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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

DAS BUCH
1671 in Edinburgh geboren, verspielt John Law bereits in jungen Jahren das Vermögen seines Vaters. Draufgängerisch auch sein Umgang mit den Frauen. Scharen von gehörnten Ehemännern frohlocken, als Law nach einem Duell mit tödlichem Ausgang das Land verlassen muss. Während seiner Flucht durch Europa kommt ihm die bahnbrechende Idee, Geld nicht länger mit den immer knapper werdenden Edelmetallen zu decken. John Law erfindet das Papiergeld, doch seine Idee findet kein Gehör. Erst als er Anfang des 18. Jahrhunderts nach Frankreich gelangt, bekommt er seine Chance. Der Herzog von Orléans, gerade zum Regenten gekürt, findet Gefallen an der Vorstellung, die enormen Staatsschulden quasi per Druckerpresse zu tilgen. 1716 gründet Law die Banque Royale und gibt erstmals Papiergeld aus. Seine Idee bewährt sich, der Handel blüht, und John Law häuft ein Vermögen an, das ihn zum reichsten Mann seiner Zeit macht, ja vielleicht zum reichsten Mann, der jemals gelebt hat. Doch irgendwann holt ihn seine Spielernatur ein.

 
 
»Das Parfum des Geldes. Es ist der historische Roman der Saison.«
Sonntagsblick
»Sprachgewaltig.«
Handelsblatt
»Spannend.«
Focus
»Süffige Geschichten von Geld, Macht und chronischem Lendenleiden.«
Stern
»Spannende Studie über Genie und Wahnsinn.«
NDR

DER AUTOR
Claude Cueni wurde 1956 in Basel geboren. Nach Lehr- und Wanderjahren durch Europa erschien 1980 sein erster Roman. Seither veröffentlichte er Kriminalromane, Hörspiele, Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Film und Fernsehen. Das große Spiel wurde international in zahlreiche Länder verkauft und stand wochenlang auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste. Claude Cueni lebt in Binningen bei Basel. Seine E-Mail: claude@cueni.ch.

LIEFERBARE TITEL
Cäsars Druide

Für Annemarie

Kapitel I

PARIS, 1683

»Werde ich sterben?«, fragte der Schotte. Seine wund geschnäuzte Nase triefte auf den scharlachroten Umhang, den er eng um sich geschlungen hatte. Er schob drei Goldmünzen über den dunkel gebeizten Eichentisch, als wolle er damit den Tod bestechen. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah sein Gegenüber mit großen Augen an. Bitterkeit und Hader überfielen ihn. »Werde ich sterben?«, wiederholte er mit seinem starken schottischen Akzent.
»Sie haben doch nicht die lange Reise von Edinburgh nach Paris gemacht, um hier zu sterben«, lächelte Docteur Cartier. »Keine Angst, Monsieur Law. Sie sind bei uns in guten Händen.« Rötliche Ekzeme überzogen Cartiers Kopfhaut. An einigen Stellen war ihm das Haar gleich büschelweise ausgefallen. Das Gesicht hatte er mit dicker, heller Schminke bedeckt, um die entstellenden Pockennarben zu kaschieren. Docteur Cartier zeigte auf eine gläserne Schale, die in der Mitte des wuchtigen Tisches stand. Darin waren seltsam gefärbte Steine. »Das sind Harnsteine, Monsieur Law. Sie haben schreckliche Schmerzen verursacht. Die Menschen, denen wir diese Steine entfernt haben, sind heute schmerzfrei. Diese Menschen …«
»Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich überlebe, Docteur Cartier?«, unterbrach ihn der Schotte. Er war es gewohnt, dass man ihm auf seine Fragen präzise und ohne Umschweife antwortete. Er trug den scharlachroten Umhang der Goldschmiede-Bankiers von Edinburgh.
Docteur Cartier beugte sich über den Tisch und schaute William Law eindringlich an: »Monsieur Law, ich bin Chirurg und nicht Mathematiker. Ich halte nicht viel von diesen neuen Wissenschaften, die überall in Mode gekommen sind. Die ganze Welt stellt Berechnungen der Wahrscheinlichkeit an. Mit Verlaub, Monsieur Law, das ist dummes Zeug. Gott allein entscheidet. Nicht die Mathematik. Jahrhundertelang haben uns die Schweizer Bergbauern auf den Schlachtfeldern Europas mit ihren Pikettieren geelendet, und jetzt lassen sie die Brüder Bernoulli mit ihren Höchstwahrscheinlichkeitsrechnungen auf die Menschheit los.Was bisher galt, soll plötzlich falsch sein. Alles soll neu erklärt und gedeutet werden. Und das öffentlich. Und für jedermann zugänglich. Jeder Stallknecht soll heutzutage alles verstehen. Das ist eine neue Krankheit, Monsieur Law, eine Seuche. Aber Ihr Leiden, Monsieur Law, Ihr Leiden ist heilbar. Seit zweihundertfünfzig Jahren praktizieren wir die Steinoperation nach denselben Regeln. Diese Regeln sind geheim, Monsieur Law. Und das aus gutem Grund.Wo kämen wir hin, wenn sich jeder sein eigenes Urteil bilden würde? Wenn selbst die Bauern in Holland den Dammschnitt an ihren Viechern praktizieren würden? Aber alle Welt soll Statistiken führen und sie der Menschheit zur Verfügung stellen! Jeder Patient will plötzlich Tabellen und Statistiken. Jeder Patient ein kleiner Bernoulli, ein Mathematiker, ein Prognostiker. Das ist eine Versündigung gegen Gott und die Monarchie! Zahlen, Fakten, Zusammenhänge konstruieren … Die Zukunft voraussagen! Die Pläne Gottes erraten! Sie wollen Gott spielen! Ich will Ihnen etwas sagen, Monsieur Law, Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind etwas für Kartenspieler.« Docteur Cartier hielt inne und holte tief Luft. Er war selbst überrascht, dass er sich derart ereifert hatte.
William Law nickte höflich und beugte sich nun seinerseits über den schweren Tisch: »Docteur Cartier, ich bin William Law, Goldschmied und Münzprüfer aus Edinburgh in Schottland, Berater des königlichen Münzamtes.Von meinen sieben Söhnen und fünf Töchtern haben vier die Kinderjahre überlebt. Das entspricht dem statistischen Mittel von Edinburgh. So hat es mir mein Sohn John erzählt. Ich möchte von Ihnen lediglich wissen, wie die Statistik Ihres Hospitals aussieht. Damit ich entscheiden kann, ob ich das Risiko auf mich nehme oder nicht. Denn zu Hause in Lauriston Castle, das ich vor wenigen Wochen erworben habe, warten meine Frau und meine Söhne, John und William.« Einen Augenblick lang saßen sich beide gegenüber und starrten sich lauernd und drohend an.
Dann seufzte Cartier, richtete sich auf und schob die Louisdor wieder in die Tischmitte. »Monsieur Law, für einunddreißig Patienten von hundert endet die Operation mit dem Tod. Aber falls Sie sterben, Monsieur Law, dann nicht zu einunddreißig Prozent. Der eigene Tod ist immer hundertprozentig. Deshalb halte ich nichts von diesen Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Monsieur Law, es braucht wenig Gift, um einen Körper zu zerstören. Manchmal braucht es nur eine Idee. Die neue Mathematik ist schlimmer als die Pest.Wenn sie sich durchsetzt, wird nichts mehr sein wie früher.«
»Die Welt wird anders sein, das ist alles, Docteur Cartier«, antwortete der Schotte müde. »Etwas Altes stirbt, und etwas Neues wird geboren. Das Ganze stirbt nie.« William Law lächelte versöhnlich: »Eigentlich habe ich Sie nur meinem Sohn John zuliebe über Ihre Statistik befragt. Es war nicht meine Absicht, Ihre Fähigkeiten als Chirurg infrage zu stellen. Falls dieser Eindruck entstanden sein sollte, tut es mir Leid, und ich bitte in aller Form um Entschuldigung.«
Cartier streckte seinen Arm nach Laws Hand aus und tätschelte sie liebevoll: »Keine Angst, Monsieur Law, wir werden den Münzprüfer von Edinburgh nicht sterben lassen. In diesen hitzigen Zeiten könnte uns das leicht einen neuen Krieg bescheren. Und davon hat Europa schon reichlich genug gehabt.«
William Law zog seine Hand zurück, dann holte er zwei braune, versiegelte Briefumschläge aus der Innentasche seines purpurroten Umhangs und legte sie zögernd auf den Tisch. »Dieser Brief ist für meine Frau und dieser hier für meinen ältesten Sohn, John. John Law. Für alle Fälle. Es sind immerhin einunddreißig Prozent.«
Als die beiden Männer wenig später zu den Operationssälen gingen, hallten ihre Schritte laut durch die hohe Säulenhalle der Charité. »Ihr Ältester wird wohl auch Goldschmied?«, versuchte es Cartier mit ein bisschen Konversation.
»In Schottland ist jeder Goldschmied auch Bankier. Die Familien der Laws sind seit vielen Generationen als Goldschmiede tätig. Als Goldschmiede oder Pastoren – einige wurden sogar Kardinäle.«
William Law hatte Angst, ihm war übel vor Angst. Immer wieder ergriff ihn ein Schwindel, und er hatte das Gefühl, mit dem nächsten Schritt ins Leere zu stürzen. Der Schotte hatte sich auf der langen Kutschenfahrt von Edinburgh nach Paris eine fiebrige Erkältung geholt. Er fror. Ein grelles Pfeifen in den Ohren ließ ihn kurz zusammenzucken. Sein Herz raste, als wolle es den Brustkorb sprengen und allein nach Edinburgh zurückeilen.
»Und?«, fragte Cartier betont freundlich. »Wird Ihr Ältester eher Goldschmied oder Kardinal?«
»John ist erst zwölf«, wehrte William Law verlegen ab, »handwerklich ist er nicht so geschickt …« Er rang nach Luft. Er brauchte mehr Luft.
»Dann wird er eben Kardinal«, lachte der Steinoperateur und legte Law aufmunternd den Arm um die Schulter.
 
Mit schnellen, flinken Bewegungen stieß der zwölfjährige John sein Glied zwischen die lustvoll gespreizten Beine der Dienstmagd Janine. Das Mädchen saß entspannt auf der Holztruhe vor dem Fenster des Turmzimmers. Den Kopf hatte sie in die Fensternische zurückgeworfen, als wolle sie den Wolkenhimmel betrachten. »Ich werde dir alles beibringen, John«, stöhnte sie, »jeden Handgriff, jede Finesse, die Kunst der Verführung, der genussvollen Hingabe, die Kunst, sich eine Mätresse zu halten und sie wieder loszuwerden, sie zu besitzen und sie zu verderben.« Blitzschnell fasste die Zwanzigjährige Johns Hüften, stieß ihn leicht zurück, drehte sich um und kniete nun, mit dem Gesicht zum Fenster, auf der Truhe. Sie schaute hinunter zum Fluss. Zwischen den Bäumen sah sie eine Frau, die eilig auf das Anwesen zukam. John führte erneut sein Glied ein, wie ein junger Hund, der keine andere Bestimmung zu kennen glaubt. Ungestüm und heftig. Er war für sein Alter von ungewöhnlich hohem Wuchs und kaum von einem Mann zu unterscheiden. Nur der Schalk in seinen freundlichen, dunklen Augen ließ das jugendliche Alter erahnen. Janine hatte ihm einmal gesagt, dass sie noch nie einen derart schönen Mund geküsst habe.
Für John war Janine nicht der pisse-pot de nos maris, der Pisstopf des Hausherrn, wie die Franzosen die Dienstmägde verächtlich nannten. Ganz im Gegenteil, für ihn war Janine wie ein Fenster zur großen Welt. Janine hatte in Paris als Dienstmagd eines Goldschmieds gearbeitet, der an seiner Spielleidenschaft zerbrochen war. Janine hatte dem aufgeweckten John nicht nur das Kartenspiel Pharao beigebracht, sondern auch das, worüber man in den Salons der Reichen und Mächtigen sprach. Und man sprach nur über das eine. »Fais-le bien«, sagten die Franzosen am Hofe des Sonnenkönigs: »Mach es gut«, und John wollte der Beste sein, ein echter Wüstling, ein Held seiner Zeit, ein Kardinal der Erotik.
»John!«, hörte man unten die Frau rufen, die nun wütend das Flussufer hinaufkam. Sie klang ungeduldig und müde. Die siebzig Hektar Grund am Südufer des Firth of Forth gehörten zum Anwesen von Lauriston Castle, einem dreistöckigen, herrschaftlichen Gebäude mit zwei schmalen Wehrtürmchen. Die Frau näherte sich dem Haus und blieb vor dem linken Wehrturm stehen, der von Kragsteinen gestützt wurde. Sie schaute zum Turmzimmer hinauf: »John! Ich muss mit dir reden.« Ein Fenster wurde aufgestoßen. Der Junge streckte seinen Kopf hinaus und schrie: »Was wollen Sie denn jetzt schon wieder, Mutter, ich arbeite!«
 
Als Janine im großen Speisezimmer das Essen auf den Tisch gebracht hatte, Gemüsesuppe, Brot und Käse, sprach Jean Law ein kurzes Tischgebet. Die zwölf Geburten waren nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Das einst feuerrote, schulterlange Haar war spröde geworden. Sie hatte es mit einem roten Band zusammengebunden. Das Gesicht war ausgemergelt, und ihre Augen erzählten von all dem Leid, das sie erfahren und ertragen hatte. Jean Law war sechsunddreißig Jahre alt. Als sie das Tischgebet beendet hatte, fügte sie leise hinzu: »Und Gott … beschütze William Law, dass er geheilt und gesund zu den Seinen zurückkehrt.«
Vor wenigen Wochen hatte die sechsköpfige Familie noch in Edinburgh in einer engen Behausung am Parliament Square gewohnt. Jetzt waren sie stolze Besitzer von Lauriston Castle.William Law stand im Zenit seiner beruflichen Karriere, im Zenit der gesellschaftlichen Anerkennung. Und wenn William Law gesund zurückkam, dann war ihr Glück vollkommen. Jean Law hatte Angst vor diesem Gedanken. Sie misstraute dem Glück. Nicht, weil sie schon acht Kinder verloren hatte. Das war in Edinburgh, wo die Leute so eng aufeinander lebten wie nirgendwo auf der Welt, nichts Besonderes. Der Kindstod war so alltäglich, dass man es nicht für nötig hielt, Kinder vor ihrem siebten Lebensjahr zu taufen oder ihnen besondere Zuwendung zu schenken. Nein, Jean Law misstraute dem Glück, weil sie wusste, dass ein Kleeblatt selten vier Blätter hat. Und jetzt, wo sie im Besitz von Lauriston Castle waren, besorgte sie die Abwesenheit ihres Mannes ganz erheblich. Sie war in gleichem Maße religiös wie abergläubisch.
Janine füllte zunächst Jean Suppe auf, dann John und schließlich seinem ein Jahr jüngeren Bruder William. Die beiden Mädchen, sechsjährige Zwillinge, aßen wie üblich draußen in der Küche.Während Janine die Suppe austeilte, starrte John Law erneut auf ihren prallen Busen, den sie nur zum Schein mit einem Busentuch kaschierte. Am liebsten wäre John gleich wieder ins Turmzimmer hochgerannt. Janine hatte ihn regelrecht verhext. Er dachte immerzu an ihren Po, an ihre weißen Schenkel, und sein erigierter Penis brachte ihn schier um den Verstand. Oft schloss er während des Schulunterrichts die Augen, um den Duft ihres Haars zu riechen, den Duft ihres Busens, ihre verschwitzte Haut, ihre nassen Schenkel. Und wenn er die Augen wieder öffnete, entsprang ein leiser Seufzer seinen Lippen.
»Also, John«, begann seine Mutter Jean, »dein Lehrer wollte heute mit mir sprechen. Er hält dich für sehr intelligent. Er meint, du hättest eine ausgesprochene Gabe für Zahlen. Manchmal hättest du sogar einen Hauch von – von Genie. Das genau waren seine Worte.«
Johns Bruder William begann laut zu lachen. Doch John schien es nicht zu bemerken.
»Aber Mutter«, entgegnete John Law mit einem charmanten Lächeln, »glauben Sie wirklich, mein Lehrer sei in der Lage, Genie zu erkennen?«
»Was soll das heißen?«, fragte seine Mutter.
»Er versteht recht wenig von Mathematik«, antwortete John Law, »und seit er mich unterrichtet, weiß er das sogar.«
»Hochmut kommt vor dem Fall«, kreischte William, »arrogant wie ein Franzose!« Doch John ließ sich erneut nichts anmerken. Er parlierte mit der Gestik eines Erwachsenen. Janine nahm es mit stiller Genugtuung zur Kenntnis. Schließlich hatte sie ihm beigebracht, wie man beim Kartenspiel jegliche Regung unterdrückt und das gesprochene Wort mit Gesten akkompagniert.
»John! Gott wird dich eines Tages für deinen Hochmut strafen!«, rügte ihn seine Mutter.
»Verzeihung, Mutter, aber ist es Hochmut, wenn ich meinen Lehrer auf Fehler hinweise? Soll ich vor Demut erstarren, nur weil er mein Lehrer ist? Respekt muss man sich verdienen, Mutter. Durch Wissen und Leistung. Nicht durch Amt und Würden.«
»Basieren nicht auch Amt und Würden auf Wissen und Leistung?«, fragte seine Mutter. Ihre Stimme klang matt. Ihr fehlte immer öfter die Kraft für solche Dispute.
»Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Zeit, Mutter. Die Karten werden neu gemischt …«
»Hör auf, John!«, rief Jean und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Mit diesen Ideen bringst du Gott und den König gegen dich auf. Wer die gottgewollte Ordnung nicht akzeptiert, begibt sich außerhalb der christlichen Gemeinschaft!«
»Ich gebe Ihnen Recht, Mutter. Aber verdanken wir unseren Fortschritt nicht ausgerechnet jenen Menschen, die sich mit der bestehenden Ordnung nicht abgefunden und sich vorsätzlich abgesondert haben?«
Mit einer heftigen Bewegung warf Jean ihren Löffel auf den Tisch und schrie: »Es steht dir nicht zu, über deine Mutter zu urteilen und ihr Recht oder Unrecht zu geben!«
»Ich bitte Sie um Verzeihung, Mutter. Ich wollte Sie nicht verletzen.« Und mit dem für ihn typischen Schmunzeln fügte er leiser hinzu: »Wenn Sie wünschen, Mutter, behaupte ich sogar, dass die Welt eine Scheibe ist, nur damit ich Ihre Liebe nicht verliere.«
Jean wollte ihren Sohn tadeln, aber Johns Lächeln berührte ihr Herz. Insgeheim war sie stolz auf ihren kleinen John, der plötzlich so groß geworden war. Sie nahm ihren Löffel wieder in die Hand, tauchte ihn in die Suppe und hielt erneut inne: »Dein Lehrer sagt, du bist sehr launenhaft, das beunruhigt ihn.«
»Ihn beunruhigt alles, was er nicht kennt und daher nicht versteht. Vielleicht sollten wir den Lehrer wechseln.« Der Junge grinste.
»John«, sagte seine Mutter nun mit sehr ernster Stimme, »wenn dein Vater zurückkommt, werde ich ihm vorschlagen, dass er dich nach Eaglesham schickt …«
»Renfrewshire? Zu diesem verwirrten Gottesprediger? Man sagt, er sei vom Teufel getrieben.«
John wandte sich Hilfe suchend an Janine. Doch sie hatte ihm bereits den Rücken zugekehrt und war auf dem Weg zur Tür. Und John dachte, dass Gott ihr diesen wundervollen Po geschenkt hatte wie ihm die Gabe für die Mathematik.
»Vater will mich gewiss hier bei sich behalten«, lächelte John, »da bin ich mir sicher.«
»Sicher?«, flachste sein Bruder William. »Wie sicher, Meister?«
»Hundertprozentig sicher«, zischte John und bohrte seinem Bruder die zweizackige Gabel in den Oberschenkel. William schrie gellend auf.
 
William Laws Schreie gellten durch die Korridore der Pariser Charité. Einer von Cartiers Helfern drückte William Laws Schultern auf die Holzliege hinunter. Links und rechts von dem Patienten standen Assistenten und fixierten mit geübtem Griff Arme und Beine. Cartier führte das Skalpell noch tiefer in den Oberschenkelmuskel, direkt neben den Anus. Erneut versuchte er, mit den Fingern den Stein zu ertasten, während sich William Law brüllend aufbäumte. Cartier weitete den Einschnitt aus und versuchte nun mit einem Entenschnabel, den Stein in der Blase zu erreichen. Der Chirurg war voll gespritzt mit Blut wie ein Fleischer auf dem Schlachthof. Der Stein befand sich noch immer in der Blase, und er war riesengroß. Eine Stunde später waren die Schreie verstummt. Fassungslos stand Docteur Cartier vor dem blutüberströmten Unterleib des Schotten. Dann nahm er den lauwarmen Penis des Schotten in die Hand und führte noch einmal die steife Sonde in die Harnröhre ein, um den Harnblasenmund zu lokalisieren. Er wollte nicht wahrhaben, was geschehen war.
»Docteur Cartier«, sprach ihn sein junger Assistent Dutronc mit ruhiger Stimme an. »Docteur Cartier. Der Patient ist tot.«
Cartier hielt inne. Er starrte auf den schlaffen Penis in seiner Hand. Dann ließ er ihn los. Als er sich die Hände wusch, bebte die Wasserschüssel in den Händen des Assistenten. Das blutdurchtränkte Wasser schwappte über den Rand und klatschte auf den Fußboden.
Wenig später saß Cartier erschöpft in seiner getäfelten Schreibstube. William Law, der Münzprüfer von Edinburgh, war tot. Er verblutete im Jahre 1683 während einer Lithotomie, dem ältesten bekannten chirurgischen Eingriff. An eine Überführung ins ferne Schottland war nicht zu denken. Man würde ihn formlos im schottischen Kolleg in Paris beisetzen. Cartier starrte auf das dicke rote Siegel, mit dem der Schotte die beiden braunen Umschläge verschlossen hatte.
»Er kannte das Risiko. Ich habe ihm nichts verschwiegen. Nicht wahr, Dutronc? Der Schotte kannte das Risiko!« Cartier blickte zu seinem Assistenten Dutronc auf, der geduldig vor dem Schreibtisch stand und offenbar auf eine Order wartete.
»Ich bin Ihr Zeuge, Docteur Cartier. Sie haben ihn darauf aufmerksam gemacht.«
Cartier lächelte: »Und es ist immer noch Gott, der entscheidet, ob jemand lebt oder stirbt. Nicht wahr, Dutronc? Wir bemühen uns redlich, aber Gott entscheidet.«
Dutronc schwieg. Cartier schaute erneut zu ihm auf.
»Was ist Dutronc? Er ist tot. Akzeptieren Sie das und wenden Sie sich wieder den Lebenden zu. Glauben Sie mir, mir wäre es auch lieber, Law wäre noch am Leben und wir müssten diese beiden Umschläge nicht zum Postamt bringen.«
»Sein Tod wäre vielleicht zu vermeiden gewesen«, sagte Dutronc leise, ohne Docteur Cartier in die Augen zu sehen.
»Was reden Sie da?«, fragte Cartier unwirsch. »Wenn Gott gewollt hätte … Oder wollen Sie etwa andeuten, ich hätte irgendetwas falsch gemacht?«
»Nein, nein, Docteur Cartier, Sie haben nichts falsch gemacht. Wir alle machen vielleicht etwas falsch.«
»Wollen Sie Steinoperationen etwa mit Dampfmaschinen durchführen? Oder mit geheimnisvollen Magneten?«, fragte Cartier und lachte verächtlich.
»Docteur Cartier, seit über zweihundert Jahren …«
»So ist es, Monsieur Dutronc! Seit über zweihundert Jahren wird der Steinschnitt in dieser Form praktiziert. Die Menschen leiden an ihren Steinen, einigen wird geholfen, andere sterben. Aber an der Art der Operation hat sich nichts geändert.Weil es nichts zu ändern gibt. Die menschliche Anatomie ändert sich nicht, und die Steine ändern sich nicht. Und deshalb werden die Menschen auch in tausend Jahren den Steinschnitt noch genauso durchführen, wie ich es heute getan habe!«
»Nein, Docteur Cartier«, entfuhr es dem jungen Dutronc, der sein jugendliches Temperament nicht länger zügeln konnte. »Wir müssen unser Wissen austauschen, Docteur Cartier, mit den Ärzten und Operateuren aus Italien, aus Holland und aus England …«
»Hören Sie auf, Dutronc! Wenn ich eins nicht leiden kann, dann Schwärmerei.«
»Nicht nur das Schwarzpulver verändert Europa. Überall auf der Welt machen die Menschen neue Erfindungen.«
»Passen Sie auf, was Sie sagen, Dutronc. Man kann einen Muskel auch überdehnen. Dann reißt er!«
»Haben wir den Muskel überdehnt, weil wir heute nicht mehr in Höhlen hausen und uns von rohem Fleisch ernähren?«
»Hören Sie, Dutronc, ich weiß, dass es in den Salons in Mode gekommen ist, selbst Kindern und Frauen zuzuhören. Aber Ihnen, Dutronc, Ihnen werde ich nicht länger zuhören. Bringen Sie diese Umschläge zur Post! Und dann nehmen Sie von mir aus gleich die nächste Kutsche nach Amsterdam. Zu Frère Jacques de Beaulieu. Der hat sich von einem Schuhmacher neues Werkzeug für den Steinschnitt herstellen lassen. Von einem Schuhmacher!«, schrie Cartier und drückte Dutronc die beiden Umschläge in die Hand. Dutronc nahm sie an sich und nickte. Er sah ein, dass es sinnlos war, sich weiter mit Cartier zu unterhalten. Er verbeugte sich knapp, drehte sich um und eilte zur Tür.
»Dutronc!«, rief ihm Cartier nach. Dutronc drehte sich um, und seine langen blonden Haare wirbelten durch die Luft. »Sie wollen Gott spielen, Dutronc! Sie wollen den unsterblichen Menschen schaffen nach dem Ebenbild Gottes, und dafür wird Gott Sie strafen!«
Dutroncs Augen leuchteten wie beseelt von schwarzer Magie oder von einer großen Liebe: »Ja!«, frohlockte er mit flammender Stimme. »Ja, Docteur Cartier, und die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, muss ebenfalls neu gestellt werden, und eines Tages wird selbst der Stuhl Ihres Gottes von einem Menschen besetzt sein, und wir werden Menschen erschaffen nach unserem Ebenbild. Und Maschinen werden die Arbeit verrichten, während wir vergnügt durch die Lüfte fliegen und Städte besuchen, die tief unter dem Meeresspiegel liegen.«
»Fantast!«, brüllte Cartier. »Sie sind ein vom Teufel besessener Fantast! Ein gottverdammter Fantast!«

Kapitel II
Vom Turmzimmer aus beobachteten John Law und die Dienstmagd Janine, wie Madam die Kutsche bestieg und davonfuhr. Schon bald verschwand die Kutsche im morgendlichen Nebel, und man hörte nur noch die schwächer werdenden Hufschläge der Pferde. Janine schloss das Turmfenster, eilte zum alten Wandschrank und riss sich die Kleider vom Leib. John saß rittlings auf einer Truhe vor dem Schrank und beobachtete die junge Frau mit wachsender Begierde. Obwohl sie bereits zwanzig war, war sie nicht viel größer als er. Er beobachtete, wie sie ihren Körper entblößte, um ihn gleich wieder mit kostbaren Stoffen zu verhüllen. Es waren Kleider, die Madam vor langer Zeit einmal getragen hatte.
»Du kannst in verschiedene Rollen schlüpfen«, dozierte Janine und kniff die Augen neckisch zusammen, so wie sie es immer tat, wenn sie John für sich gewinnen wollte, »du kannst den schmachtenden Jüngling spielen, den erfahrenen Kavalier, den abgebrühten Wüstling. Aber treibe es stets galant, mach es gut.« John atmete tief durch. Er konnte sich an Janines Körper nicht satt sehen, er war ihr verfallen. Janine nahm es mit einem koketten Lächeln zur Kenntnis und dozierte weiter: »Die Liebe ist ein Handwerk und kein Gefühl. Handwerk kann man lernen, Liebe täuscht man vor. Es gehört zum Handwerk.«
Janine klebte sich eine Mouche auf das Kinn. John kannte dieses extravagante Accessoire bereits. Mouches waren künstliche schwarze Leberflecken in Form von Kreisen, Halbmonden,Tieren oder Symbolen. Sie verstärkten den Kontrast zur marmorweißen Haut der Damen, die kein Sonnenstrahl gebrandmarkt hatte, weil sie sich nicht wie die Feldarbeiterinnen in der prallen Sonne abrackern mussten. »Achte immer auf die Mouche, John, sie sagt mehr als tausend Worte. Klebt die Mouche am linken Auge, ist die Dame bereits vergeben und treu. Ist das Symbol jedoch ein Tier, so ist sie zwar treu, aber nur bedingt. Das bedeutet, dass du mit besonderem Einsatz ihren Rock erobern kannst. Erobern sollst.«
Janine rückte das Busentuch zurecht und verdeckte so den Einschnitt zwischen ihren Brüsten. Dann nahm sie den Fächer in die Hand, fächerte dreimal hin und her und senkte den Fächer leicht in Johns Richtung.
»Du willst es jetzt, sofort«, sagte John.
»Nein«, sagte Janine gereizt, »ich habe mit dir Kontakt aufgenommen. Ich habe bemerkt, dass du mich die ganze Zeit beobachtest, und jetzt habe ich Kontakt aufgenommen.«
Janine rückte ihr Halstuch zurecht. »Und jetzt?«, fragte sie.
»Jetzt willst du es aber, sofort.«
Janines Miene verfinsterte sich: »John, ich biete dir den Hals an. Du darfst dich der Dame nähern. Streng dich ein bisschen an. Ich weiß, dass du das beste Gedächtnis von Edinburgh hast.«
John stand auf und näherte sich der jungen Frau. Er grinste bis über beide Ohren.
»Jetzt kommt das Busentuch?« Janine hatte das Busentuch, das um Schultern und Nacken drapiert war, gelockert. Das Busentuch war für John das raffinierteste Hilfsmittel der weiblichen Koketterie überhaupt. Es verbarg, was man zeigen wollte. Es weckte die Neugierde und brachte einen schier um den Verstand. Janine wich einen Schritt zurück und klappte den Fächer zu, um ihn gleich darauf wieder aufklappen zu lassen. »Ich halte das nicht mehr aus, Janine«, flehte John. »Mir platzt der Schädel.«
Janine wich nochmals einen Schritt zurück und wiederholte das Spiel mit dem Fächer: »Bitte, John, sei doch einmal vernünftig. Die Fächersprache ist die wichtigste Sprache in den Salons. Sie erlaubt die intimsten Zwiegespräche. Sie signalisiert Gefallen und Missfallen, die Einladung zur Annäherung und die Vereinbarung zum Rendezvous. Ich fordere dich jetzt gerade auf, mir zu folgen. Hast du die Uhrzeit erkannt, die ich dir mitgeteilt habe?«
John riss sich ungestüm die Hose auf, während Janine den Fächer brüsk auseinander breitete wie das Rad eines Pfaus.
»Jetzt weise ich dich ab«, lachte Janine.
John packte den Fächer mit einer Hand und drückte ihn energisch zusammen. »Und jetzt begehrst du mich. Auf der Stelle. Der Fächer spricht eine unmissverständliche Sprache«, grinste John und sank vor Janine auf die Knie, um ihre Beine zu liebkosen, bis sein wilder Haarschopf unter Janines Rock verschwand.
Janine taumelte zurück und stieß gegen Madams Kleiderkasten. »John«, seufzte sie, »gib den Damen in den Salons die Gelegenheit, ihr Taschentuch hervorzunehmen und daran zu riechen. Das Parfüm lässt sie erröten, und es sieht so aus, als seien sie unschuldige Mädchen, die noch nie an einer Orgie teilgenommen haben, da draußen in den Jagdschlössern vor den Toren von Paris.« Janine ließ sich zu Boden sinken und zog John sanft über sich.
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen. Der junge William Law stand da und starrte ungläubig auf seinen älteren Bruder, der sich widerwillig von Janine löste.
»Unser kleiner Monsieur ist ja schlimmer als eine Küchenschabe. Eine Küchenschabe, die Treppen steigen und Türen öffnen kann.« John blickte seinen Bruder vorwurfsvoll an.
Vor dem Haus ließ sich eine Männerstimme vernehmen: »Madam Law!«
John knöpfte nachlässig seine Hose zu und ging zum Fenster. Draußen war ein Postreiter.
»Er hat Post aus Paris. Er will sie unserer Frau Mutter aber nur persönlich übergeben«, stammelte William Law. Er war sichtlich nervös und aufgewühlt.
John stürzte aus dem Zimmer und eilte die Treppen des Turmzimmers hinunter.
Janine und William standen oben am Fenster und beobachteten, wie John aus dem Haus gelaufen kam. Der Postreiter war von seinem verschwitzten Rappen abgestiegen. John lief ihm entgegen.
»Ich habe Post für Madam Law«, sagte der Mann.
John streckte die Hand aus. »Madam ist in der Kirche, und ich bin John, John Law, der Erstgeborene.«
Der Postreiter rührte sich nicht.
John sah ihn grimmig an: »Eines Tages werde ich Herr über Lauriston Castle sein, und ich schwöre bei Gott, wenn Sie mir nicht sofort die Post aushändigen …«
Der Postreiter grinste und zeigte eine Reihe brauner Zahnstümpfe: »Bis du Herr über Lauriston Castle bist, schmore ich längst in der Hölle.«
John zog einen Satz Spielkarten hervor. »Dann lass uns spielen. Gewinnst du, kriegst du einen Halfpenny, gewinne ich, gibst du mir die Post.« Beide setzten sich ins Gras.
»Und wo ist dein Halfpenny?«, fragte der Postreiter.
»Gib mir ein Stück Papier«, sagte John.
Der Postreiter zögerte, schließlich kramte er aus seiner Brusttasche ein Stück Papier hervor und reichte es John.
»Also«, sagte John, »ich habe einen Halfpenny, aber ich habe ihn nicht hier, weil er anderweitig gerade ein Geschäft tätigt.Verstehst du? Ich habe den Halfpenny unserer Dienstmagd ausgeliehen, damit er mir Zinsen bringt. Ich besitze ihn, aber nicht in meiner Hand. Damit ich nun trotzdem mit dir ins Geschäft komme, beschließen wir, dass dieses Stück Papier einen Halfpenny wert ist. Du kannst dieses Stück Papier jederzeit bei mir eintauschen. Nur nicht heute.«
Der Postreiter riss die Augen auf und atmete tief durch. Dann biss er sich auf die Unterlippe und sah den jungen John Law an: »Nun gut.Wie heißt dieses Spiel?«
Oben im Turmzimmer standen Janine und William am Fenster und verfolgten die seltsame Szene. »Die spielen tatsächlich Karten«, sagte Janine und schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ja«, murmelte William und schaute ungläubig auf Janines nackten Po. Und es war ihm, als würde der Po seinen Blick erwidern. »Ja«, wiederholte William und riss sich von dem Anblick los. »Madam sagt immer, der liebe Gott hat John das Talent für die Mathematik geschenkt, aber der Teufel hat ihm den Wunsch gegeben, dieses Talent sinnlos zu vergeuden.«
»Er hat nur von Post für Madam gesprochen«, sagte Janine leise.
»Das ist gut so«, murmelte William, »Post für Madam heißt, dass alles gut verlaufen ist. Sonst wäre auch Post für John dabei, als Abschiedsbrief …«
Auf dem Hof legten der Postreiter und John Law die Karten ins Gras. John zog noch eine Karte und sagte dann: »Bedient.«
»Zwei Buben«, sagte der Postreiter.
John legte seine zwei Karten offen hin und stand auf. Er hatte zwei Damen. »Und jetzt her mit dem Brief.«
Der Postreiter starrte benommen auf die Karten auf dem Boden, sah noch einmal die Karten in seiner Hand an und warf sie dann verächtlich zu den anderen. Mit einem Seufzen erhob er sich, ging zu seinem Rappen und holte einen braunen Umschlag aus der Satteltasche. John riss ihm den Brief aus der Hand und wollte zurück zum Haus eilen. Doch der Postreiter hielt ihn auf.
»Ach, da fällt mir ein …« Der Mann bleckte wieder grinsend die fauligen Zähne. »Für einen gewissen John Law hätte ich auch noch einen Brief …«
John stockte der Atem. Langsam kam er zurück, trat auf den Postboten zu. Er spürte, wie seine Beine schwer wurden wie Rohre aus Blei. Noch ein brauner Umschlag aus Paris. Mit dem roten Siegel des Vaters.
 
Die Herbststürme der vergangenen Wochen hatten den Apfelbaum im Innenhof auseinander gerissen und zu Fall gebracht. Man hatte ihn im Gras liegen lassen. Die beiden Brüder saßen auf dem modernden Stamm.William stocherte mit einem Strohhalm in der lockeren Baumrinde. Er jagte eine Ameise.
»Liebst du sie?«, fragte er leise, ohne dabei seinen Bruder anzusehen.
John starrte noch immer auf die beiden Briefe in seiner Hand. »Janine?Wir amüsieren uns. Sie sagt, niemand will geliebt werden. Die Leute in den Pariser Salons würden sich einfach amüsieren. Manchmal würden sie sich begehren, aber nicht lieben. Die Liebe tauge nicht zum Überleben. Nur das Geld.«
William zuckte die Schulter. »Denkst du, dass sich unsere Eltern geliebt haben?«
John warf seinem Bruder einen raschen Blick zu.Wahrscheinlich war ihm gar nicht aufgefallen, dass er in der Vergangenheitsform gesprochen hatte.
»Sie haben sich miteinander verbündet. Gegen den Tod, gegen die Unbilden des Schicksals. Sie waren Verbündete. Vielleicht ist das sogar mehr als Liebe.«
»Und wieso öffnest du den Brief nicht?«
»Er ist für Madam, deshalb öffne ich ihn nicht.«
»Du lügst«, sagte William leise, »ich habe dich vom Turmfenster aus beobachtet. Der eine Brief ist für dich. Ich war dabei, als Vater die beiden Briefe geschrieben hat. Er sagte...« Williams Stimme versagte. Beschämt senkte er den Kopf.
John schloss die Augen. Der Schmerz schnürte ihm die Kehle zu. Er spürte, wie ihm Tränen in die Augen schossen. Nach einer Weile schaute er zum Himmel empor und sah all die großen Wolken, die sich wie weiße Giganten über Lauriston Castle hinwegwälzten. Es war, als würde die Seele aus den Gemäuern von Lauriston Castle entweichen und nur noch einen Haufen Steine hinterlassen. Plötzlich schien alles so groß um ihn herum. Er kam sich vor wie die kleine Ameise, die sein Bruder im Spalt der aufgebrochenen Rinde gejagt hatte. Plötzlich fühlte er sich so allein auf Lauriston Castle. Was hätte er darum gegeben, noch einmal mit seinem Vater sprechen zu können. In diesem Moment hörte John, wie William laut aufschluchzte. Er nahm seinen Bruder sanft in den Arm. William ließ es geschehen.
»John, du weinst ja!«, jammerte William, der zu seinem älteren Bruder aufsah. Und tatsächlich rannen jetzt Tränen über Johns versteinerte Miene.
»Das ist einfach so«, sagte John leise, »wie ein Fass, das das Schicksal angestochen hat. Und irgendwann ist es leer.«
»Und was geschieht dann mit dem Fass?«, fragte William. John gab keine Antwort. In der Ferne hörte man das Nahen einer Kutsche.
Als Madam Law auf den Hof fuhr, fiel ihr Blick sofort auf ihre beiden Jungen, und wie sie dort auf dem umgestürzten Baumstamm beisammensaßen, war ihr sofort klar, was geschehen war. Nachdem die Kutsche gehalten hatte, half der Kutscher ihr beim Aussteigen. Janine kam aus dem Haus gerannt und warf sich heulend in die Arme von Madam. Und Madam dachte an all die Kinder, die sie in den letzten Jahren verloren hatte, und an ihren Ehemann William Law, der ihr immer treu zur Seite gestanden hatte, der sie stets geehrt und geachtet hatte, und sie dachte daran, dass er ein guter Ehemann gewesen war, und als sie hochsah und die monumentale Fassade von Lauriston Castle erblickte, fühlte sie eine unsägliche Müdigkeit über sich hereinbrechen. Sie sah ihre beiden Jungen, wie sie hilflos zu ihr aufschauten. Sie musste es durchstehen, den Kindern zuliebe. Noch konnte sie nicht gehen. Sie wurde noch gebraucht in dieser Welt. Noch ein paar Jahre. Dann wären William und John alt genug, um für ihre kleinen Schwestern zu sorgen. Dann würde sie gehen können, endlich, heim zu ihrem Mann. Heftige Krämpfe erfassten ihren Körper. Sie weinte lautlos, während sie diesen grausamen Gott verdammte, der weder Liebe noch Mitleid kannte und sich an dem Leid der Menschen weidete da unten auf der elenden Erde, einer Erde, die von blutigen Kriegen gepflügt, von Pestepidemien gedüngt und von Sintfluten gewässert wurde. Und plötzlich empfand sie unbändigen Zorn gegen William Law, der sich auf einem Pariser Operationstisch so einfach aus diesem Elend davongestohlen hatte.
 
Eine Krähenschar zog über Lauriston Castle. Ein Hund streunte über den leeren Vorplatz. Das Anwesen wirkte leer, wie ausgestorben. Irgendwo hallte eine Stimme wider, tief im Innern der Gemäuer. Dann war es wieder still. Den Steinsims vor dem Turmzimmer hatte ein Krähenpaar für sich eingenommen. Das Zimmer wurde nicht mehr benutzt.
 
Friedhöfe waren Stätten des Trostes für Jean Law. Die Gräber sprachen zu ihr in einer klaren Sprache: Schau her, wir sind schon hier. Wir haben es hinter uns. Der Tod mag ungerecht sein, aber es ist, wie es ist. Nimm es hin oder geh vor Kummer zugrunde. Was einmal war, ist für immer vorbei.
Jean Law ließ ihren Blick über das Gräberfeld schweifen. Sie weinte nicht mehr. Sie fühlte sich nur noch schwach und müde. Unendlich müde. Ihr ganzer Körper schmerzte. Jeder Muskel schien verhärtet, jedes Gelenk verrenkt, jedes Organ entzündet. Der trockene Mund, der Kloß im Hals, die Faust im Magen. Weinen, ohne noch Tränen zu vergießen. Weinen, ohne dass die Lippen bebten. Sie kannte diese Gefühle. Sie wusste, dass sie es überleben würde. Aber mehr würde sie nicht verkraften können. Und auch das dachte sie jedes Mal. Und das Schicksal legte noch einen Scheit nach und ließ die Flamme des Schmerzes noch stärker lodern.
Sie ertrug es. Sie ertrug es mit Würde. Sie wusste, dass sie das, was geschehen war, nicht ändern konnte. Sie würde sich ändern müssen, um mit der neuen Situation fertig zu werden. Sie versuchte, an andere Dinge zu denken. An einfache Dinge. Sie brauchten noch Obst für den Winter. Und den umgestürzten Baum draußen im Hof wollte sie zersägen, spalten und im Trockenen stapeln lassen. Für den Winter.
William klammerte sich mit beiden Händen an ihrem Arm fest. Er war mit seinen elf Jahren noch ein richtiges Kind. John hingegen wirkte sehr gefasst. Als sei er sich bewusst, dass ihm das Schicksal über Nacht eine neue Rolle zugeteilt hatte, stützte er seine Mutter und küsste sie jetzt sanft auf die Schläfe. Liebevoll hielt er ihre rechte Hand, als könne er auf diese Weise etwas von seiner ungestümen Energie auf die leidende Witwe übertragen.
Es waren viele Menschen gekommen, um William Law, dem Geldwechsler und Münzprüfer der Stadt Edinburgh, die letzte Reverenz zu erweisen, angesehene Bürger und Zunftmeister, Vertreter des schottischen Parlaments sowie der schottischen Krone.
Auf den Bäumen hinter den Friedhofsmauern saßen junge Burschen und reckten die Hälse. Man sah nicht alle Tage, dass der Tod so viele hübsche Gewänder auf einem Fleck vereinte, und so manch einer der schaulustigen Bürger von Edinburgh erinnerte sich an jene noch viel pompösere Zeremonie vor vier Jahren, als James, der Bruder des Königs, der Duke of York, zum schottischen Vizekönig ernannt worden war. Mit ihm war die Stadt über Nacht in eine fremdartige neue Zeit katapultiert worden. Die engen Straßen waren jetzt des Nachts von Laternen hell erleuchtet. An allen Ecken und Enden gab es moderne Kaffeehäuser. Internationale Handelsorganisationen hatten sich hier niedergelassen. Prunkvolle Gärten und schlossartige, herrschaftliche Anwesen waren entstanden. William Law war zwar kein schottischer Vizekönig, doch sein Begräbnis wurde der grassierenden Prunksucht durchaus gerecht. Ein Strahl des sagenumwobenen Sonnenkönigs schien vom fernen Versailles bis nach Edinburgh zu leuchten. Und keinen der Anwesenden schien es groß zu stören, dass der Sarg leer war und der Leichnam in Paris ruhte.
Der Bischof von Edinburgh hatte die Trauergemeinde, die sich in der Thronkirche versammelt hatte, ermahnt, nicht zu verzweifeln in dieser Stunde der Trauer, sondern auf Gottes Ratschluss zu vertrauen. John Law schüttelte bitter den Kopf, als sie jetzt vor der Grabstelle angekommen waren und der Sarg in die Grube gelassen wurde. Er fragte sich, worin der Sinn bestehen sollte, Menschen das Leben zu schenken und es ihnen dann auf so grausame Weise wieder zu nehmen.War Gott ein Kartenspieler, der mit dem Leben der Menschen nur spielte? War Gott ein Zyniker ohne Skrupel, ein Sadist ohne Moral? Oder doch bloß ein Sonnenkönig der Fantasie?
John sah zu seiner Mutter. Jean Law hatte die Augen fest geschlossen und schien kaum zu atmen. Als der Sohn mit ihr ans Grab treten wollte, rührte sie sich nicht von der Stelle.Wie zur Salzsäule erstarrt, dachte John. Schließlich öffnete seine Mutter die Augen. Sie sah ins Leere und hauchte nur: »William.« Dann schwanden ihr die Sinne.
 
Vier Tage später saß John Law zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder im ersten Stock des Hauses von Notar Roxburghe. John saß beim Fenster. Der Notar ließ auf sich warten. Sein Haus lag im Viertel der Zünfte, dort, wo die Kneipen und Spelunken sich aneinander reihten und die Geschäftsabschlüsse mit großen Bierhumpen besiegelt wurden. William Law hatte seinen Sohn John oft in diese Gegend mitgenommen. John hatte unzählige Gespräche und Verhandlungen miterlebt, und sein Vater hatte ihm anschließend erklärt, wieso er dieses gesagt und getan oder jenes verschwiegen habe. Sein Vater sagte stets, dass es zwei Geheimnisse gebe auf der Welt, das Geld und die Liebe.Von der Liebe verstehe er nicht viel, aber das Wesen des Geldes, das habe er begriffen. Geld, sagte er stets, sei nicht das, was die Leute dafür hielten, wenn sie das Metall einer Münze wogen. Was wäre sonst ein Schuldschein wert? Nicht mehr als das Papier? Es gebe eine Währung, erklärte ihm sein Vater dann lächelnd, die allein auf Vertrauen basiere. John Law fand diese Vorstellung aufregend. Er liebte solche Gedankenspiele. Nachzudenken über die Unendlichkeit etwa oder darüber, was gewesen sein mochte, bevor irgendetwas geworden war.
Ein Geräusch aus dem Nebenraum unterbrach Johns Träumereien. Jemand hatte einen Wind abgehen lassen, laut wie ein Posaunenknattern. William kicherte vor sich hin und sah seinen Bruder an. John lächelte schwach zurück. Dann sah er auf die Straße hinunter. In wenigen Minuten würde er sich John Law of Lauriston nennen dürfen. Noch konnte er es nicht recht fassen. Unten auf der Straße schaufelte ein Mann einen Haufen Exkremente von der Eingangstür eines Kaffeehauses weg. Er schob den Dreck einfach ein paar Meter weiter. Edinburgh sah aus, als hätte ein unflätiger Gott jahrelang auf die Stadt gekotet. Wo man hinsah, lagen die Haufen herum.Vor einigen Monaten hatte ein englischer Rechtsanwalt, ein gewisser Joseph Taylor, einen schottischen Ladenbesitzer verklagt, weil er beim Verlassen seines Geschäfts in Kot ausgeglitten war und sich den Arm gebrochen hatte. »Jede Straße«, hatte er im Gerichtssaal von Edinburgh geschrien, »jede Straße von Edinburgh bezeugt die Verkommenheit ihrer Bewohner. Die Stadt ist ein einziger Abort.« Die Buhrufe der Zuschauer hatten ihn zum Schweigen gebracht. Der Auftritt des englischen Juristen hatte noch wochenlang die Gemüter erregt und aufs Eindrücklichste demonstriert, dass eine Vereinigung der englischen und der schottischen Krone ein Ding der Unmöglichkeit war. Aber in der Tat stank die Stadt zum Himmel, und viele Menschen verließen die Häuser nur mit parfümierten Tüchern vor Nase und Mund.
Endlich öffnete sich die Tür des Nebenzimmers, und Notar Roxburghe betrat den Raum. Er wirkte blass und erschöpft. Er stank nach Kot. In Händen trug er ein Aktenbündel, das er auf den wuchtigen Eichentisch fallen ließ. Dann ließ er sich in ein ebenso wuchtiges Sitzmöbel sinken.
»Madam Law«, begann er, »ich möchte zunächst erklären, dass Ihr verstorbener Ehemann William Law in seinem Beruf sehr umfangreiche und komplizierte Finanzgeschäfte getätigt hat. Er war schließlich nicht nur der bedeutendste Finanzier des schottischen Viehhandels. Er handelte auch mit Schuldscheinen und Wechseln. Er nutzte diese als Zahlungsmittel … Ich weiß nicht, inwieweit Ihnen das alles bekannt ist?«
»Mein Mann und ich …«, sagte Jean Law und hielt eine Weile inne. »Mein Mann hat mit mir sehr wohl über seine Geschäfte gesprochen.«
Der Notar nickte ungeduldig, benetzte seine trockenen Lippen mit der Zungenspitze, die voller Abszesse war. »Es gibt einige ausstehende Forderungen in geringer Höhe, aber auch ein beachtliches Guthaben in Höhe von über fünfundzwanzigtausend Pfund, das Ihr verstorbener Ehemann …«
Jean Law unterbrach den Notar. »Wer sind die Schuldner?«
Der Notar verlas eine Liste mit Namen, und Jean erblasste. Der gesamte schottische Adel war darunter, die Dundonalds, die Argylls, die Burghlys, die Hamiltons, Seaforths, Mars … Auch Notar Roxburghe war in der Schuldnerliste aufgeführt. Jean Law wusste genug über Finanzgeschäfte, um zu verstehen, dass es Jahre dauern würde, um diese Schulden einzutreiben. Fünfundzwanzigtausend Pfund war eine stolze Summe, verdiente ein guter Handwerker doch gerade mal drei Pfund im Monat. Fünfundzwanzigtausend Pfund, das waren rund siebenhundert Jahreslöhne eines Handwerkers. Jean Law warf einen Blick auf John, als wolle sie sich seiner Hilfe versichern. In gewissem Sinne war er schon ein Mann, groß gewachsen und selbstbewusst und von einem Äußeren, das beim weiblichen Geschlecht Begierde und Leidenschaft erweckte. Aber andererseits war er doch immer noch ein Junge. Insgeheim befürchtete Jean Law, dass ihr Sohn John zum Umgang mit Geld nicht geeignet wäre. Er liebte schöne Dinge, schöne Kleider, pflegte galante Umgangsformen und Manieren. Er liebte das Kartenspiel und die langen Nächte. Er war auf dem besten Wege, ein wahrer Beau zu werden. Und das machte Jean Law durchaus Sorgen. Denn sie wusste, wenn sie heute diesen Raum verließ, war ihr Sohn John ein reicher Mann. Er würde Geld haben, aber noch nicht die Reife, es klug zu verwenden.
Der Notar begann, das Testament des Verstorbenen vorzulesen. Die gerade erst erworbene Besitzung von Lauriston Castle und die Pachteinnahmen sollten zu gleichen Teilen seiner Ehefrau Jean Law und seinem ältesten Sohn, John Law, zustehen. John sollte den Titel »of Lauriston« tragen, außerdem den Spazierstock mit Goldgriff erhalten, das Statussymbol der schottischen Bankiers. Der Stock wurde nach dem Willen des Verstorbenen in der Pariser Charité verwahrt. Er sollte John eines Tages persönlich in Paris übergeben werden. »Sie wissen, was auf dem Griff eingraviert ist«, wandte sich der Notar jetzt an John. »Non obscura nec ima. Weder unbedeutend noch gering.« Der Notar sah John eindringlich an. »Erweisen Sie sich dem Familienwahlspruch der Laws würdig, John. Ihr Vater hat es so gewünscht. Er begleitet Sie und Ihren Bruder William auf Ihrem weiteren Lebensweg.«
William schaute wütend zu seinem älteren Bruder hinüber. Er hasste seinen Vater dafür, dass er John die Hälfte von Lauriston Castle überschrieben hatte. Er hasste den Gedanken, dass er fortan in den Gemäuern seines Bruders wohnen sollte. Jean Law spürte einen Stich in ihrem Innern. Zwölf Kinder hatte sie ihrem Mann geboren. Sie hatte ihm stets gedient und ihn geehrt. Und jetzt wurde sie auf die gleiche Stufe gesetzt wie John, der zwölfjährige Stammhalter. Der Notar las und las. Jean Law überraschte sich dabei, dass sie gar nicht mehr zuhörte. Sie versuchte, sich auf die Worte des Notars zu konzentrieren. Der verstorbene William Law hatte auch einige Zeilen verfasst, die an seine Familie gerichtet waren, die Roxburghe nun verlas. William Law sprach ihnen Mut zu. Er lobte seine Söhne. Vermerkte, dass er besonders stolz sei auf seinen Sohn John. Er strich dessen Begabung im Umgang mit Zahlen heraus, aber auch im Umgang mit seinem Degen …
»Er bumst das Hausmädchen«, schnitt ihm der junge William das Wort ab. Er schien selbst erstaunt über seine vorlaute Art und blickte betreten zu Boden. Seine Mutter sah streng auf ihn herab.
»Ihr Vater meinte selbstredend die erfreulichen Fortschritte im Fechtsaal«, sagte der Notar und wollte weiterlesen. Doch William ließ nicht locker.
»Er treibt es mit der Dienstmagd im Turmzimmer«, grummelte er trotzig.
John blieb gelassen. Schließlich hatte Janine ihm häufig genug erklärt, was es hieß, die Contenance zu wahren.
»Mein Bruder William ist enttäuscht, dass ich Lauriston Castle erbe, er hingegen nur den Vornamen meines Vaters.«
William wollte wutentbrannt aufspringen, aber seine Mutter hielt ihn zurück.
»Fahren Sie bitte fort«, sagte John, als wolle er allen demonstrieren, wer der neue Herr auf Lauriston Castle war.
Der Notar räusperte sich kurz, justierte die Distanz des Dokuments zu seinen Augen und fuhr fort. William Law lobte also die vortrefflichen Eigenschaften seines Erstgeborenen, äußerte aber auch Sorgen. Er befürchtete, John könne mit seinem angeborenen Übermut und Leichtsinn seine guten Gaben frühzeitig vergeuden. Er wünschte deshalb, dass sein Sohn vor sich selbst geschützt werde und dass man ihn in ein Internat fern von den Verlockungen der Großstadt bringe, nach Eaglesham in Renfrewshire.