft aneinandergereiht. Wenn sie doch nur sprechen könnten, was? Dreihundert Zungen, und keine davon in der Lage, ein einziges Wort zu sagen.«

»Aus dem Maul gerissen zu werden, reduziert für gewöhnlich das Geschwätzigkeitspotenzial einer Zunge«, sagte der Kriminalkommissar. Er nahm seinen Drink aus Vagners ausgestreckter Klaue entgegen.

»Aber wer schickt sie, Sammy, hm?«, fragte Vagner und setzte sich. »Immer das Gleiche, jedes Jahr ohne Ausnahme. So eine grauenerregende, schreckliche Sache! Warum werden sie verschickt? An mich?«

»Woher stammen sie, ist die Frage, die meinem Polizistenverstand am meisten zu schaffen macht«, sagte Schmåuch. »Sie einfach so einem armen anonymen Drachen … zum Wohle«, er hob sein Glas, »aus dem Mund zu reißen. Stellen Sie sich bloß das Drachenleid vor! Dreihundert Zungen!« Er leerte das Feuerwasser und stieß eine scharfe kleine rötlich-orangefarbene Flamme aus.

»Mich beschäftigt immer noch das Warum«, sagte Vagner. »Seit …«

»Also, Tricky, ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber es hat nie schlüssige Beweise gegeben, dass diese Zungen auch nur das Geringste mit … mit dem bedauerlichen und geheimnisvollen Schicksal Ihrer armen Großnichte zu tun haben.«

»Keine schlüssigen Beweise?«, wiederholte Vagner. Er leerte sein eigenes Glas und rülpste eine leuchtende violettfarbene Flamme hervor. »Kommen Sie schon, Sammy. Wer kann Zweifel daran hegen? Wer auch immer meine Großnichte ermordet hat – es ist derselbe Drache, der mir diese schrecklichen … Andenken schickt. Er verhöhnt mich. Und er fährt, wie Sie schon sagten, mit seinen schrecklichen Verbrechen fort! Verstümmelt und ermordet jedes Jahr einen weiteren Drachen!«

»Wir haben keinerlei Beweise, was das Ermorden anbetrifft.«

»Sie glauben, dass dreihundert lebendige Drachen ohne Zunge im Kopf herumfliegen? Sie meinen nicht, dass das auffallen würde? Nein, nein, er foltert sie, bringt sie um und entledigt sich ihrer Leichen – versenkt sie im Meer oder dergleichen. Die Hinterbliebenen wissen nichts, als dass ein Drache verschwunden ist. Er muss geschnappt werden, Sammy. Wir müssen ihn schnappen.«

»Tja«, sagte Kriminalkommissar Schmåuch, der sich auf seine Hinterbeine erhob und die abgeschnittene Drachenzunge in einen Beutel steckte, der an einem goldenen Gürtel hing. »Selbstverständlich wäre der Polizei nichts lieber, als ihn festzunehmen. Und, wie bei den anderen, werde ich Nachforschungen anstellen. Doch, wie bei all den anderen, wäre ich erstaunt, wenn etwas dabei herauskäme. Und was Ihre Großnichte betrifft … Ich fürchte, der Fall ist schon vor langer Zeit zu den Akten gelegt worden.«

»Warten wir’s ab«, sagte Vagner. »Ich habe da jemanden im Sinn. Anscheinend ist er ein Genie in der neuartigen Kunst, Zeug herauszufinden

»Wenn das mal gut geht«, sagte der Kriminalkommissar und trat vom Balkon in die Luft. »Wenn das mal gut geht!«

Teil I

Reizmittel

18 % aller mittelalterlichen Drachenweibchen
über hundertfünfzig sind schon einmal von
einem Ritter bedroht worden

1. Kapitel

Käall Micky Blömquist galt weithin als Genie im »Herausfinden von Zeug«. Im Grunde war er total mies darin, Zeug herauszufinden. Aber im Kartenspiel des Lebens übertrumpft der Ruf die Realität. Jedenfalls gesetzt den Fall, dass es sich um ein Kartenspiel mit Trümpfen handelt. Wie Bridge. Oder Kanasta. Die Kreuz Zwei von Käalls Ruhm lag über dem Karo König seiner wahren Unfähigkeit. Zumindest wenn wir uns vorher darauf geeinigt haben, dass Kreuz Trumpf ist. Wenn ihr versteht, was ich meine.

Käall arbeitete für eine kleine, aber einflussreiche Saga, deren zentrale Redaktion in Starkhelm nur mit den schicksten Möbeln von DRAKEA ausgestattet war. Wenn ich es mir recht überlege, bin ich mir gar nicht sicher, ob Kanasta überhaupt mit Trümpfen gespielt wird. Ist auch egal. Wie dem auch sei, die Saga – Müllenium Saga – war auf Wirtschaftsnachrichten spezialisiert, darauf vertrauend, dass ihr der Anteil der an Geld interessierten Drachen (was im Grunde alle sind) eine solide Stammleserschaft gewährleisten würde. Das hatte nicht geklappt. Doch obwohl die Saga nicht in weiten Kreisen gelesen wurde, wurde sie allgemein respektiert. Es gab natürlich Sagas mit einer höheren Auflagenzahl: zum Beispiel die Frauenzeitschrift Brigittigitte Saga, die Literaturzeitschrift Flblloljalblblkklbl Saga oder die kulinarisch orientierte Smörebröd Saga. Doch nur wenige standen in dem außergewöhnlichen Ruf von Müllenium, was das Herausfinden von Zeug betraf. Und in noch weniger standen die Drehstühle der oberen Preisklasse. Und Käall war der Starreporter. Die Belegschaft bestand noch aus anderen Drachen: der Chefredakteurin Bergrrrr, einem energischen Weibchen mit azurblauen Stacheln am breiten Rücken. Und Chrissie Mahlzahn, dem Chef der Bildredaktion und Layouter. Aber keiner von beiden spielte seine Rolle so überzeugend wie Käall.

Seine Schuppen überlappten so ordentlich wie Dachziegel und wiesen einen ähnlichen roten und orangenschalenfarbenen Ton auf. Er war nicht wirklich jung – das sagte einem allein schon seine Größe –, doch ihn umgab immer noch eine jugendliche Aura. Seine Flügel waren, wenn er sie ganz ausbreitete, völlig lücken-, löcher- und risslos. Seine Augen waren so blass, dass sie fast weiß wirkten, allerdings handelte es sich um ein glänzendes, attraktives Weiß. All diese Dinge zählten so einiges in Skandrachnavien.

Jahrelang hatte er ohne eigene Anstrengung Kapital aus seinem herrlichen Aussehen geschlagen, und aus der Arbeit von Recherchehilfskräften, denen man den Mindestlohn zahlte. Doch dann hatte die Müllenium Saga eine Story über einen alten Geschäftsdrachen namens Wennerströmt gebracht. Wennerströmt hatte geklagt.

Als der Rabe bei der Saga mit der Nachricht eintraf, dass sie ihren Artikel vor Gericht zu verteidigen hätten, hatte Bergrrrr ein redaktionelles Gespräch mit Käall geführt. »Ich brauche deine Notizen, Aufzeichnungen und all deine Quellen.«

»Okay«, sagte Käall. »Was?«

»All deine Notizen«, sagte sie. »Damit wir die Verteidigung vor Gericht vorbereiten können.«

Käall zuckte mit den Flügeln. Bergrrrr musste ihre Bitte mehrfach vorbringen, bis sie endlich begriff, dass er nicht das Geringste von der Story wusste, die er selbst verfasst hatte.

»Aber du hast sie doch recherchiert!«, sagte sie immer wieder. »Du musst Quellen haben, Akten, unveröffentlichtes Material.«

»Ich kann mich kaum daran erinnern«, sagte er. »War das der Artikel in dem rot-gelben Kasten auf der Titelseite?«

»Aber wie kannst du nichts davon wissen?«, schalt sie ihn. »Du hast den Artikel geschrieben

»Ich habe ihn geschrieben«, sagte Käall findig. »Aber das bedeutet nicht, dass ich ihn auch recherchiert habe. Es ist das Gleiche wie bei all meinem anderen Zeug. Ich schicke einen Raben nach unten zu den Recherchehilfskräften, und sie schicken die ganzen Fakten nach oben. Ich bringe sie bloß in Saga-Form, füge die ganzen nötigen Alliterationen ein und so weiter.«

»So geht ein Journalist nicht vor!«, sagte Bergrrrr.

Daraufhin hatte Käall ein wenig verwirrt dreingeblickt. »Bist du dir sicher?«, fragte er. »Weil ich davon ausgegangen bin, dass dem, na ja, schon so ist.«

»Nimmst du mich auf den Arm?«

»Nein.« Er überlegte. »Auf den Arm nehmen im Sinne von zum Sofa rübertragen und heißen Sex haben? Bist du spitz?«

»Auf den Arm nehmen«, meinte Bergrrrr mit matter Stimme, »im Sinne von: meine Saga im Rahmen eines aussichtslosen Prozesses in den finanziellen Ruin treiben.«

Die Beziehung dieser beiden Drachen war nun einmal kompliziert. Bergrrrr war mit einem anderen Drachen verheißratet, einem allseits geschätzten Arzt. Trotzdem hatte sie eine Beziehung mit Käall angefangen. Das hatte sie getan, weil sie ihn anziehend fand, doch seine Anziehungskraft bestand größtenteils aus seinem Ruf als Superjournalist. Dabei handelte es sich, wie es jetzt den Anschein hatte, um einen Ruf, der jeder Grundlage entbehrte.

»Sieh mal«, sagte er. »Noch nicht ausgewertete Daten in Saga-Form zu bringen, ist nicht leicht. Und wir haben schon immer Recherchehilfskräfte beschäftigt, nicht wahr? Ich meine, ist das nicht der Grund, weshalb Recherchehilfskräfte überhaupt beschäftigt werden? Damit sie recherchieren, und ich das Ganze zusammenschreibe?«

»Nein«, sagte Bergrrrr und betrachtete ihren Liebhaber mit kaltem Blick. »Recherchehilfskräfte sind dazu da, Journalisten langweilige und monotone Aufgaben abzunehmen. Aber die Journalisten sollen immer noch losziehen und tatsächlich Zeug rausfinden.«

»Oh!« Käall wirkte fasziniert. »Das habe ich nicht gewusst.«

»Was meinst du damit, das hast du nicht gewusst?«, schrie Bergrrrr. »Du bist mein Starreporter! Wie kannst du ein Starreporter sein und nicht wissen, was ein Starreporter überhaupt macht

»Tja«, sagte Käall freundlich. »Bisher schien es nie ein Problem zu sein. Dir hat die Såubermänn-Story gefallen, die ich zurechtgefeilt habe? Die ist preisgekrönt gewesen!« Såubermänn war ein Seifenfabrikant gewesen. Die Müllenium Saga hatte eine Story gebracht, die aufdeckte, dass seine Firma nichts als eine Seifenblase war.

»Ich bin davon ausgegangen, dass du losgezogen bist und Såubermänn selbst interviewt hast. Ich bin davon ausgegangen, dass du herumgefragt und Mülleimer durchstöbert hast, die Archive von Lokalsagas durchgegangen bist und die Vertuschungsstory allmählich Stück für Stück zusammengesetzt hast. Bitte sag mir, dass du Såubermänn selbst interviewt hast, dass du herumgefragt, Mülleimer durchstöbert hast, die Archive von Lokalsagas durchgegangen bist und die Vertuschungsstory allmählich Stück für Stück zusammengesetzt hast?«

»Nö, ich hab nichts dergleichen getan.«

»Was hast du denn dann gemacht?«

»Tja, ich hab einen Raben runter in die Rechercheabteilung geschickt, wie ich es immer tue. Es gibt da eine junge Rechercheaushilfe, die gewöhnlich ziemlich gut ist: immer noch ein Salamander, glaube ich. Ich habe sie gefragt: ›Was hat es mit diesem Såubermänn-Typen auf sich?‹ Du hast mir doch aufgetragen, ihn zu überprüfen, weißt du? Ein paar Tage später hat sie sämtliche Fakten geschickt – per Rabe –, und ich habe alles zusammengeschrieben.«

»Aber du bist eine Woche lang weggewesen!«

»Hauptsächlich bin ich in der Sauna gewesen.«

»Ich dachte, du wärst mit dem investigativen Journalismus-Kram eines Starreporters beschäftigt!«

»Nein. Bloß Sauna-Kram.«

»Ich glaube es einfach nicht!«, heulte Bergrrrr und blies direkt aus dem Rachen eine grelle Spirale aus orangefarbenen Flammen. Feuer leckte und loderte über den Aktenschrank des Büros.

»Du bist ja wütend!«, sagte Käall lachend. Dann wurde ihm zum ersten Mal der Ernst der Lage bewusst, und er wiederholte den Satz, ohne zu lachen. »Du bist ja wütend.« Dann, sehr düster: »Du wirst mich rausschmeißen, nicht wahr?«

»Wie kann ich dich rausschmeißen?«, brüllte Bergrrrr, sprang in die Luft und sauste, in Deckennähe, im Zimmer herum. »Du bist mein Starreporter! Was würde das über die Glaubwürdigkeit der Saga aussagen? Wir stehen kurz vor einem Gerichtsprozess! Ich kann es mir nicht leisten zuzugeben, dass unser Starreporter ein ausgemachter Vollidiot ist.«

»Außerdem«, sagte Käall, in hoffnungsvollem Tonfall, und drehte den Kopf, um ihr folgen zu können, wobei er sich den Hals hoffnungslos verrenkte, »solltest du nicht vergessen, dass wir eine Affäre haben – aua!« Er entrenkte den Hals wieder.

»Erinner mich bloß nicht daran«, fuhr Bergrrrr ihn an und landete wieder auf dem Boden. »Was ist mit der Firegate-Story, diesem Fall von politischer Korruption?«

»Tja, du hast mich gebeten, der Sache auf den Grund zu gehen. Also habe ich einen Raben nach unten in die Rechercheabteilung geschickt, und als der Rabe mit den Fakten zurückkam, habe ich das Ganze in Saga-Form gebracht und sichergestellt, dass die Alliterationen …«

»Aaarrrh!«, meinte Bergrrrr recht nachdrücklich.

Kurzzeitig herrschte Schweigen im Büro.

»Ich gebe mir selbst die Schuld«, sagte Bergrrrr in ruhigerem Tonfall. »Mir hätte klar sein müssen, dass du nicht das Zeug zum Starreporter hast. Zurückblickend muss ich sagen, dass ich töricht gewesen bin. Ich dachte, deine trottelige, zwielichtige, stümperhafte Art sei ein cleveres Image, das du dir zugelegt hast, um den Leuten Informationen zu entlocken. Im Nachhinein ist mir nun klar, dass du einfach ein trotteliger, zwielichtiger, stümperhafter Drache bist.«

»Ich bin vielleicht ein bisschen zwielichtig«, räumte Käall ein.

»Aber du hast der Müllenium Saga Ruhm eingebracht. Drachen in ganz Skandrachnavien halten dich – und damit uns – für genial im ›Herausfinden von Zeug‹. Doch wie sich letztlich herausstellt, sind wir nichts dergleichen … sondern es gibt eine Rechercheaushilfe tief im Inneren des Gebäudes, die das wahre Genie ist.«

»Vielleicht sollten wir sie als feste Mitarbeiterin anstellen?«

»Im Moment«, fuhr Bergrrrr ihn an, »müssen wir uns um die Katastrophe mit Wennerströmt kümmern. Das könnte die ganze Saga in den Bankrott treiben, weißt du? Wir können nicht vor Gericht ziehen und praktisch zugeben, dass wir inkompetent sind. Nein, wir werden selbstbewusst und vereint auftreten, während ich mir einfallen lasse, wie wir die Sache deichseln.«

»Ich könnte wieder in die Sauna gehen«, schlug Käall vor. Als Bergrrrr ihn streng anstarrte, fügte er hinzu: »Du könntest natürlich mitkommen. Wenn du möchtest.«

»Du scheinst nicht zu begreifen«, sagte sie. »Die gesamte Zukunft der Müllenium Saga hängt am seidenen Faden. Wennerströmt ist ein äußerst mächtiger und einflussreicher Drache. Wenn ich dich vor Gericht schicke, um deinen eigenen Artikel zu belegen, werden seine Anwälte dich in der Luft zerreißen. Ja«, sagte sie, und ihrem Gesicht war anzusehen, dass sie eine gute Idee hatte. »Ich denke, du solltest dich besser dünnmachen.«

»Ich nehme bei Stress ohnehin immer ab«, stimmte Käall ihr nickend zu. »Du bist so sauer! Außerdem bedrückt mich das ganze Gerede von wegen Vor-Gericht-Ziehen ziemlich.«

»Dünnmachen, nicht dünner werden«, sagte Bergrrrr. Sie flog zu ihrem Schreibtisch und durchstöberte die Schriftrollen, die darauf verteilt waren. »Da ist etwas gewesen …«

»Dünnmachen!«, sagte Käall. »Ja, ich wusste, dass du das gemeint hast. Offensichtlich nehme ich nicht ab, weil ich Schiss habe. Das wäre jämmerlich! Ich bin schließlich ein Drache, oder etwa nicht?«

»Ein Auftrag für dich …«, sagte Bergrrrr.

»Und mich dünnzumachen, ist eine gute Idee«, sagte Käall. »Ich könnte in eine richtig große Sauna gehen und einfach zwei Wochen dort …«

»Hier!« Bergrrrr hielt eine goldverzierte Schriftrolle empor. »Du hast vom Geheimnis des Vagner-Clans gehört?«

»Vagner … ach ja, Vagner.« Käall nickte verständig und kratzte sich mit einer Kralle am Doppelkinn. »Nein, noch nie von denen gehört.«

»Ich habe dich gefragt, ob du vom Geheimnis des Vagner-Clans gehört hast, und du erwiderst, dass du noch nicht einmal vom Vagner-Clan gehört hast?«

»Nein!«

»Mal im Ernst, Käall«, sagte Bergrrrr. »Du hast doch von ihnen gehört.«

»Nö.«

»Wie kannst du denn nicht von ihnen gehört haben?«, brüllte sie. »Es ist eines der reichsten Nester in ganz Skandrachnavien!«

»Tatsächlich?«

»Sie bringen ständig unglaublich fortschrittliche Gebrauchsgüter heraus. Alles, was sie vermarkten, wird zu Gold. Keiner weiß, woher sie all ihre neuen Ideen nehmen.«

»Interessant.«

»Sie stecken hinter dem Flashfire Drive, dem Überschall-Skylligator, dem Compupter.«

»Nein. Sagt mir nichts.«

Bergrrrr seufzte. »Der Anführer des Clans, Helltrick Vagner, ist fünfhundert Jahre alt. Er ist persönlich mit etlichen Drachenlords befreundet.«

»Wie nett.«

»Du musst doch wohl von Heydebbie gehört haben?«

»Hey …? Debbie …? Nein.«

»Der schwebenden Insel?«

»Nö.«

»Du bist mein Starreporter! Wie kannst du die berühmte schwebende Insel der Vagners nicht kennen? Sie schwebt am Himmel, im Norden über Schwefeln, im Süden über Fangland, und rund über das Festland.«

»Donnerwetter!«, sagte Käall.

Bergrrrr betrachtete ihren (in Gedanken fügte sie »ehemaligen« ein) Liebhaber und Starreporter geringschätzig. Dann legte sie den Kopf schräg und sah ihn noch geringerschätzig an. Oder muss das geringerschät-ziger heißen? Nach einer Weile sagte sie: »Es ist mir egal. Du musst von hier verschwinden, und zwar auf eine Weise, die mir gestattet, vor Gericht plausibel zu machen, dass du nicht verfügbar bist. Vagner hat um deine Hilfe gebeten – hat gezielt nach dir gefragt. Er glaubt, du wärst ein Genie darin, Zeug herauszufinden. Anscheinend hat sich vor dreihundert Jahren etwas Schreckliches in der Familie ereignet, und niemand ist der Sache je auf den Grund gekommen.«

»Und du möchtest, dass ich das Geheimnis lüfte?«

»Der alte Vagner möchte es. Ich will nur, dass du zwei Monate lang weg vom Fenster bist, während ich versuche, diesen Schlamassel mit Wennerströmt aus der Welt zu schaffen. Also wirst du Vagners großzügige Einladung annehmen und dich nach Heydebbie aufmachen.«

»Ähm«, sagte Käall.

»Keine Ähms«, sagte Bergrrrr nachdrücklich.

»Okay. Breche ich gleich auf …?«

»Kauf dir eine Skylligator-Fahrkarte nach Metzel. Da befindet sich die schwebende Insel derzeit. Ich schicke einen Raben hin, um Vagner Bescheid zu geben, dass du seine Einladung angenommen hast.«

»Ich habe noch nicht gefrühstückt …«, sagte Käall.

»Verdammt noch mal! Schnapp dir ein Schaf und nimm dann den Skylligator zum Anwesen der Vagners.«

»Okay!«, sagte Käall munter.

Bevor er das Büro verließ, schickte er einen Raben nach unten zu den Rechercheassistenten der Saga: »Lisbreath? Ich muss nach Heydebbie, was anscheinend eine schwebende Insel ist. Ich soll ein Geheimnis lösen, das die Vagners betrifft. Haben Sie was für mich?«

Dann ging er nach draußen und besorgte sich an einem Straßenstand ein Schaf. Dann flog er zum Skylligator-Bahnhof.

Krächzend flog der Rabe mit seiner Fracht los. Er kreiste an dem glänzenden, flammenförmigen Turm abwärts, flog an dem überfüllten Durchgang mit seinen unzähligen wimmelnden Drachen, Arbeitsechsen und Feuersalamandern vorbei. Der Vogel tauchte in einen Lüftungsschacht ab und flatterte in ein schlecht erhelltes Zimmer unterhalb der eigentlichen Redaktion.

Ein schlanker junger Drache namens Lisbreath Salamander hörte sich die Nachricht des Raben an. »Der Vagner-Clan, wie?«, überlegte sie. »Nichts Geringeres als Heydebbie. Das könnte interessant sein.«

Salamander war maulwurfsgrau, was ein bisschen dunkler als mausgrau ist; ein dunkler, funkelnder Ton, der im Licht leicht glänzte. Sie war nicht groß, die Schultern nicht breiter als ihr Becken, und ihre Flügel waren ein wenig klein ausgefallen. Doch sie hatte etwas seltsam Attraktives an sich. Und oben an der Schulter ihres rechten Flügels trug sie das Bild eines jungen Menschenmädchens. Nur sehr wenige Drachen hatten je dergleichen zu Gesicht bekommen.

Sie hatte natürlich schon von den Vagners gehört, und von ihrer unglaublich kostspieligen schwebenden Insel Heydebbie – die dank eines eigenartigen Zaubers in der Luft gehalten wurde (denn sie flog nicht mithilfe von Flügeln), von dem die meisten Drachen sich keine Begriffe machten. Überhaupt machten sich Drachen wenige Begriffe, sondern vertrauten auf althergebrachte Nomenklaturen beziehungsweise höchstens einmal mehr oder weniger gewagte Umschreibungen, denn sie waren in linguistischen Fragen Traditionalisten und standen Neologismen im Allgemeinen eher skeptisch gegenüber.

Dadurch blieben ihnen Wörter wie »wundertoll« erspart.

Wie dem auch sei, Lisbreath hatte ein persönliches Interesse an den Vagners. Sie waren eine geheimnisvolle, zurückgezogen lebende, sagenhaft reiche Familie. Und Lisbreath kannte die ganzen Gerüchte über ein dunkles Geheimnis im Herzen des Clans. Sie mochte dunkle Geheimnisse, je dunkler, desto besser.

Und sie hatte ihre eigenen Gründe, weshalb sie näher an Heydebbie herankommen wollte.

Zweifellos handelte es sich hierbei um ein Projekt, das sie interessierte. Doch um ihm richtig nachgehen zu können, brauchte sie mehr Geld für wichtige Ausrüstungsgegenstände. Und das bedeutete leider, dass sie ihren neuen rechtlichen Betreuer um Bares anbetteln musste.

Eine angenehme Aussicht war das nicht gerade. Doch es musste getan werden.