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LEVIATHAN

Tim Curran

übersetzt von

Nicole Lischewksi

This Translation is published by arrangement with SEVERED PRESS, www.severedpress.com

Title: LEVIATHAN. All rights reserved. First Published by Severed Press, 2013. Severed Press Logo are trademarks or registered trademarks of Severed Press. All rights reserved.

8

Am Abend im Bluefin saß Johnny alleine in seiner kleinen Ecke an der Bar, schlürfte Margaritas und dachte nach, dachte nach, bis es schien, als ob sein Hirn ihm zu den Ohren herausschäumen würde. Was er über Wissenschaft und Paläontologie und Zeitkrümmungen wusste, hätte er in einem Fingerhut umhertragen können. Wenn er dem hier nachginge, dem richtig nachspürte, dann würde er mit jemandem sprechen müssen, der sich mit solchem Kram auskannte. Aber bevor er das wagte, würde er erst etwas in der Geschichte von North Beach herumwühlen müssen. Wenn er mit einer Seeschlangenstory zu einem Experten ginge, würde er ausgelacht werden.

Er würde Beweise brauchen.

Eindeutige, fotografische Beweise.

Aber wegen solchem Scheiß bin ich nicht hier, sagte er sich. Ich bin hergekommen, um mich auszuruhen, zu schwimmen, mich zu betrinken, Frauen aufzugabeln. Ich hab seit fast acht verdammten Jahren keinen Urlaub gehabt. Ich bin nicht hier, um das Geheimnis von North Beach oder den unbekannten Knochen herauszufinden.

Daraufhin musste er lächeln, denn es erinnerte ihn an die Hardy-Boy-Krimis, die er als Kind gelesen hatte. Sie trugen immer Titel wie Das Geheimnis des grinsenden Totenkopfes oder Das Geheimnis der Piratenbucht. Und in Erinnerung dessen hatte er jetzt einen neuen Titel für die Serie: Das Geheimnis der Knochen am Strand. Dazu gab es ein paar Begleitgeschichten: Das Geheimnis des verängstigten Bullen und Der Terror von North Beach.

Er musste an Costello denken. Der war kein schlechter Typ, was Bullen anging. Sein Job auf einer Touristeninsel wie dieser war es, den Frieden und die Sicherheit der Menschen zu bewahren. Und so hatte er alles getan, was er konnte, um Johnnys Interesse von North Beach abzulenken. Seine Story, dass die Knochen die Überreste eines ertrunkenen Schwimmers waren, dessen Leiche gnadenlos von den Felsen zerschlagen und von den Krabben abgeknabbert worden waren, klang fast logisch.

Aber dann hast du die Seemonster gesehen.

Ja, das war's. Es hieß immer noch nicht, dass Costello falsch lag. Die Kreatur, die Johnny da draußen gesehen hatte, besaß riesige Krokodilkiefer. Wenn sie dafür verantwortlich wäre, hätte sie die Knochen in Splitter zertrümmert.

Zugegeben, dachte er. Aber Costello verheimlicht immer noch etwas. Er muss wissen, was da draußen vor sich geht. Vielleicht hat er es sogar gesehen. Wie auch immer, er ist verdammt verängstigt und ehrlich gesagt, kreide ich ihm das nicht an.

Johnny begann sich zu fragen, was er wohl getan hätte, wenn eines dieser Viecher sich entschieden hätte, wie Godzilla aus dem Wasser zu schlurfen (was ein passender Vergleich schien). Er nahm an, dass er sich in die Hose geschissen und geschrien hätte. Und gerade bevor das Monster seine Eingeweide wie Piment aus einer Olive gelutscht hätte, würde er nach seiner Mutter geschrien haben.

Seufzend trommelte er seine machtlosen Finger gegen die Bar, sah sich nervös um. Überall waren gutaussehende, sonnengebräunte Pärchen. Der Alkohol floss. Teller voller Meeresfrüchte machten die Runde. Die Leute lachten und sangen die Jimmy-Buffet-Songs aus der Jukebox mit. Ihm wurde übel davon. Das hier war nicht sein Milieu.

»Hey, Nate!«, rief er. »Haben Sie mal eine Minute?«

Der Barmann kam herüber. Er trug eine rote Weste und ein plissiertes Hemd, sah ganz wie ein Barmann aus. Sein gutaussehendes schwarzes Gesicht hatte nur den Makel einer weißen Narbe, die über seine Stirn verlief. Das Resultat eines Fischhakens, hatte er erzählt.

»Ich hab mehr Zeit als Geld, Mister …«

»Johnny.«

»Ach ja, Johnny. Ich vergesse das immer wieder. Warum essen Sie nichts? Bessere Muscheln finden Sie nirgendwo auf der Insel.«

»Nein, ich hab keinen Hunger. Was ich brauche, sind Informationen.«

»Dafür bin ich der Richtige.«

»Leben Sie schon lange auf Seagull Island?«

Er lächelte breit. »Zum Teufel, ja. Ich bin hier schon mein ganzes Leben lang. Bin noch nie von diesem Felsen runtergekommen. Hat mich nie interessiert, wegzugehen.«

»Dann kennen Sie sich mit den lokalen Ereignissen aus.«

Er zuckte die Achseln. »Wenn die Touristen weg sind, ist bloß noch eine Handvoll von uns übrig. Ich kenne alle schmutzigen Geschichten. Was wollen Sie wissen?«

Johnny zögerte. Er musste vorsichtig sein; wollte nicht wie irgendein Übergeschnappter klingen, ein Fox-Mulder-Typ, der hinter UFOs und Seeschlangen herjagte. Er räusperte sich. »Hat es hier jemals Haifischattacken gegeben?«

Nate schüttelte den Kopf. »Nein. Nicht, dass ich wüsste. Die Fischer bringen von Zeit zu Zeit ein paar Hammerköpfe rein. Ein paar Langnasen- oder Schwarzspitzenhaie. Keiner davon groß genug, um Ärger zu machen.« Er lächelte. »Ich glaube, Haie fressen von Zeit zu Zeit mal Menschen, doch hauptsächlich im Fernsehen, oder? Aber nicht hier auf Seagull. Unsere Haie sind nur zur Zierde da.« Er zwinkerte. »Denen gefallen die Touristendollar genauso wie uns allen.«

Johnny lächelte. »Ja, das hab ich mir gedacht. Und wie ist es mit einem Ort namens North Beach. Kennen Sie den?«

Nate zuckte die Achseln. »Klar. Ist allerdings abgezäunt, der ist für alle verboten. Viele Schwimmer sind im Brandungsrückstrom ertrunken. Da sollten Sie nicht hingehen.«

»Ich bin heute da gewesen.«

»Wenn die Bullen Sie erwischen, werden Sie Probleme bekommen.«

Jetzt musste Johnny grinsen. »Das glaub ich Ihnen. Sind dort viele Schwimmer verschwunden?«

»Ja, denke schon. Ist bereits abgesperrt, seit ich ein Kind war. Bin da noch nie gewesen.«

»Noch nie?«

»Nein, Sir.«

»Sagen Sie mir doch mal was. Nur so zwischen uns und diesem Tresen«, bedeutete Johnny mit einem verschwörerischen Glänzen in seinen Augen. »An dem Ort muss doch noch mehr dran sein außer dem Brandungsrückstrom. Gibt es … gibt es eine Geschichte über den Strand?«

Nate starrte ihn nur an. »Natürlich gibt es die. Aber von mir werden Sie den Müll nicht hören. Das hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun, Sie verstehen schon, Johnny. Aber diese Insel lebt hauptsächlich von Touristen. Meinen Arbeitgebern würde es nicht sonderlich gefallen, wenn ich Ihnen Horrorstorys und dergleichen erzählen würde.«

»So schlimm, ja?«

»Hauptsächlich Tratsch. Altweibergeschwätz, was jeder Ort so hat. In Kleinstädten gibt es das Haus, in dem es spukt, auf einer Insel einen Strand, an dem es spukt, oder einen verwünschten Leuchtturm. Den Leuten wird langweilig und dann denken sie sich Geschichten aus.«

»Ein Strand, an dem es spukt? Am North Beach spukt es?«

»Das hab ich nicht gesagt.«

Johnny lächelte wieder. »Okay, vergessen wir die Gespenster. Wie wärs mit Seemonstern?«

»Wie ich schon sagte, von mir werden Sie diesen Unsinn nicht hören. Ich muss mich ernähren können, oder?«

»Alles klar, Nate. Ich verstehe, was Sie meinen. Aber gibt es hier jemanden, der es mir sagen wird? Sie wissen schon, einen lokalen Geschichtensammler, einen Folkloreexperten. Irgend so jemanden.«

Nate schüttelte den Kopf. »Das ist doch nur lauter Schwachsinn, Johnny. Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit. Trinken Sie was, füllen Sie sich den Magen, tanzen Sie mit einem hübschen Mädchen. Darum geht's im Leben, nicht um Gespenster und Monster. Erfundener Kram ist das.«

Johnny war nicht überzeugt, denn er konnte etwas hinter Nates Augen sehen, etwas Ungesagtes spüren. Für ihn war es wie ein sechster Sinn, wenn Dinge nicht ausgesprochen wurden. »Ich werde Ihnen eine Frage stellen und ich möchte, dass Sie ehrlich antworten. Was Sie sagen, bleibt strikt unter uns.«

Nate zögerte. »Na gut. Solange es zwischen uns bleibt.«

»Das wird es.« Johnny schluckte den Rest seines Drinks. »Haben Sie jemals etwas draußen vor North Beach gesehen? Etwas, das weder ein Hai noch ein Wal war? Etwas Seltsames.«

»Nein.«

»Sind Sie sicher?«

»Sie haben eine Frage gestellt und ich habe sie beantwortet. Bitte, nichts weiter. Sie werden mir sonst Probleme machen.«

»Also gut. Dann geben Sie mir einen Namen. Es muss hier jemanden geben, der davon weiß. Sagen Sie mir einen Namen, Nate.«

»Ich werde mal sehen, was ich herausfinden kann.«

9

Was Johnny am meisten an sich überraschte, war die völlige Akzeptanz dessen, was er gesehen hatte. In seinem Kopf gab es keinen Zweifel und sein üblicher Zynismus hatte ein Beruhigungsmittel geschluckt. Schön und gut, was ihn anging. Seiner Erfahrung nach war die erste Reaktion Verleugnung, wenn Menschen in Büchern oder Filmen auf etwas Übernatürliches trafen, danach eine gesunde Skepsis, gefolgt von den üblichen 0-8-15-Stereotypen, dass es eine Halluzination, ein Traum oder eine Trübung des Verstands war. Aber so ging es ihm überhaupt nicht. Er hatte diese Kreaturen kämpfen gesehen. Er hatte gesehen, wie der Himmel sich seltsam färbte und das Meer grün wurde. Er verleugnete nichts.

Er glaubte.

Aber er wusste, dass andere das nicht tun würden. Vielleicht würden es ein paar auf der Insel glauben (nicht, dass sie es jemals zugeben würden), aber nicht der Rest der Welt. Und das waren die Leute, die er überzeugen müsste, wenn er sich erhoffte, wissenschaftliche Rückendeckung zu bekommen, die Aussage irgendeines Experten, und er war sich verdammt klar darüber, dass er die brauchen würde. In seinem Kopf drehten sich bereits die Rädchen. Er saß auf einer gottverdammten Goldmine. Fotos oder Videos von lebendigen, prähistorischen Tieren würden unbezahlbar sein.

Was, fragte er sich, würde einen Experten überzeugen? Was brauchte es, dass ihn ein Paläontologe unterstützen würde?

Er wusste es.

Hunderte von Leuten behaupteten, einen Yeti gesehen zu haben, aber trotz allem, was die Gläubigen für unbestreitbare Beweise hielten – Gipsabdrücke von Fußspuren, vereinzelte Haare, diverse schrecklich anzusehende Kothaufen, die sich dann meist als die Überbleibsel von Elchscheiße herausstellten –, grinste das wissenschaftliche Establishment nur hämisch und schüttelte den Kopf. Wenn ihr wollt, dass wir euch glauben, dann bringt uns echte körperliche Beweise. Wir wollen einen Kadaver. Nichts, außer einem Kadaver zum Sezieren, wird uns überzeugen. Ja, ja, das war's. Genau so dachten Wissenschaftler. Wenn sie nicht mit einem Messer hineinstechen konnten, dann konnte es auch gar nicht existieren.

Das war der Moment, in dem Johnny begann, über Brandungsangeln nachzudenken.

10

In den nächsten drei Tagen beschäftigte er sich damit, während Hurrikan Amelia die Röcke hob und wild über den östlichen Himmel tanzte. Es gab auf Seagull außer ein paar vereinzelten Regenschauern und einer wütenden Dünung noch keine äußeren Anzeichen, dass der Sturm an Land kommen würde. Die Sonne schien, die Tage waren warm. Trotzdem lag etwas in der Luft und Johnny konnte es spüren. Die meisten Touristen suchten in großer Anzahl das Weite, nahmen die Fähre zurück ans Festland. Die Straßen wurden ruhiger, die Strände fast leer.

Aber nichts davon ließ ihn zögern.

Das Brandungsangeln war eine Kunst und er war entschlossen, die Grundlagen zu lernen. Die Ausrüstung kostete ihn eine Menge, aber wenn die Dinge sich so entwickelten wie er hoffte, würde es eine gute Investition sein. Er probierte es den ganzen Tag lang, bis gegen 19 Uhr die Flut zurückkam. Der Typ im Angelladen hatte ihm gesagt, dass er vor Seagull mit großen Haien, mit allem über zwei Metern, nicht viel Glück haben würde, aber es sei ja seine Zeit und sein Geld. Für die großen Fische, sagte er, benützten erfahrene Brandungsangler normalerweise ein Wassermotorrad oder ein Zodiac-Schlauchboot und fuhren gute 500 Meter oder so hinaus, wo sie ihre Leinen ins tiefe Wasser warfen. Je näher man ans Ufer kam, desto kleiner würden die Fische sein.

In so etwas wollte Johnny nicht investieren.

Er hatte seine eigenen Vorstellungen.

Außerdem hatte er nicht vor, mit den Strömungen und Wellenbrechern vor North Beach Unsinn zu treiben. Er lief an den Knochen vorbei – sie waren immer noch da, obwohl einige fehlten – und umging Felsbrocken und verrottende Dinge, die die Flut dort deponiert hatte, und warf die Angel aus. Er benutzte eine geflochtene Angelschnur an einer 2,15 Meter langen Rute mit einer Penn-Senator-Rolle. Die ersten beiden Tage, bis er geschickter wurde, benutzte er kleine Frauenfischstücke als Köder, hakte sie fest an, und machte dann den Haken an einem starken Vorfach fest und das wiederum an der Schnur selbst.

Seine ersten paar Stunden des Angelauswerfens waren fast umsonst. Er bekam den Köder kaum sieben Meter weit hinausgeworfen. Aber je mehr er übte, desto besser wurde er … obwohl es immer noch nicht leicht war, gegen die Wellen zu kämpfen, die zum Teil über anderthalb Meter hoch waren. Sehr oft wurde sein Köder innerhalb von zehn oder fünfzehn Minuten wieder zurückgespült.

Dann, ganz durch Zufall, ließ er den Köder genau in die Strömung fallen, die ihn in die Tiefe zog. Er hatte über dreihundert Meter Schnur und einige Male gebrauchte er recht viel davon. Sein Fang des ersten Tages beinhaltete zwei Klumpen Seetang, einen halb gefressenen Tintenfisch, der kaum größer als sein Schuh war, und die Überreste einer Angelschnur, deren Blinker so rostig war, dass er seit Jahren da unten gelegen haben musste.

Der zweite Tag war besser.

Er fing zwei Blaubarsche, eine atlantische Umber und eine ganz respektable Flunder. Alle warf er ins Wasser zurück, nachdem er mit der Zange den Haken entfernt hatte. Er hatte ein gutes Gefühl dabei. Noch nie im Leben hatte er gefischt und seine Ausbildung bestand aus ein paar Artikeln, die er im Internet gelesen hatte. Nicht schlecht, sagte er sich. Indem er die Strömung nutzte, funktionierte es ganz gut. Der Typ im Angelladen hatte empfohlen, dass er als Neuling eine Pose benutzen sollte, zumindest bis er lernte, ein Gefühl für den Meeresboden zu entwickeln, aber er hatte auch gesagt, dass die Wellen gerne die Posen erfassten und sie zurück ans Ufer zerrten.

Johnny benutzte keine Posen. Er angelte frohen Mutes, stand in seinem Brandungsanglergeschirr herum, die Rute in den Sand gesteckt, und wartete auf die großen Fische, während er Bier trank, rauchte und Sandwiches aß. Es war keine schlechte Art, den Tag zu verbringen, und es gefiel ihm. All die Jahre hatte er so etwas verpasst. Es war schwer, sich etwas dermaßen Entspannendes vorzustellen.

Aber selbst während er sein neues Hobby genoss, behielt er ständig das Meer und den Himmel im Auge, wartete, wartete ständig darauf, dass die Anomalie sich wieder zeigte und sorgte sich, dass sie es nie wieder tun würde, selbst wenn er für die nächsten hundert Jahre am North Beach herumlungerte.

In der Zwischenzeit kam Hurrikan Amelia näher.

An seinem dritten Tag dort draußen brachen sich die Wellen in knapp zwei Meter Höhe und es wurde windig, Regenschauer kamen immer öfter. Es war nur noch eine Handvoll Touristen da, aber die abgereisten wurden von Hurrikanbeobachtern ersetzt. Die Fähren würden nur noch einen Tag verkehren und der Mann im Hotel hatte gesagt, dass das Barometer zu sinken begann, was stürmisches Wetter bedeutete. Die Inselbewohner verrammelten ihre Häuser und machten sich bereit.

Es war auch am dritten Tag, dass Johnny einige große Blaubarsche, ein paar schöne gestreifte Barsche und einige weitere Flundern fing. Trotz des Wetters machte er Fortschritte. Am Nachmittag gegen 17 Uhr nahm er ein über 30 Zentimeter langes Stück Meeräsche aus seiner Kühlbox und warf es aus, ließ es von der Strömung ins tiefe Wasser tragen. Der Wind, der vom Meer blies, warf Gischt in sein Gesicht und die Wellen liefen durcheinander. Er spürte fast sofort einen starken Ruck und nach zwanzig Minuten Kampf hatte er beinahe einen mehr als einen Meter langen Hai an Land gezogen, der dann aber die Wasseroberfläche durchbrach und fröhlich von dannen schwamm. Johnny befestigte ein neues Vorfach und ein neues Stück Meeräsche und machte weiter.

Die Wolken über ihm waren grau, stahlfarben, türmten sich wütend auf. Sie schienen aufs Meer hinauszuwehen, während eine Masse von zerrissenen schwarzen Wolken gen Land trieb. Der Regen fing wieder an und Blitze zersplitterten den Himmel. Es wurde gefährlich, und Johnny wusste es. Aber ich gebe noch nicht auf, dachte er, noch nicht. Er würde warten, bis der Regen stärker wurde und der Wind wilder.

Blitze zuckten vom Himmel und die See war aufgewühlt und grau; die Flut begann, hereinzudrücken. Dabei bemerkte er, dass der Himmel wieder anders wurde, nicht nur stürmisch, sondern seltsam. Draußen über dem Meer rissen die Wolken an einer eigentümlich rosafarbenen Naht auseinander, die stetig dunkler wurde – rot, wie frisches Blut.

Er spürte wieder das Prickeln in seinem Nacken.

Herrgott.

Es passierte.

Es passierte wieder.

11

Seine Kehle wurde trocken und über seine Arme kribbelte etwas, das sich wie die Entladung von statischer Energie anfühlte. Wieder wurden die Plomben in seinen Zähnen heiß. Er zitterte am ganzen Körper, ihm wurde schwindelig und orientierungslos zumute, sein Magen schien sich mit Fett anzufüllen, bis er das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen. Ihm war brennend heiß, dann eiskalt. Der Speichel in seinem Mund schmeckte warm und süß. Seine Sicht verschwamm, wurde wieder scharf, dann unscharf, und es war genau wie beim letzten Mal – die Farben der Welt so grell, dass sie seinen Kopf fast zum Explodieren brachten.

Und dann …

Und dann ging es vorüber und er starrte auf das mesozoische Meer hinaus, so grün und glitzernd. Ein dünner Nebel trieb über dem Wasser und die Luft fühlte sich feucht und dick an. Der Himmel war gelb, in Rosa übergehend. Die Sonne strahlte heiß. In einem Moment der Panik blickte er hinter sich, hoffte, dass er noch den kaputten Zaun da oben und die Straße dahinter sehen konnte, voller Angst, dass er an diesem schrecklichen Ort außerhalb der Zeit gefangen sein könnte.