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INHALT

Ein Held — über den Tag hinaus

Einleitung

Prolog

Kapitel 1
1940er-Jahre: die Familie

Kapitel 2
Bromley (bis 1953)

Kapitel 3
James Dean, Rock ’n’ Roll, Brom Tech (bis 1963)

Kapitel 4
Jobs, Mods, erste Bands (1964)

Kapitel 5
Marc Bolan, Manish Boys, Lower Third, Buzz (bis 1966)

Kapitel 6
Kenneth Pitt, Tony Visconti, Lindsay Kemp (bis 1967)

Kapitel 7
Hippies, Hermione, Turquoise, Feathers, Calvin Mark Lee (1968)

Kapitel 8
Beckenham Arts Lab (1969)

Kapitel 9
Mary Angela Barnett (1969)

Kapitel 10
Von »Space Oddity« zu Hype (1969–1971)

Kapitel 11
Erstamals in den USA (1971)

Kapitel 12
Von Andy Warhol zu Iggy Pop (1971)

Kapitel 13
Ziggy Stardust outet sich (1972)

Kapitel 14
Ziggy Stardust and The Spiders From Mars
(1972)

Kapitel 15
US-Tour, Aladdin Sane und Pin-ups (1972/73)

Kapitel 16
Diamond Dogs (1973/1974)

Kapitel 17
Vom Starman zum Soulman:
Philly-Dogs-Tour und Young Americans (1974/75)

Kapitel 18
Bowie in L. A. – Station to Station – Iggys Comeback (1975–1977)

Kapitel 19
Neue Sounds dank Brian Eno: Low (1976/77)

Kapitel 20
Mit Iggy in Berlin und auf Tour – »Heroes« (1977/78)

Kapitel 21
Lodger – der Saturday Night Live-Auftritt (1978–80)

Kapitel 22
Scary Monsters
– Schauspielerei & andere Nebenprojekte (1980–82)

Kapitel 23
David Bowie Superstar: Let’s Dance (1982/83)

Kapitel 24
Tonight – Never Let Me DownDie Reise ins Labyrinth (1984–88)

Kapitel 25
Tin Machine (1988–92)

Kapitel 26
Iman – Black Tie White NoiseBuddha of SuburbiaOutside – Bowie-Bonds (1992–97)

Kapitel 27
Earthling
– Bowienet (1997)

Kapitel 28
Hours
 … – Heathen (1999–2002)

Kapitel 29
Reality
– Nach dem Herzinfarkt (2003–2007)

Danksagung

Register

Bildnachweis

EIN HELD — ÜBER DEN TAG HINAUS

Niemand gibt uns eine Chance
Doch können wir siegen
Für immer und immer
Und wir sind dann Helden
Für einen Tag

David Bowie, »Heroes«

David Bowie war nicht nur der erste Popstar, der sich immer wieder neu erfand und so zur stilistischen Ikone von Madonna und Morrissey wurde. Er schaffte es auch, 50 Jahre lang cool zu bleiben und als Musiker, Schauspieler und Künstler bewundert zu werden. Bowie war einer der ersten, die die Möglichkeiten erkannten, die das Internet uns bietet, und ein gewiefter Geschäftsmann, der sich nicht vor den Karren einer Plattenfirma spannen ließ, sondern seine Karriere stets selbst plante. Selbst sein Ableben inszenierte er, indem er sich per Video von seinen Fans verabschiedete und, den bevorstehenden Tod fest vor Augen, »Lazarus« sang, einen Song seines letzten Albums Blackstar, dessen Veröffentlichung er gerade noch erlebte.

Nachdem bekannt wurde, dass er am 10. Januar 2016, zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag, an Krebs gestorben war, glich sowohl der Bürgersteig seines Geburtshauses in London als auch der in der Schöneberger Hauptstraße, wo Bowie drei Jahre lang gelebt hatte, einem Blumenmeer. Die Hauptstraße soll nun in David-Bowie-Straße umbenannt werden, weil er stets ein besonderes Verhältnis zu Berlin hatte.

In der 1976 noch geteilten Mauerstadt hatte er sich von den Strapazen seiner steilen Karriere erholt und nach dem bizarren Leben in Hollywood und all den Drogen und seiner angeblichen Bisexualität wieder zu sich gefunden. Er hatte die Anonymität genossen, in der er sich bewegen konnte, und zugleich in Künstlerkreisen verkehrt, die ihn ebenso verehrten wie die Kids aus den Trabantenstädten. Für die einen war er wegen seiner Androgynität und angeblichen Bisexualität Der Mann, der vom Himmel fiel und die Geschlechtergrenzen aufhob. Und für die anderen der »Starman«, »Ziggy Stardust« oder der »Thin White Duke«; seine Platten waren der Soundtrack von Fixern und Jugendlichen, die keine Zukunft hatten, aber ihrem tristen Dasein entfliehen wollten — und wiesen der Punk-Bewegung den Weg. In Berlin entstand seine Berliner Trilogie, drei Platten, die Kritiker für seine musikalisch wichtigsten Alben halten, Low, »Heroes« und Lodger. Und dort entdeckte er auch sein Faible für den Expressionismus und die Brücke-Maler.

Seine Karriere verdankte David Bowie im Grunde zwei Filmen: Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum und Uli Edels Christiane F. — Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Der erste katapultierte ihn zu den Sternen und machte ihn international bekannt. Und der zweite ließ ihn in Deutschland schier unsterblich werden.

Im Rock-Lexikon hatte man ihm noch 1973 vorgeworfen, »seinen paranoiden Rock’n’Roll mit Reizbildern aus Horror-Shows« zu übersättigen und »sich mit pinkfarbenem Haar, surrealistischem Make-up und bizarrer Kostümierung« wie der Bob Dylan eines Paralleluniversums zu gebärden. Heute haben diese Übersättigung und Bowies Gebärden hingegen Kultcharakter — und das, obwohl er seit gut 30 Jahren Alben veröffentlicht hat, die zwar meistens gut besprochen wurden, an die sich aber schon ein Jahr später kaum noch jemand erinnern konnte. Wenn von David Bowies Musik die Rede ist, spricht man von seinen Songs aus den Siebzigerjahren, von »Space Oddity« und »Suffragette City«, »The Jean Genie« oder »Rebel Rebel«, aber nur selten von all den Alben, deren Titel man längst wieder vergessen hat. Seit seinem stadionkompatiblen Hit »Let’s Dance«, der ihn auch finanziell zum Superstar machte, schieden sich die Geister, was seine Musik betraf. Obwohl seine besten Platten Jahrzehnte zurücklagen, kontastierte ihm aber jeder, die Popmusik so maßgeblich verändert zu haben wie Andy Warhol die Kunst. Da lag es nahe, dass das Londoner Victoria-and-Albert-Museum seinem Leben und Werk eine große Ausstellung widmete, die auch im Berliner Gropius-Bau zu sehen war, und der New Yorker Musikjournalist Marc Spitz 2007 die hier vorliegende Biografie über David Bowie verfasste, bevor es zunehmend leiser um ihn wurde und er sich Schritt für Schritt aus der Öffentlichkeit zurückzog.

Wie bewusst David Bowie von seinem Leben Abschied nahm, wird erst im Rückblick deutlich. Nach einem Herzinfarkt gab er keine Konzerte mehr, schrieb und produzierte aber weiterhin neue Songs und Alben. Statt im fortgeschrittenen Alter noch immer den Rock’n’Roll-Rebellen zu geben, alterte er in Würde. Mit seiner düsteren, trüben Eloge »Where Are We Now« verarbeitete er 2013 seine Berliner Zeit. Dass er Krebs hatte, behielt er achtzehn Monate lang für sich. Die Nachricht sickerte auch nicht durch, als er nach der Premiere seines Musicals Lazarus, einer Adaption von Nicolas Roegs Film Der Mann, der vom Himmel fiel, hinter der Bühne zusammengebrochen war.

Ein Leben ohne David Bowie — das konnte sich niemand vorstellen. Bowie gehörte dazu wie die Plateaustiefel und die Karottenfrisur zu seinem Outfit in den Siebzigern. Ob in Jackett mit Krawatte oder in Jeans und Baskenmütze, stets hinterließ er einen bleibenden, wenn auch zunehmend unauffälligen und eher an einen Gentleman denn einen Popstar erinnernden Eindruck. Und dass er es gleich zweimal abgelehnte hatte, von Queen Elizabeth II. zum Ritter geschlagen zu werden, weil er sein Leben lang nicht gearbeitet habe, um in den Adelsstand erhoben zu werden, imponierte allen, die in ihm mehr sahen als nur einen Musiker. So wird er seinen Fans als jemand in Erinnerung bleiben, der anders war als alle anderen. Als jemand, der vormachte, wie man sein Leben selbst inszeniert und sich eine neue Identität verschafft, statt sich mit seinem Dasein abzufinden, in das man hineingeboren wurde, und ein tristes Leben zu führen, von dem man nur durch den Tod erlöst wird.

Dass er bei aller Selbstinszenierung kein Kind von Traurigkeit war, zeigte sich 1977, als er gemeinsam mit Iggy Pop, dessen Album Lust For Life er produziert hatte, zu Gast in der amerikanischen TV-Show Dinah’s Place war. Als Iggy Pop, mit dem er in Berlin zusammengewohnt und dessen Karriere er wieder in Gang gebracht hatte, von der Moderatorin interviewt wurde, kämpfte Bowie mit den Tränen und versuchte verzweifelt, nicht laut loszuprusten. Auslöserin des plötzlichen Lachanfalls war Dinah Shore, die den Vater aller Punkrocker gefragt hatte: »Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man in Glasscherben herumkriecht?«

Hollow Skai

EINLEITUNG

Die Idee stammt nicht einmal von mir. Ich saß mit meinem Agenten in der berühmten, mittlerweile jedoch dichtgemachten Cedar Tavern am University Place in New York, wo sich Maler, Komponisten und Autoren einst die Klinke in die Hand gaben. Wir sprachen darüber, was für ein Buch ich als Nächstes schreiben könne. Mein ganzes Leben war vom Rock ’n’ Roll bestimmt, und als Twen hatte ich auch eine Menge über Rock ’n’ Roll geschrieben; und nun mit Ende 30 ging es mir darum, das alles noch ein bisschen besser zu verstehen. Bei meinem nächsten Projekt sollte es deshalb unbedingt um etwas Bedeutsames gehen. Es war Frühjahr 2006, und ich hatte gerade die recht anspruchsvolle Biografie über das kalifornische Punk-Trio Green Day zum Abschluss gebracht. Die Zeitschrift Spin, bei der ich als leitender Redakteur gearbeitet hatte, hatte mir im März gekündigt, fast neun Jahre nachdem das Blatt zum ersten Mal verkauft worden war und eine regelrechte Schlammschlacht unter den Mitarbeitern stattgefunden hatte. Bis dahin hatte ich immer nur als Musikjournalist gearbeitet und daher noch nie zuvor an einem beruflichen Scheideweg gestanden.

Tatsächlich dachte ich selbst weniger über ein neues Buch nach als darüber, New York City den Rücken zu kehren, um nach Süd-Vermont zu ziehen, eventuell auch nach New Mexico, und mir einen Job in einem Indie-Plattenladen oder einem Hamburger-Schnellrestaurant zu suchen. Ich vermute, mein Agent wusste, dass Interesse an einem Bowie-Buch bestand. Es besteht immer Interesse an einem Bowie-Buch, darum gibt es inzwischen auch drei oder vier Dutzend davon – deren Qualität sehr unterschiedlich ist und die teils auch vergriffen sind –, auf jeden Fall zu viele, könnte man meinen, weswegen ich zunächst auch ablehnte, ein weiteres zu schreiben. Einige Bowie-Bücher sind wirklich hervorragend, etwa David Buckleys Strange Fascination, das 2001 erschien. Ich hatte mehrmals per E-Mail Kontakt mit Buckley und er war sehr freundlich und ermutigend. Des Weiteren gibt es das absolut einzigartige Werk Alias David Bowie von Peter und Leni Gillman. Es ist das peinlichst genau recherchierte und penibelst gemachte Bowie-Buch, das je geschrieben wurde; ein unbezahlbares Kleinod für jeden Bowie-Fan und selbstverständlich auch für jeden, der selbst ein Buch über Bowie schreiben möchte, auch wenn es – anders als Buckleys Publikation – seit seiner Veröffentlichung 1986 nicht mehr aktualisiert wurde. Später habe ich zu den Gillmans Kontakt aufgenommen, und sie halfen mir durch Ratschläge, ihr Einfühlungsvermögen und ihre freundliche Teilnahme. Ihr Buch und die hervorragende Sammlung In Other Words  …  David Bowie, eine Auswahl von Zitaten aus ein paar Capital-Radio-Interviews, die Kerry Juby geführt hatte, waren vor allem dann eine unschätzbare Quelle für mich, wenn es um Zeitzeugen ging, die inzwischen verstorben sind, die sich nicht äußern wollen oder einfach nicht ausfindig zu machen sind. Dass Bowie selbst eine Autobiografie mit dem angeblichen Titel The Return of the Thin White Duke schreibe (benannt nach der Anfangszeile seines 1976er Songs »Station to Station«), wird seit Jahren kolportiert, aber entweder ist seine Honorarforderung zu hoch oder es handelt sich um einen Bluff; möglich ist auch, dass das Buch zwar in Arbeit ist, aber ebenso wie Bob Dylans Chronicles. Volume 1 erst dann erscheinen wird, wenn die Zeit dafür reif ist. Was auch immer davon zutreffen mag, das Buch gibt es jedenfalls nicht. Und abgesehen von dem Begleittext zu Mick Rocks faszinierendem, aber ausschließlich auf die Glamrock-Epoche beschränkten Bildband Moonage Daydream, hat weder Bowie selbst auch nur eine einzige Zeile über sein Leben geschrieben noch je jemanden autorisiert, dies zu tun. Trotz allem erscheinen immer wieder Biografien über ihn. Es gibt Bücher über Bowie und Bisexualität, Bücher über Bowie und Mode, es gibt einen Band aus der 33 ⅓-Serie über das 1977er Album Low, ein Buch ausschließlich über Bowies kurze Berlin-Phase mit Iggy Pop, es gibt Songbücher mit Gitarrengriffen, Enzyklopädien wie Nicholas Peggs The Complete David Bowie, es gibt David Bowie: A Chronology, das alle, die es interessiert, darüber informiert, wo genau sich Bowie am 19. November 1971 oder am 12. Februar 1983 aufhielt und was er dort tat (falls man das denn wissen muss – ich musste es tatsächlich wissen). Letztere Veröffentlichungen haben zumindest einen praktischen Nutzen, anders als einige der alten Schinken, die man bei eBay ersteigern kann und an denen nicht nur äußerlich der Zahn der Zeit genagt hat, weshalb sie heute einfach nur komisch wirken. So zum Beispiel Vivian Claires Publikation David Bowie: The King of Glitter Rock von 1977, worin man Folgendes erfährt: »Bowie ist ein Phänomen, nicht nur aufgrund dessen, was er produziert, sondern auch aufgrund seines Lebensstils. Ein typischer Nachmittag sieht bei ihm so aus: Wahrscheinlich sitzt er in der 45.000 Bände umfassenden Bibliothek seines Hauses in Geneva, Kalifornien, wo ihm in wenigen Stunden ein weiteres Drehbuch aus der Feder fließt (neun Stück hat er bereits verfasst), anschließend schreibt er während einer kleinen Pause zwei neue Songs (was ihn weniger als eine Stunde beschäftigt), zeichnet und malt ein bisschen, bevor er nach unten geht und ein zweistündiges Interview gibt – und das alles nach einer zwanzigstündigen Session im Tonstudio. Zwei Nächte lang hat er nicht geschlafen – und er ist immer noch nicht sonderlich an Schlaf interessiert. Wenn irgendjemand einmal ein Mittel gegen den Schlaf entwickelt, wird es wahrscheinlich Bowie sein.« An keiner Stelle erwähnt Vivian Claire die unchristlichen Mengen wirklich guten Westküsten-Koks’, der von Gaunern mit offenen Hemdkragen geliefert und rund um die Uhr von ihrem ach so produktiven und damals äußerst kranken und paranoiden Titelhelden konsumiert wurde. Bowie behauptet inzwischen sogar, einen Großteil der Ereignisse aus dieser Zeit vergessen zu haben: die Aufnahmen zu Station to Station in den Cherokee Studios in Los Angeles, die Dreharbeiten zu Der Mann, der vom Himmel fiel in New Mexico, die »White Light«-Welttournee, auf der er sein »Thin White Duke«-Alter-Ego vorstellte, wieder Kontakt zu seinem alten Freund Iggy Pop aufnahm und sich mit Brian Eno zusammentat, wobei er bereits ein Auge auf die Erfindung des New Wave geworfen hatte. Eine ganze Menge Stoff, um der Erinnerung zu entgleiten.

Die ganzen »Mein Leben mit Bowie«-Enthüllungsstorys habe ich noch gar nicht erwähnt. Fast scheint es, als habe sich jeder, der mit Bowie aufwuchs, zusammenlebte, arbeitete, schlief, schlafen wollte, ihn produzierte, managte oder managen wollte auf einer dieser vollgestopften Ergebnisseiten der Internetsuchmaschinen verewigt. Bowies Ex-Frau Angie hat zwei exzellente Bücher verfasst: Free Spirit und Einmal und immer wieder. Mein wildes Leben mit David Bowie. Ersteres ist unbedeutender als Letzteres, das erstmals vor 15 Jahren veröffentlicht wurde und nicht zuletzt dadurch bekannter wurde, dass Angie es geschickt vermarktete, indem sie gegenüber bekannten Talkshow-Moderatoren (Joan Rivers und Howard Stern) sehr, sehr vage andeutete, sie habe ihren Ex mit Mick Jagger im Bett erwischt. Diese extrem marketingtaugliche Andeutung fand ihren Niederschlag auch auf einem der besten Touristen-T-Shirts von St. Mark’s Place – einer Straße im New Yorker East Village, die bekannt ist für ihre alternative, punkige Shoppingszene. Ich selbst besitze ein Exemplar davon und versuche gerade, es so zu bearbeiten, dass es einen echten Vintage-Look erhält, damit ich es auch tatsächlich tragen kann. Auf der Vorderseite prangt eine wohl so um 1982 entstandene körnige Schwarz-Weiß-Aufnahme von Bowie mit der Aufschrift I FUCKED MICK JAGGER. Bowies ehemaliger Manager Kenneth Pitt veröffentlichte Anfang der 80er-Jahre ein Buch unter dem Titel David Bowie: The Pitt Report, für das er wohl auf seine alten Tagebücher und Kalendereinträge zurückgegriffen hat. Ebenso wie Angie interviewte ich auch Mr. Pitt für dieses Buch, allerdings (auf sein Drängen hin) lediglich über den Postweg. Einige Wochen im Anschluss an diese altmodische Korrespondenz schickte er mir tatsächlich eine Handvoll getippter Korrekturen zu einigen persönlichen Schreib- und Ausdrucksweisen. Pitt, der inzwischen über 80 Jahre alt ist, ist ein wirklich charmanter Mensch.

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David Bowie ca. 1977 in einem Konzert als sein Alter Ego
The Thin White Duke

Anthony Zanetta, der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des wenig erfolgreichen Entertainmentkonzerns MainMain, den Bowie und sein Manager Tony Defries gegründet hatten, schrieb Stardust – ebenfalls Anfang der 80er-Jahre, als Bowie seine größten kommerziellen Erfolge feierte. Bowie war davon wohl nicht angetan. »Gerade David ist sehr auf sein Image bedacht«, erklärte mir Zanetta, »und er war sehr verärgert darüber, dass ich dieses Buch schreiben wollte, bevor auch nur eine einzige Zeile auf dem Papier stand.«

Angesichts all dieser Memoiren und Biografien fürchtete ich, leicht den Eindruck eines Spekulanten oder, schlimmer noch, eines Sensationsgierigen zu erwecken, wenn ich selbst jetzt auch noch ein Bowie-Buch schrieb. Es ist einfach so, dass ich mir nicht anmaßen kann, etwas aus eigener Anschauung zu wissen, da ich selbst nie zur Bowie-Entourage gehörte – ich bin ein Fan, und so werde ich auch gewiss die fantypische Bewunderung nicht ablegen können. Von den Gillmans erfuhr ich per E-Mail, dass sie keine Bowie-Fans waren, als sie mit der Arbeit an ihrem Buch begannen, sodass sie sich ihrem Thema zunächst völlig unbefangen nähern konnten. Ich hingegen erhielt eine E-Mail von Tony Visconti, einem Mann, dem ich einmal – noch vor der Arbeit an diesem Buch – im Le Bonbonniere bei einem Diner im West Village gegenübersaß, wobei ich beobachtete, wie er Unmengen Toasts verdrückte. Niemand sonst erkannte ihn. Und ich dachte nur: Dieser Mann, der hier gerade die ganzen Toasts verspachtelt, hat »Heroes« produziert, ganz zu schweigen von T.  Rex’ Baby Boomerang. Ich trank Cocktails mit Leuten wie Danny Fields, der Bowie mit Iggy Pop bekannt gemacht hatte, Kaffee mit Lee Black Childers, dem Finanzier von Bowies Managementfirma und dem Babysitter der zugedröhnten Stooges im Jahr 1973, viele weitere Drinks nahm ich zusammen mit Angie Bowie und Jayne County zu mir, die jede für sich eine Ikone ist und die beide entscheidende Rollen im weiteren Umfeld des Bowie-Mythos gespielt haben. Für die Magazine Uncut und Harp interviewte ich in dieser Zeit auch Lou Reed und Iggy Pop. Lou war um einiges angsteinflößender. Iggy war überraschend pünktlich. In der kollektiven Vorstellung aller mit dem Mythos vertrauten Bowie-Fans sind diese Leute bis heute glamrockglitterbesprenkelte, junge geile Bordsteinschwalben-Revolutionäre im Silberlamee-Dress, die auf irgendeiner ewigen Diskotanzfläche zu einem perfekten Soul-Soundtrack – etwa Freda Paynes »Band of Gold« oder Eddie Floyds »Knock on Wood« – herumhüpfen. Sie existieren in einem immerwährenden Wandgemälde der 70er. Ich fühlte mich ein wenig beklommen, und mit ihnen in den Jahren zwischen 2006 und 2009 zu sprechen, sie zu interviewen, Kaffee oder Alkohol mit ihnen zu trinken, und mit ihnen in E-Mail-Kontakt zu stehen, war schon eine ziemlich seltsame Angelegenheit. Sie sind älter geworden. Einige von ihnen sind verbittert. Viele von ihnen sind es einfach müde, immer wieder dieselben Geschichten zu erzählen. »Wenn ich Leute treffe, denen es immer nur um ›David, David, David‹ geht, reagiere ich meist gereizt und sage, dass ich nicht über David sprechen will«, gestand mir Childers. »Er ist gar kein so großer Teil meines Lebens. Tatsächlich verbrachte ich gerade mal zweieinhalb, drei Jahre mit ihm. Zu dieser Zeit war alles zu hundert Prozent David, und ich habe damals weiß Gott eine Menge Erfahrung gesammelt und reichlich Spaß gehabt, aber das ist nicht das, wofür ich bekannt sein möchte.« Leute wie er sind für einen Biografen heutzutage dank Internet wesentlich einfacher zu finden. Viele von ihnen sind auf MySpace und auf Facebook vertreten. Aber es ist viel schwieriger, ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen und sie davon zu überzeugen, dass es in Bezug auf Bücher über Bowie mittlerweile neue Konzepte gibt. Ich habe mein Bestes getan, und ich hoffe, dass mein Buch das Vertrauen verdient, dass sie in mich gesetzt haben.

Es war mir von Anfang an bewusst, dass es eine Herausforderung sein würde, während der Recherchen objektiv zu bleiben. Wie andere, die sich vor mir mit Bowies Biografie beschäftigt haben, bin auch ich mein ganzes Leben lang ein großer Fan gewesen. Wenn jemand, den ich interviewte, Bowie kritisierte – und das geschah oft – musste ich meinen Drang, ihn zu verteidigen, gut im Zaum halten.

Letztendlich habe ich mich eines Kunstgriffs bedient, um einen harmonischen Ausgleich zu schaffen zwischen dem disziplinierten Journalisten, zu dem ich geworden bin, und dem feisten Teenager, der seine Haare orange färbte, in der Hoffnung, dass es ihn Bowie irgendwie ähnlicher, ihn schlank und attraktiv machen würde (was es nicht tat): An verschiedenen Stellen in diesem Buch habe ich die Erinnerungen dieses Teenagers eingestreut. Nennen wir sie Zwischenspiele, Zwischengänge – wie auch immer, sie sind vorhanden und haben ihren Platz neben den rein journalistischen Texten. Sie waren notwendig und ich hoffe, sie tragen dazu bei, das alles nicht nur ernst zu sehen.

Die Idee, mit einer Biografie über Bowie gerade in einer Zeit zu beginnen, in der Bowie länger nichts von sich hat hören lassen als je zuvor, mag verwundern. Zu der Zeit, zu der ich diese Zeilen schreibe, hat er seit 2003 kein neues Album mehr herausgebracht. Seit der Notoperation an seinem Herzen im darauf folgenden Jahr ist er nicht mehr auf Tour gegangen. Davor war Bowie so produktiv wie Woody Allen, Tyler Perry, Ryan Adams oder Prince, eben einer jener Künstler, die kein Jahr verstreichen lassen, ohne ihrem Publikum irgendetwas zu bieten. Die Popkultur ist besser über Bowie informiert denn je, die Twitter-Ära scheint ja geradezu gemacht dazu, sich immer wieder neu zu erfinden, und eignet sich perfekt für den Medienrummel und um rasch von einer Idee zur nächsten zu hüpfen (Bowie behauptete einmal »die Aufmerksamkeitsspanne eines Grashüpfers« zu haben). Sein immenser Einfluss auf andere wie auch die Tatsache, dass er sich so rar gemacht hat, waren in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts so spürbar, dass ich anfänglich fürchtete, ein Buch über Bowie von der Perspektive der Popkultur aus aufzuziehen, würde einer an einen schweigenden Gott gerichteten Schimpftirade gleichkommen – einen, der alles geschaffen hat und sich dann davonmacht. Ich habe tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, dieses Buch »God and Man« zu nennen (Bezug nehmend auf den Text von Bowies 1983er Hit »Modern Love«). Mit Sicherheit habe ich meinem Agenten damals all das und noch viel mehr zu Bedenken gegeben, als wir über unseren Bieren saßen.

Nach unserem Treffen in der Cedar Tavern rauchten mein Agent und ich noch eine Zigarette zusammen, bevor wir uns mit einem Händedruck voneinander verabschiedeten. Ich war immer noch nicht davon überzeugt, eine Bowie-Biografie zu schreiben, aber ich hatte versprochen, darüber nachzudenken. Kurz darauf stand ich an der südwestlichen Ecke der Kreuzung Broadway und Tenth Street und wartete darauf, dass die Ampel auf Grün umschlug. Hinter mir lag eine Filiale der Chase-Bank. Auf der anderen Straßenseite standen ein Appartementgebäude aus der Vorkriegszeit und ein moderner Feinkostladen. Kitty-corner war das Nagelstudio, das meine damalige Freundin regelmäßig besuchte. Ihm gegenüber lag die alte Grace Church. Mitten auf der Straße tummelten sich PKWs, Taxen, LKWs, Fahrräder, Mofas, Bettler und Polizisten. Und direkt zu meiner Rechten, etwa zwei Schritte von mir entfernt, stand den Arm in die Höhe gestreckt vor einem Briefkasten – David Bowie.

Ich tat, was jeder New Yorker tut, wenn er auf einen Prominenten trifft, ob eingefleischter Bowie-Fan oder nicht. Ich sagte ganz ruhig zu mir: »Okay, dieser Kerl da sieht David Bowie frappierend ähnlich.« Die erste Reaktion, die der Kodex verlangt, ist Ruhe bewahren, vor allem, wenn gerade kein Alkohol zur Hand ist. Wir müssen vergessen, was uns diese Personen eventuell bedeutet haben oder nicht bedeutet haben. Völlig mechanisch verfallen wir in den Cool-Man-Modus und dürfen nie und nimmer den Anschein vermitteln, dass wir irgendwie beeindruckt wären. Immerhin sind wir unerschütterliche New Yorker. Die Stimme in meinem Kopf klang bedächtig, die Stimme eines Rabbis oder Mathelehrers: »Aber das kann unmöglich David Bowie sein. Habe ich nicht gerade noch über David Bowie gesprochen? Das ist David Bowie. Mannomann, David Bowie. Kaum zu fassen.«

Ich hatte munkeln hören, dass er sich nach seiner Erkrankung einen langen Bart hätte wachsen lassen und seitdem inkognito durch die City schleiche. Manch einer wollte sogar wissen, dass er sich ausgefeilter Verkleidungen bediene, wie es angeblich Michael Jackson in seinen letzten Jahren getan haben soll. Die bucklige Asiatin, die ihren kleinen weißen Hund auf der Second Avenue spazieren führt? David Bowie. Vielleicht. Der schmerbäuchige lateinamerikanische Verkehrspolizist, der gerade ein Knöllchen an einen Chevrolet Suburban neben einer abgelaufenen Parkuhr pinnt? Bowie.

Mein nächster Gedanke war: »Gut sieht er aus.« Wie viele Bowie-Fans war ich besorgt wegen der Wirkung, die die Herz-OP auf David Bowie gehabt haben könnte. Als ob es der Auslöser für eine innere Krise für uns Gesunde wäre, wenn man etwas Ungewöhnliches, eine Beule oder eine Wulst, in seinen ewig scharfen, lebhaften und attraktiven Gesichtszügen entdeckte. Ebenso ging es mir nach David Lettermans Operation und seiner anschließenden Rückkehr zur Late Show.

Bowie trug ein cremefarbenes Sportsakko und ein graues Hemd. Niemand sonst auf der Straße schien ihn zu erkennen. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn er ein paar Blocks weiter oben in Chelsea gestanden hätte oder weiter unten in Soho. Aber die East Tenth Street gibt sich relativ gleichgültig, vor allem an einem Nachmittag mitten in der Woche.

»Was geht vor in seinem Kopf? Jetzt im Moment?«, fragte ich mich, während ich ein paar Schritte zurücktrat und mir ein wenig von der typischen Nervosität eines Fans zugestand, nachdem ich sicher war, dass ich ihn unbemerkt beobachten konnte: Niemand beobachtete mich wie ich David Bowie beobachtete. »Was denkt er? Dieser Mann, der ›Quicksand‹ geschrieben hat. Dieser Mensch da vorne, der auf dem Höhepunkt von ›Heroes‹ geschrien hat ›I – I will be king! And you – you will be my queeeen!‹, was bei mir jahrzehntelang unfehlbar für eine Gänsehaut gesorgt hat, obwohl der Song in Reklamefilmen verbraten und von den Wallflowers gecovert worden ist. Nun, ich weiß, was er denkt, nicht wahr? Er denkt: ›Taxi. Ich brauche ein Taxi. Warum bloß hält keines dieser Taxis für mich an?‹« Es war so dermaßen unwahrscheinlich, dass an einem Dienstagnachmittag eine so große Berühmtheit wie David Bowie irgendwo auf der Tenth Street stand, dass selbst die Taxifahrer an ihm vorbeifuhren.

Ich sprach David Bowie an diesem Nachmittag nicht an. Ich signalisierte nicht einmal, dass ich wusste, wer er war, oder dass sein Leben, seine Kunst und seine Musik meinen ganzen Lebensweg beeinflusst hatten und dass ich nur wenige Minuten zuvor über ihn gesprochen hatte und überlegte, mich in den kommenden Jahren Tag für Tag mit ihm zu beschäftigen. Ich spielte den Supercoolen, wie er es uns Bowie-Fans ursprünglich beigebracht hat. Ich war jemand anderes. Ich war in eine Rolle geschlüpft.

p-19

David Bowie (fast) anonym unterwegs in New York

Das Licht veränderte sich und ich überquerte den Broadway wie betäubt. Ich ging an dem Plattenladen in meinem Wohnblock vorbei und murmelte: »David Bowie  …  Platten  …  da drin  …  ›China Girl‹, ›Fashion‹.« Ich betrat meine Wohnung und rief sofort meinen Agenten in seinem Büro an. Ich teilte ihm mit, dass ich über die Sache nachgedacht hätte und dass ich das Buch schreiben würde und dass ich überzeugt wäre, es sei eine gute Zeit, um nach Bowie in der modernen Welt zu suchen und eine erneute Diskussion über seine Bedeutung anzuregen. »Das ging ja schnell«, sagte er. »Was hat dich überzeugt?« »Ich fühlte mich ihm plötzlich näher«, entgegnete ich.

Und so war es, allerdings nicht so nah, wie ich mich ihm jetzt fühle, und nicht so nah, wie ich hoffe, dass Sie sich ihm bald fühlen werden.

Marc Spitz
New York City im August 2009

BEI MAXIMALER LAUTSTÄRKE ZU LESEN!

PROLOG

Es war der zweite Abend des viertätigen CMJ Musikmarathons und Filmfestivals 2005, von den meisten schlicht CMJ genannt. Arcade Fire, eine Indie-Band aus Montreal um das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne, fuhr sozusagen eine Ehrenrunde, nachdem sie bereits im Vorjahr zur Legende geworden war. Ihr Debütalbum Funeral, eine Reflexion zum Thema Verlust, dem man letztlich doch noch etwas Positives abgewinnen kann, erhielt die bis dato fast einmalige Note 9,7 von der Musik-Website Pitchfork, die ansonsten mit ihrem Lob eher geizt, woraufhin ein verworrenes, beängstigendes Jahr vor ihnen lag, eines nach dem Motto: Such dir eine freie Toilette am Veranstaltungsort, schließ die Tür hinter dir und atme einmal tief durch – ein Jahr, wie es nur wenige Bands in diesem Jahrzehnt kennengelernt haben, zu denen gewiss die White Stripes, die Strokes und die Killers zählen.

Es war die Art von Run, den eine junge Band wirklich nur einmal haben kann, ein Run, der sie Orte besuchen und an Stätten auftreten lässt, die sie bis dahin lediglich als orange, gelbe und rotbraune Flecken auf der Weltkarte kannten. Es ist das Jahr, in dem einige von ihnen mit Filmstars ins Bett gehen, in dem sie ihre Rechnungen – wenn überhaupt – nicht mehr selbst zahlen müssen, das Jahr, in dem ihre Hauptsorge in der Frage besteht, wie sie ein zweites Album auf die Beine stellen sollen, während sie gleichzeitig auf Tour sind. Leadsänger fangen in solchen Zeiten an, zu überlegen, ob ihre Frisur und ihre Zähne so gut aussehen wie sie könnten und ob sie ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen, wenn sie etwas daran verändern. Es ist auch das Jahr, in dem sie ihre Helden treffen. Jeder, der – wie ich selbst ein paar Mal – Zeuge eines solchen Treffens geworden ist, wird feststellen, dass es dem Empfang des Super-Bowl- oder World-Series-Siegerteams beim US-Präsidenten ähnelt: Etwas gespreizt werden Glückwünsche ausgesprochen und eventuell ein paar Ratschläge erteilt. Bono und Bruce Springsteen sind berühmt dafür, solcherart »Gespräche« mit ehrfurchtsvollen und überwältigten Newcomern zu führen. Rocklegenden, die für sich selbst etwas aus solchen Treffen mitnehmen, sind rar. In dieser Woche genossen Arcade Fire die Gesellschaft der Rocklegende, die sich von allen wohl am rarsten macht.

»Das ist ein David-Bowie-Song«, erklärte Butler der Menge, während seine Haare über seine hohen Wangenknochen fielen. 3000 Handy-Kameras schnellten in die Höhe, als Butler die ersten Akkorde von »Queen Bitch« anschlug. Der Song ist knapp zehn Jahre älter als er selbst, er stammt von Bowies 1971 erschienenem Album Hunky Dory (für alle, die es genau wissen wollen: Butler wurde im Frühjahr 1980 geboren, kurz bevor Bowie Scary Monsters herausbrachte). Es ist ein New-York-Song, eine Hommage an den groben, geschwätzigen, spitzzüngigen Songwriting-Stil von Lou Reed. »Queen Bitch« markierte zur Zeit seiner Veröffentlichung für Bowie einen deutlichen Stilwandel. Als Fan muss man sich bis zu seinen unbedeutenden R & B-Platten aus den frühen 60ern zurückhören (als er sich als Frontmann solcher dem Untergang geweihten Combos wie den King Bees verdingte), um auf eine so sexgeladene Performance zu stoßen. Die meisten seiner Songs aus der Mitte bis zum Ende der 60er-Jahre prägte ein ernster Gesang, der teils ein wenig folkig anmutete, wie in den getrageneren Stücken von Simon & Garfunkel, teils melodramatisch und poppig in der Art von Scott Walker.

Arcade Fire ist eine vielköpfige Band, eine Art lockeres Kollektiv, in dem ein Freund aus einer anderen Stadt, der zufällig vorbeikommt und eine Dobro oder eine Fiddle dabeihat, für ein kleines Intermezzo jederzeit willkommen scheint. Sie weben einen patchworkartigen Klangteppich, der mühelos ein ganzes Stadion ausfüllt, während er sich zugleich eine verwunschen-geisterhafte Note bewahrt. Nur zu leicht lässt sich vorstellen, dass ein Gastsänger in dieser Klangwelle (die sie mit einer Leidenschaft spielen, die gelegentlich fast übertrieben wirkt, etwa wenn sie ihre Köpfe wie wild kreisen lassen) ertrinken könnte. Aber der Mann in dem weißen Anzug, der auf das Mikrofon zusteuert und die erste Zeile hineinschmettert – »I’m up on the eleventh floor and I’m watching the cruisers below« –, ist kein gewöhnlicher Mensch. Er hält nicht nur der Klangwelle stand (und verwandelt die Headliner in eine Backing Band noch bevor er zu der Zeile kommt »He’s down on the street and he’s trying hard to pull sister Flo«), sondern übertönt auch das ekstatische und ungläubige Getöse der Menge. Nicht, dass es ein großes Geheimnis gewesen wäre. Arcade Fire haben Bowie offenkundig bezaubert. Vielleicht erinnerten sie ihn an seine eigenen unkonventionellen Sessions im Londoner Vorort Beckenham Ende der 60er-Jahre. Diese sogenannten Arts Labs fanden jeden Sonntagabend statt und dauerten oft bis zum Sonnenaufgang am Montagmorgen; bis dahin hatte man ehrgeizige Ideen ausgetauscht und die Überzeugungskraft neuer Songs erprobt. Das Equipment von Arcade Fire – übersät mit zahlreichen Kratzern und Aufklebern – hatte genau die Anmutung eines solch muffigen, verqualmten Ad-hoc-Studios. Ja, sie waren aufregend; U2 hatten sich kurz zuvor ebenfalls mit ihnen verbündet. Ja, sie waren neu; ihre Songs boten einen kräftigen emotionalen Aufruhr in einer Zeit, die von großspurigem Garage Rock geprägt war. Aber sie waren auch immer noch die Schmuddelkinder der freien Künste, vor denen sich die Tore der Welt nun im Eiltempo öffneten, und das brachte Bowie offenbar zu seinem kreativen Ausgangspunkt zurück; einen Ort, an den er – im Lichte einschneidender Ereignisse betrachtet, die das Jahr 2004 für ihn bereitgehalten hatte – zurückkehren musste. Ich wiederhole es noch einmal, um es zu unterstreichen: Es ist selten, dass eine Rocklegende aus einem Treffen mit jungen, aufstrebenden Musikern etwas für sich selbst mitnimmt.

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Bowie 1971 in Beckenham

Bowie hat über die Band gebloggt und war mit ihr anlässlich der vom Fernsehen übertragenen Wohltätigkeitsveranstaltung Fashion Rocks am 8. September 2005 in der Radio City Music Hall aufgetreten. Bei dieser Übertragung, nur eine Woche vor dem oben genannten Auftritt, wirkte er immer noch ein wenig gebrechlich. Er trug einen hellgrauen Anzug und ein schwarzes Hemd, und auf all jene, denen sein schlankes, elegantes Gesicht vertraut war, wirkte er ein wenig aufgedunsen und älter als zuvor. Fashion Rocks war Bowies erster Bühnenauftritt nach seiner Behandlung, und selbst Rocklegenden sind nervenaufreibenden Situationen gegenüber nicht immun. (Man erinnere sich nur an John Lennon, der sich 1974 kurz vor seinem Auftritt mit Elton John hinter der Bühne des Madison Square Garden erbrach, als hätte er nie zuvor in einem ausverkauften Shea Stadium oder Candlestick Park gestanden.) Der siebentägige Umgang mit Arcade Fire und vielleicht auch die warme Nachtluft hatten Bowie gut getan. Er hatte schlechte Kritiken als Kulturvampir geerntet, seit der Zeit als Human League und Devo als das nächste große Ding gehandelt worden waren, aber selbst wenn man damit richtig lag, so ging es damals doch um die Verjüngung des Sounds. Die Central-Park-Show, der eine Spannung zugrunde lag, die bei Fashion Rocks fehlte, war gleichbedeutend mit einer Verjüngung des Geistes, und dort, auf der Bühne, als er die Leadstimme zu Wake up, dem bekanntesten Arcade-Fire-Song, übernahm, schien Bowie seine Verletzlichkeit, seine eigene Unbeständigkeit und die Unsterblichkeit seiner Musik, seiner Legende und seines Einflusses irgendwie wieder in einen funktionsfähigen Zustand zu bringen. Er sah aus, als hätte er den Song selbst geschrieben.

»Something filled up my heart with nothin’«, sang er. »Someone told me not to cry. But now that I’m older, my heart’s colder, and I can see that it’s a lie.« Dort oben auf der Bühne war er ein Gott, der Ehrfurcht erweckte, sowohl beim Publikum als auch bei den Musikern, zu denen er sich gesellt hatte. Aber er war auch ein Mensch, der sich vor Überanstrengung hütete, der die einzelnen Schritte gerade erst wieder erlernte, der älter war als der Sänger und der Drummer der Band zusammen – und dennoch wieder einmal brandneu. Bis heute war es die letzte Transformation in Bowies inzwischen fast 50-jähriger Karriere, und wie jede vorangegangene Bowie-Inkarnation erregt auch sie unsere Aufmerksamkeit für das, was als Nächstes kommen mag, und beeinflusst unsere Meinung über alles, was vorher war.

2.

Auf der High Street im Südlondoner Vorort Bromley reihen sich Handyläden an Subway-Restaurants und Starbucks-Fillialen. Damit unterscheidet sie sich kaum von anderen Einkaufstraßen auf dieser Welt: dichtgedrängt, belebt, voller Fußgänger in Freizeituniform. Ein Doppeldeckerbus fährt vorbei und bringt Menschen nach Hause oder zur Arbeit. Ein paar berühmte Söhne des Viertels haben viel dafür getan, um die Kluft, die zwischen solch eintönigem Alltagstrott und dem menschlichen Fortschritt liegt, zu überwinden und ihr die Aussicht auf eine wilde, aufregende Zukunft entgegenzusetzen. Bromley ist nicht nur die Gegend, in der David Bowie aufwuchs, auch Herbert George Wells, besser bekannt als H. G. Wells, wurde hier geboren. Wells, der Vater der Science-Fiction, oft bezeichnet als »der Mann, der die Zukunft erfand«, war nicht nur progressiv, sondern auch ein Futurist. Die Insel des Dr. Moreau und Krieg der Welten überstrahlen seine Essays und seine weniger fantasievollen fiktionalen Werke. Wobei die Romane Ann Veronica und The Passionate Friends genau jene Art von freier Sexualität verfechten, die Bowie und seine Frau Angie über ein halbes Jahrhundert später ausleben sollten. Wie die Ehe der Bowies, so war auch die der Wells zu allen Seiten hin offen. (Wells und seine Frau Isabel lebten sich übrigens ebenfalls auseinander und ließen sich nach nur wenigen Jahren scheiden.) Wells hatte bis ins hohe Alter etliche Affären (häufig mit viel jüngeren Frauen). Wie Bowie kam auch er nicht aus einem wohlhabenden Elternhaus. Seine Mutter und sein Vater arbeiteten in einem Porzellangeschäft. Herbert lebte im Souterrain. Er tauchte ab in die Welt der Bücher und des Sternenhimmels (Letzteren betrachtete er durch ein Teleskop, das er sich auf dem Landsitz geliehen hatte, wo seine Mutter eine Stelle als Haushälterin angenommen hatte). Wie Bowie entfloh er seiner Herkunft aus der Arbeiterklasse mit Disziplin und Intelligenz. Wie bei Bowie zeigten sich diese Disziplin und sein Talent schon in jungen Jahren; seinen ersten Roman The Desert Daisy schrieb er mit zehn (Bowie nahm mit zwölf Unterricht bei dem angesehenen Jazz-Saxofonisten Ronnie Ross). Vor allem aber hatte Wells ebenso wie Bowie ein vorrangiges Ziel: Er wollte weg von Bromley.

»Es war kein Ort, der mit viel Prominenz aufwarten konnte«, erklärte mir Hanif Kureishi, der Autor von Der Buddha aus der Vorstadt und ein weiterer berühmter Bromley-Spross, in seinem abgehackten und (zumindest für einen Autoren) etwas hart klingenden Akzent. »Und H. G. Wells war jemand, auf den man sehr stolz sein konnte. Er war ein absolut angesagter Autor.« Die britische Mittelklasse lässt sich, wie mir gesagt wurde, mit der gehobenen amerikanischen Arbeiterklasse vergleichen. Das heißt, sie verfügt über genügend Geld, um Nahrungsmittel zu kaufen und Rechnungen zu bezahlen, besitzt aber nur geringe Mittel für besondere Annehmlichkeiten oder Luxusgüter. Man besitzt also ein kleines Haus statt einer winzigen Wohnung. Außerdem kann sich manche Familie eines Baumes im Garten rühmen, der es den Bewohnern erlaubt, etwas Grünes zu sehen, wenn sie aus dem Fenster schauen, und es den Nachbarn erschwert, alles mitzuverfolgen, was im Inneren vorgeht.

In den 50er-Jahren ließen sich in Bromley zahlreiche Immigranten aus Westindien nieder und suchten Arbeit beim Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Infrastruktur. Als die britische Wirtschaft in dem Jahrzehnt nach dem Krieg langsam wieder zu Kräften kam, investierten viele weiße Familien wie die Jones ihre Ersparnisse und zogen von der Stadt in die sich rasant entwickelnden Vorstädte. Dasselbe geschah in Amerika, nur dass die Häuser dort größer waren; auch die Träume vom sicheren, mit allem modernen Komfort ausgestatteten Eigenheim im Grünen, auf das mehr Menschen als je zuvor ein Anrecht zu haben glaubten, ähnelten sich. Allerdings hätten sich nur wenige aufstrebende amerikanische Familien für ein so bescheidenes Eigenheim entschieden wie das am Canon Drive 106, in das die Familie Jones im Winter 1953 bezog; es besaß ja nicht einmal eine Einfahrt, die Platz für einen Cadillac oder einen Buick geboten hätte! Aber für alle vom Blitzkrieg gebeutelten Engländer, die ein gewisses Alter erreicht hatten, bedeutete es einen Riesenschritt nach vorn. Im darauffolgenden Jahr zogen die Jones erneut um, diesmal in ein etwas größeres, leicht zurückgesetztes Haus an der Clarence Road 23. Hier konnten sie sich der Illusion von Zurückgezogenheit noch ein wenig besser hingeben. Dennoch wird man, wenn man heute an diesen Häusern entlangschlendert (die sich wie jene in Brixton oft kaum verändert haben), das Gefühl nicht los, dass den Nachbarn die Angelegenheiten der Bewohner nicht wirklich verborgen bleiben können. Vielleicht liegt es daran, dass nur wenige dieser Gebäude, die jeweils zwei bis drei Stockwerke hoch sind, weiter als fünf Meter voneinander entfernt stehen. Jemand, der unter Platzangst leidet, muss sich im Inneren fühlen, als würde er langsam ersticken. Man atmet dieselbe Luft wie die eigenen Eltern und Geschwister, aber auch dieselbe Luft wie die erträglichen oder verschmähten Nachbarn. Falls man der in dieser Luft liegenden Energie eine Botschaft entnehmen kann, dann diese: Es wäre besser, wenn hier nichts Seltsames geschähe, denn anderenfalls würden es alle erfahren.

»In Englands Vorstädten leben vor allem Menschen mit konservativen Ansichten«, sagt Punk-Ikone Siouxsie Sioux, die im nahe gelegenen Chislehurst aufwuchs. »Zucke bloß nicht mit den Mundwinkeln und kümmere dich um deinen eigenen Kram, aber insgeheim will jeder alles über die anderen wissen.«

Die dritte und letzte Adresse der Jones in Bromley, das Haus an der Plaistow Grove 4, befindet sich in einer Rundstraße, direkt hinter einem Pub im Tudor-Stil namens The Crown. Man blickt von dort aus auf einen überwucherten Maschendrahtzaun und eine aus dunklem Holz gezimmerte Bahnstation. Des Nachts hörte der vorpubertäre David das Gemurmel aus dem Hinterzimmer des Pubs, der direkt unter seinem Fenster lag, nur etwa zehn Meter entfernt hinter einem dünnen Sperrholzzaun. Das Crown steht noch heute und hat »schmackhaftes Essen und leckere Biere« im Angebot. Vielleicht wirkte das Pub-Gemurmel einschläfernd, ähnlich wie ein laufender Fernseher oder ein Radio. Vielleicht lenkte es auch ab. Manch einer spricht, wenn er ein paar Gläser intus hat, Dinge aus, die ein kleiner Junge nicht unbedingt hören möchte. Hörte David, wie sich Soldaten und Kaufleute über das Reisen unterhielten? Weckte das zusammen mit den vorbeirauschenden Zügen, die von seinem Bett aus ebenfalls nicht zu überhören waren, sein Interesse für eine Welt jenseits dieses bescheidenen zweistöckigen Hauses mit dem steinernen Pfad und der handtuchgroßen Rasenfläche, die heute von Löwenzahn übersäht ist? Die Nähe zum Pub und der Bahnstation legen diese Vermutung nahe. Und wenn ihn das alles tatsächlich umtrieb, dann gab es nur zwei Möglichkeiten, seiner engen Welt zu entkommen: mithilfe der eigenen Fantasie – und letzten Endes, indem man einen der Züge nahm, die am Bahnhof hielten. Es mag dieser Ort gewesen sein, an dem das Bedürfnis nach intellektueller Stimulation und befreiender Sinnsuche in der Persönlichkeit des jungen David Jones wachgerufen wurde. Wenn man die Betonbrücke überquert, die zum Bahnhof führt, und auf die Schienen hinabblickt, fällt es schwer, sich nicht zu fragen, wie seltsam es für den erwachsenen David gewesen sein muss, aus der Stadt hierhin zurückzukehren, nachdem er am Abend zuvor im Marquee Club in Soho aufgetreten ist. Immerhin lebte er noch hier, als er schon lange Berufsmusiker war. Ich stelle mir vor, dass er Peggy und John im Schlafzimmer schnarchen hörte. Es wirkt wie ein augenzwinkernder Kommentar für Bowie-Fans – den Menschen, die in Bromley leben, bedeutet es wahrscheinlich wenig –, dass sich direkt gegenüber des Pubs und zum rückwärtigen Zaun von Bowies ehemaligem Elternhaus bzw. zum Fenster seines Jugendzimmers hin ein Kostümverleih befindet mit einem riesigen Schaufenster voller Modepuppen in Renaissancekostümen und Gesellschaftsgarderobe aus der viktorianischen Ära. Sein Name: Larger Than Life Stagewear: Theatrical Costumes for Hire. Obschon es sich bei diesem Geschäft offensichtlich um eine der wenigen Neuerungen in dieser Straße handelt, die nur langsam modernisiert wird, birgt sein Angebot einen großen Symbolgehalt. Denn es waren Kostüme, mit deren Hilfe sich David sein H. G.-Wells-Lebewohl-Bromley-Ticket verdiente.

Um ihrem neuen Status gerecht zu werden, legten die Jones großen Wert darauf, dass ihr Kind jederzeit vorzeigbar war. Das 1958 in seiner Grundschule, der Burnt Ash in Bromley, geschossene Klassenfoto zeigt David im gestärkten Hemd mit akkurat gescheiteltem Haar, er sieht eher aus wie die Miniaturausgabe eines Erwachsenen denn wie ein zerzauster Lausbub. Dasselbe gilt für seine Klassenkameraden.

»David war stets sauber, ordentlich und makellos«, sagte Bowies Tante Pat Antoniou. »Meine Schwester machte immer eine große Sache daraus. Alle fünf Minuten sagte sie: ›Zieh deine Socken hoch‹ oder ›Hast du dir auch das Gesicht gewaschen?‹«

Seine gesamte Kindheit hindurch und selbst als Erwachsener war David schrecklich schüchtern. Es fällt uns naturgemäß schwer, zu glauben, dass irgendeine Berühmtheit schüchtern ist, da wir sie ausschließlich im Licht der Öffentlichkeit betrachten, in dem sie strahlend und überlebensgroß wirkt. Happy Days